Mira und Tovin breiten die fünf Karten auf dem Boden aus, in Tovins Zimmer, wo niemand sie stört. Tovin hat einen Strohhalm dabei, einen Faden und einen Stift. Heute will er nicht raten. Heute will er messen.
„Wenn der Turm aus Versehen fehlt“, sagt er, „dann ist die Lücke jedes Mal ein bisschen anders. Ein Fehler ist nie zweimal gleich. Aber wenn es Absicht ist, dann ist die Lücke immer gleich. Das prüfen wir.“
Vier Karten haben einen leeren Kreis in der Mitte, während die älteste dort ganz leer ist, ohne Kreis, und darum beginnt Tovin mit den vier.
Er legt den Faden an. Er misst den Weg vom Brunnen zur Lücke. Dann vom Markt zur Lücke. Dann von der Brücke. Auf der ersten Karte. Auf der zweiten. Auf der dritten. Auf der vierten.
Jedes Mal das gleiche Maß.
„Sieh dir das an“, sagt Tovin leise. „Die Lücke ist überall genau am selben Ort. Genau da, wo der Turm wirklich steht. Nicht ein bisschen daneben. Genau.“
„Vielleicht haben sie eine Karte von der anderen abgemalt“, sagt Mira.
„Vielleicht“, sagt Tovin – und diesmal liegt kein Spott im Wort. „Aber dann kommt jetzt der bessere Beweis.“
Er geht ans Fenster. Draußen ist heller Tag. Er hält zwei Karten übereinander gegen das Licht, und das Licht scheint durch das alte Papier hindurch. Man sieht beide Karten zugleich, eine durch die andere.
Mira tritt neben ihn und hält den Atem an.
Der Fluss der einen Karte liegt fast auf dem Fluss der anderen. Die Brücke fast auf der Brücke. Und die zwei leeren Kreise – die liegen genau übereinander. Punktgenau. Als wäre es ein Kreis, nicht zwei.
„Gleicher Ort“, sagt Tovin. „Gleiche Größe.“ Er nimmt die dritte Karte dazu, dann die vierte. Immer dasselbe: Die Kreise fallen aufeinander wie ein einziger.
„Ein Fehler macht das nicht“, sagt Tovin. „Vier Zeichner, vier Hände, und alle lassen genau dasselbe Loch. Gleich groß, am gleichen Platz. Das ist kein Vergessen. Das ist eine Regel.“
Mira sieht auf das Licht, das durch die Kreise fällt.
„Und es kommt noch mehr“, sagt Tovin. Jetzt ist er ganz ruhig, so ruhig wie immer, wenn er sicher ist. „Sieh dir an, wie gut der Rest gezeichnet ist. Jeder kleine Weg. Jedes Haus am Markt. Die Hügel, der Felsen, sogar die Bäume am Fluss. Diese Leute waren keine schlechten Zeichner. Sie waren sehr gut. Und ein sehr guter Zeichner vergisst nicht das größte Gebäude der Stadt. Man vergisst eine Gasse. Man vergisst keinen Turm, der höher ist als alles andere.“
„Also haben sie ihn nicht vergessen“, sagt Mira. „Sie haben ihn weggelassen. Mit Absicht.“
„Mit Absicht“, sagt Tovin. „Und sieh dir den Kreis selbst an. Er ist nicht verwischt. Er ist nicht ausradiert. Er ist mit einer ruhigen, sauberen Linie gezogen. Jemand hat sich hingesetzt und gedacht: Hier kommt kein Turm hin, hier kommt ein leerer Kreis hin. Das ist keine Hand, die müde wird. Das ist eine Hand, die einer Regel folgt.“
Mira dreht eine der Karten um. Auf der Rückseite, klein und blass, ist das gleiche Zeichen, das sie schon auf der ältesten Karte gefunden hat. Sie sieht auf der zweiten nach. Auch dort. Auf der dritten. Auch dort.
„Tovin“, sagt sie. „Hinten ist überall dasselbe Zeichen.“
Tovin dreht alle Karten um und vergleicht. Es stimmt. Auf jeder Rückseite, an fast derselben Stelle, steht das gleiche kleine Zeichen. Sie können es nicht lesen, es ist zu alt und zu klein. Aber es ist überall dasselbe.
„Ein Muster“, sagt Tovin. „Dasselbe Zeichen, dieselbe Lücke, dieselbe Stelle. Über viele Karten. Über viele Jahre vielleicht.“ Er setzt sich auf den Boden, zwischen die Karten. „Das hat nicht einer gemacht. Das haben viele gemacht. Und alle haben sich an dieselbe Regel gehalten.“
Eine Weile sagt keiner etwas. Draußen ruft jemand auf der Straße, ein Hund bellt, das Leben geht weiter. Aber im Zimmer ist es still.
„Weißt du, was das bedeutet?“, sagt Mira endlich.
„Es bedeutet nicht, was im Turm ist“, sagt Tovin vorsichtig. „Es bedeutet nicht, warum. Das wissen wir immer noch nicht. Wir wissen nur eins, aber das wissen wir jetzt sicher: Der Turm fehlt nicht aus Versehen. Die ganze Stadt hat einmal beschlossen, ihn nicht zu zeichnen. Und das war kein Tag und kein Mensch. Das war ein Plan. Lange. Von vielen.“
Mira denkt an ihren Vater. „Wenn ihr eine Regel findet, dann sag es mir.“
Sie hat eine gefunden. Aber sie ist nicht froh. Denn eine Regel ohne Grund ist wie eine Tür ohne Schlüssel: Man steht davor und weiß jetzt erst recht, dass dahinter etwas ist.
„Wir haben einen Teil“, sagt sie leise. „Aber der schwerste Teil fehlt noch.“
„Ja“, sagt Tovin. Er rollt die Karten vorsichtig wieder zusammen, jede einzelne, wie Mira es versprochen hat. „Warum. Warum lässt eine ganze Stadt mit Absicht ihr größtes Ding aus jeder Karte weg?“
Darauf weiß keiner von beiden eine Antwort. Noch nicht.