In der Stadt am Fluss gibt es jeden Morgen einen Markt.
Dort stehen Tische.
Dort stehen Wagen.
Dort liegen Brot, Salz, Stoff, Öl und Äpfel.
Die Menschen rufen laut.
„Frisches Brot!“
„Gutes Salz!“
„Roter Stoff!“
Auf dem größten Platz steht ein Händler.
Er heißt Aron.
Aron hat einen blauen Mantel. Er hat schöne Schuhe. An seiner Hand trägt er drei Ringe.
Aron verkauft viele Dinge.
Er verkauft Öl aus dem Süden.
Er verkauft Stoff aus dem Westen.
Er verkauft Salz aus den weißen Hügeln.
Er verkauft kleine Messer, bunte Schalen und feine Ketten.
Viele Menschen kaufen bei Aron.
Deshalb sagt Aron oft:
„Alles hat einen Preis.“
Die anderen Händler lachen dann.
Aber Aron lacht nicht.
Er meint es ernst.
Eines Tages ist der Markt sehr voll.
Viele Menschen sind da.
Ein Fischer verkauft Fische.
Eine Bäckerin verkauft Brot.
Ein Kind verkauft rote Blumen.
Da kommt Wind über den Platz.
Der Wind ist stark.
Er bewegt die Fahnen.
Er bewegt die Blätter.
Er bewegt die Haare der Menschen.
Er hebt sogar ein kleines Tuch von Arons Tisch.
Das Tuch fliegt über den Platz.
Ein Kind läuft hinterher und lacht.
Aron lacht nicht.
Er sieht dem Tuch nach.
Dann sieht er die Fahnen.
Dann sieht er die Bäume.
„Der Wind ist stark“, sagt Aron.
Der Fischer neben ihm nickt.
„Ja. Heute ist guter Wind.“
Aron sieht den Fischer an.
„Wem gehört er?“
„Wer?“
„Der Wind.“
Der Fischer lacht.
„Der Wind gehört niemandem.“
Aron legt den Kopf schief.
„Niemandem?“
„Niemandem.“
„Das kann nicht sein.“
„Warum nicht?“
„Alles gehört jemandem.“
Der Fischer hebt einen Fisch.
„Dieser Fisch gehört mir.“
„Ja.“
Der Fischer zeigt auf Arons Tisch.
„Das Öl gehört dir.“
„Ja.“
Der Fischer zeigt in die Luft.
„Und der Wind gehört niemandem.“
Aron schüttelt den Kopf.
„Dann weißt du es nicht.“
Der Fischer lacht wieder.
„Vielleicht.“
Am Mittag fragt Aron den Schmied.
Der Schmied ist groß. Seine Hände sind schwarz von Kohle.
„Wem gehört der Wind?“, fragt Aron.
Der Schmied schlägt mit dem Hammer auf ein Stück Eisen.
Klang.
Klang.
Klang.
Dann sagt er:
„Vielleicht den Bergen.“
„Kann ich ihn von den Bergen kaufen?“
Der Schmied sieht Aron an.
„Frag sie.“
„Die Berge sprechen nicht.“
„Dann verkaufen sie vielleicht auch nichts.“
Aron findet das nicht lustig.
Am Nachmittag fragt er eine Frau mit drei Ziegen.
„Wem gehört der Wind?“
Die Frau denkt kurz nach.
„Vielleicht dem Himmel.“
„Und wem gehört der Himmel?“
„Vielleicht den Vögeln.“
Aron seufzt.
„Die Vögel haben kein Geld.“
„Dann sind sie vielleicht klüger als wir.“
Die Frau geht weiter.
Am Abend sitzt Aron allein an seinem Tisch.
Der Markt wird leer.
Nur wenige Menschen sind noch da.
Am Rand des Platzes sitzt eine alte Frau auf einer Bank.
Sie sitzt dort fast jeden Tag.
Sie verkauft nichts.
Sie kauft wenig.
Aber sie sieht alles.
Aron nimmt ein Stück Brot und geht zu ihr.
„Guten Abend“, sagt er.
„Guten Abend, Aron.“
„Kennst du meinen Namen?“
„Viele Menschen kennen deinen Namen.“
Das gefällt Aron.
Er setzt sich neben sie.
„Ich möchte dir eine Frage stellen.“
„Dann stell sie.“
„Wem gehört der Wind?“
Die alte Frau sieht nicht zu Aron.
Sie sieht zum Fluss.
„Warum willst du das wissen?“
„Ich möchte ihn kaufen.“
Jetzt sieht sie ihn an.
„Den Wind?“
„Ja.“
„Warum?“
Aron lächelt.
„Der Wind ist nützlich. Er bewegt Boote. Er trocknet Wäsche. Er kühlt die Häuser. Wenn ich den Wind besitze, kann ich Geld verdienen.“
Die alte Frau sagt nichts.
„Also?“, fragt Aron.
„Komm mit.“
Sie steht langsam auf.
Aron folgt ihr.
Sie gehen vom Markt zum Fluss.
Der Weg ist kurz.
Am Wasser liegt ein kleines Segelboot.
Das Segel ist weiß.
Der Wind füllt das Segel.
Das Boot bewegt sich leise auf dem Wasser.
Die alte Frau zeigt auf das Boot.
„Siehst du das?“
„Ja.“
„Der Wind hilft dem Boot.“
„Genau“, sagt Aron. „Das meine ich.“
Die Frau zeigt auf ein Haus.
Vor dem Haus hängt nasse Wäsche.
Der Wind bewegt die Hemden und Tücher.
„Der Wind hilft auch dort.“
Aron nickt.
Dann zeigt sie auf einen Jungen.
Der Junge steht am Ufer und hält ein kleines Rad aus Holz und Papier.
Der Wind dreht das Rad.
Der Junge lacht.
„Und dort“, sagt die Frau.
Aron verschränkt die Arme.
„Du zeigst mir nur, dass ich recht habe. Der Wind ist wertvoll.“
„Ja“, sagt die Frau. „Der Wind ist wertvoll.“
„Dann muss er einen Preis haben.“
„Muss er das?“
Aron öffnet den Mund.
Aber er antwortet nicht sofort.
Die Frau setzt sich auf einen Stein.
„Wer hat den Wind gemacht?“, fragt sie.
„Niemand.“
„Wer hält ihn fest?“
„Niemand.“
„Wer kann ihn allein benutzen?“
Aron sieht auf das Wasser.
Das Segelboot fährt langsam weiter.
„Niemand“, sagt er.
Die Frau nickt.
„Dann wer kann ihn verkaufen?“
Aron sagt nichts.
Eine Weile hören beide nur den Fluss.
Dann sagt Aron leise:
„Vielleicht kann man ihn nicht kaufen.“
„Vielleicht nicht.“
„Aber er ist trotzdem wertvoll.“
„Ja.“
Aron sieht das Segelboot an.
Der Wind bewegt es weiter.
„Das ist seltsam“, sagt Aron.
„Was?“
„Etwas kann wertvoll sein und trotzdem niemandem gehören.“
Die alte Frau lächelt.
„Ja.“
Aron bleibt lange am Fluss.
Der Markt ist nun fast dunkel.
Seine Waren liegen noch auf dem Tisch.
Brot, Salz, Stoff und Öl.
Alles hat einen Preis.
Aber über dem Platz weht der Wind.
Aron sieht ihn nicht.
Aber er fühlt ihn auf seinem Gesicht.
Zum ersten Mal fragt er nicht:
„Was kostet das?“
Er fragt:
„Was darf niemand kaufen?“
Und diese Frage ist schwerer als jeder Preis.