Die Stadt ist alt.
Sie ist aus Stein. Die Häuser sind grau. Die Straßen sind eng. In der Mitte der Stadt steht ein Turm.
Der Turm ist hoch. Er hat keine Tür. Er hat kein Fenster. Er steht einfach da.
Am Tag sehen viele Menschen den Turm.
Die Kinder sehen ihn. Die Händler sehen ihn. Die Frauen am Brunnen sehen ihn. Die Männer mit den Wagen sehen ihn.
Aber niemand spricht gern über den Turm.
In der Nacht ist die Stadt still.
Die Türen sind zu. Die Fenster sind dunkel. Die Hunde schlafen. Die Pferde schlafen. Auch die Kinder schlafen.
Nur ein Mann ist wach.
Er ist alt. Sein Haar ist weiß. Sein Rücken ist krumm. In seiner Hand trägt er eine Laterne.
Die Laterne ist klein. Das Licht ist gelb. Das Licht ist nicht stark. Aber es bleibt.
Jede Nacht geht der alte Mann durch die Stadt.
Er geht langsam.
Er geht an den Häusern vorbei.
Er geht zum Brunnen.
Er geht zur alten Brücke.
Dann geht er zum Turm.
Vor dem Turm bleibt er stehen.
Er hebt die Laterne.
Er sieht den Stein.
Er sieht den Boden.
Er sieht die Luft.
Dann sagt er leise:
„Noch nicht.“
Danach geht er weiter.
Viele Menschen kennen den Mann. Sie nennen ihn den Laternenmann.
Ein Kind fragt seine Mutter:
„Warum geht der Laternenmann jede Nacht hinaus?“
Die Mutter sagt:
„Er sucht etwas.“
„Was sucht er?“
Die Mutter sieht zum Turm. Dann sieht sie weg.
„Ich weiß es nicht.“
Das Kind heißt Mira. Mira ist klein. Sie hat schwarze Haare und helle Augen. Sie fragt gern. Sie fragt zu viel, sagt ihr Vater.
Aber Mira denkt: Man kann nicht zu viel fragen.
Am Abend liegt Mira im Bett. Draußen ist es dunkel. Sie hört Schritte auf der Straße.
Langsame Schritte.
Mira steht auf. Sie geht zum Fenster. Sie sieht den alten Mann. Er trägt seine Laterne.
Mira öffnet das Fenster.
„Laternenmann!“
Der alte Mann bleibt stehen. Er sieht nach oben.
„Ja?“
„Was suchst du?“
Der alte Mann sagt nichts.
Mira wartet.
Der alte Mann sieht die Laterne an. Dann sieht er Mira an.
„Ich suche, was verloren ist.“
„Was ist verloren?“
„Das weiß ich erst, wenn ich es finde.“
Mira denkt nach. Das ist eine seltsame Antwort.
„Kann ich helfen?“
Der alte Mann lächelt nicht. Aber seine Stimme ist freundlich.
„Vielleicht.“
Mira nimmt ihren Mantel. Sie geht leise aus dem Haus. Die Straße ist kalt unter ihren Füßen. Der alte Mann wartet.
„Du bist sehr klein“, sagt er.
„Du bist sehr alt“, sagt Mira.
Jetzt lächelt der Mann doch.
Sie gehen zusammen durch die Stadt.
Die Laterne macht einen kleinen Kreis aus Licht. Im Licht sieht Mira Steine, Wasser, Staub und ihre eigenen Hände.
Außerhalb des Lichts ist alles schwarz.
„Warum ist dein Licht so klein?“, fragt Mira.
„Weil eine kleine Laterne leichter zu tragen ist.“
„Aber eine große Laterne zeigt mehr.“
„Ja“, sagt der Mann. „Aber man muss sie auch tragen können.“
Sie gehen zum Brunnen. Das Wasser ist dunkel. Mira sieht ihr Gesicht im Wasser. Das Gesicht bewegt sich.
„Ist da etwas?“, fragt sie.
„Sieh genau hin“, sagt der Mann.
Mira sieht.
Sie sieht Wasser.
Sie sieht Stein.
Sie sieht die Laterne im Wasser.
„Ich sehe nur Licht“, sagt sie.
„Das ist nicht wenig.“
Dann gehen sie zur Brücke. Unter der Brücke fließt ein kleiner Fluss. Der Fluss ist schwarz und leise.
„Woher kommt das Wasser?“, fragt Mira.
„Aus den Bergen.“
„Und wohin geht es?“
„Zum Meer.“
„Warst du am Meer?“
„Nein.“
„Woher weißt du es dann?“
Der alte Mann bleibt stehen.
Lange sagt er nichts.
Dann sagt er:
„Manche Dinge weiß man, weil andere Menschen sie sagen. Manche Dinge weiß man, weil man sie sieht. Und manche Dinge weiß man gar nicht. Man trägt sie nur.“
Mira versteht das nicht ganz. Aber sie merkt sich die Worte.
Am Ende gehen sie zum Turm.
Der Turm ist sehr dunkel. Die Laterne macht nur einen kleinen Fleck auf dem Stein.
Mira berührt die Mauer. Der Stein ist kalt.
„Warum hat der Turm keine Tür?“
„Vielleicht hat er eine Tür“, sagt der Mann.
„Ich sehe keine.“
„Nein.“
„Dann hat er keine.“
Der Mann schaut sie an.
„Ist alles, was du nicht siehst, nicht da?“
Mira will sofort ja sagen. Aber sie sagt es nicht.
Sie denkt an den Fluss. Sie hat das Meer nie gesehen. Aber vielleicht ist es da.
Sie denkt an die Berge. Sie hat die Berge nie gesehen. Aber vielleicht sind sie da.
Sie denkt an ihre Mutter im Haus. Sie sieht sie jetzt nicht. Aber ihre Mutter ist da.
Mira sieht wieder den Turm an.
„Vielleicht hat er eine Tür“, sagt sie langsam. „Aber nicht für Augen.“
Der alte Mann nickt.
Dann hebt er die Laterne höher.
Das Licht fällt auf den Stein. Einen Moment lang sieht Mira etwas. Es ist nur ein Zeichen. Oder vielleicht nur ein Riss.
Es ist rund wie ein Auge.
Dann ist es weg.
Mira atmet schnell.
„Hast du das gesehen?“
Der Mann senkt die Laterne.
„Ja.“
„Was war das?“
„Vielleicht eine Antwort.“
„Auf welche Frage?“
Der Mann sieht zum Himmel. Dort stehen viele Sterne.
„Das ist die schwere Sache“, sagt er. „Man findet manchmal eine Antwort. Aber man kennt die Frage noch nicht.“
Mira wird still.
Die Nacht ist kalt. Die Stadt schläft. Der Turm steht vor ihnen.
„Warum machst du das jede Nacht?“, fragt Mira leise.
Der Mann sieht auf seine kleine Laterne.
„Weil Dunkelheit nicht nur draußen ist.“
Mira wartet.
„Manchmal ist Dunkelheit in einem Haus. Manchmal in einer Stadt. Manchmal in einem Menschen.“
„Und Licht hilft?“
„Nicht immer.“
„Warum trägst du es dann?“
Der Mann gibt Mira die Laterne.
Sie ist warm. Nicht heiß. Nur warm.
„Weil man nicht immer wissen muss, ob etwas hilft“, sagt er. „Manchmal muss man es trotzdem tragen.“
Mira hält die Laterne. Der kleine Kreis aus Licht liegt auf ihren Händen.
Der alte Mann sieht müde aus.
„Morgen“, sagt er, „gehe ich wieder.“
„Darf ich mitkommen?“
Er sieht den Turm an.
Dann sieht er Mira an.
„Wenn du wach bist.“
Mira bringt die Laterne zurück. Dann läuft sie nach Hause. Sie legt sich ins Bett.
Am Morgen fragt ihre Mutter:
„Hast du gut geschlafen?“
Mira sieht zum Fenster. Draußen ist der Tag hell. Die Menschen gehen durch die Stadt. Sie reden. Sie lachen. Sie tragen Brot, Wasser und Holz.
Der Turm steht in der Mitte.
Alle sehen ihn.
Niemand spricht über ihn.
Mira sagt:
„Ja. Ich habe gut geschlafen.“
Aber das ist nicht ganz wahr.
Denn in ihrem Kopf ist eine Frage.
Und die Frage trägt ein kleines Licht.