Mira braucht die Karten. Tovin will sie genau ansehen, alle fünf, eine nach der anderen. Aber die Karten liegen in Großvaters Truhe, und die Truhe gehört dem Vater.
Also fragt Mira.
„Vater“, sagt sie am Abend. „Darf ich die alten Karten mitnehmen? Nur für ein paar Tage. Tovin und ich wollen sie ansehen.“
Der Vater hört auf zu essen. Er sieht Mira an, lange.
„Die Karten aus der Truhe?“
„Ja.“
„Warum?“
Mira überlegt, wie viel sie sagen soll. Sie sagt die Wahrheit, aber nicht alles. „Auf allen Karten fehlt der Turm“, sagt sie. „Wir wollen wissen, warum. Tovin glaubt, es gibt eine Regel.“
Der Vater schweigt. Er legt den Löffel hin. Mira kennt diesen Moment schon: Bei der Mutter wird er still und traurig, beim Vater wird er still und ernst.
„Diese Karten“, sagt er endlich, „lasse ich nicht gern aus dem Haus.“
„Ich passe gut auf“, sagt Mira schnell. „Ich rolle sie vorsichtig auf. Ich fasse sie nur am Rand an. Und ich bringe alle zurück, jede einzelne.“
Der Vater steht auf. Er geht in den Lagerraum, und Mira geht hinter ihm her. In der Ecke steht die Truhe. Auf dem Deckel liegt Staub, denn lange hat sie niemand geöffnet.
Der Vater wischt den Staub mit der Hand weg. Dann hebt er den Deckel. Es riecht nach altem Papier und nach Holz.
Er nimmt die Karten heraus, eine nach der anderen, und legt sie auf den Tisch. Seine Hände sind groß, aber er fasst das Papier ganz vorsichtig an, fast zärtlich. Mira sieht ihm zu und sagt nichts.
„Dein Großvater“, sagt der Vater leise, „hat oft über diesen Karten gesessen. Stundenlang. Manchmal die halbe Nacht. Er hat sie aufgerollt und wieder aufgerollt, immer wieder dieselben.“ Er hält inne. „Ich war damals ein Kind, jünger als du. Ich habe nicht verstanden, was er suchte.“
„Was hat er gesucht?“, fragt Mira.
„Das weiß ich nicht“, sagt der Vater, und es klingt ehrlich, so wie immer. „Er hat es mir nie gesagt. Aber am Ende, als er alt war, ist er still geworden. Und traurig. Wenn ich die Karten ansehe, sehe ich ihn wieder. Wie er dort saß, nachts, allein, mit der Kerze.“
Jetzt versteht Mira, warum die Truhe so lange zu war. Es ist wie beim Turm und beim Brunnen. Manche Dinge räumt man weg, nicht weil sie wertlos sind, sondern weil sie wehtun.
„Darum hast du die Truhe weggeräumt“, sagt sie.
Der Vater nickt. „Ich wollte sie nicht jeden Tag sehen.“
Eine Weile stehen die beiden still. Dann legt der Vater die Karten zusammen, ordentlich, und gibt sie Mira in die Hand.
„Du darfst sie mitnehmen“, sagt er. „Aber pass auf sie auf wie auf etwas, das man nicht ersetzen kann. Es gibt keine neuen. Wenn sie kaputtgehen, ist ein Stück von Großvater weg.“
„Ich verspreche es“, sagt Mira. Und sie denkt an die alte Ziege im Regen, an das Gewicht eines Versprechens. Dieses hier ist schwer.
„Eine Sache noch“, sagt der Vater, als sie schon gehen will. Er sieht sie an, und sein Blick ist seltsam, halb Sorge, halb etwas anderes. „Wenn ihr eine Regel findet… eine Antwort… dann sag es mir. Hörst du? Großvater hat sie nicht gefunden. Oder er hat sie gefunden und ist daran traurig geworden. Ich weiß es nicht. Aber ich würde es gern wissen.“
Das überrascht Mira. Sie hat gedacht, der Vater will nichts von dem Turm und den Karten wissen, so wie die anderen Erwachsenen. Aber das stimmt nicht. Er sieht nicht weg, weil es ihn nicht kümmert. Er sieht weg, weil es ihn zu sehr kümmert.
„Ich sage es dir“, verspricht Mira. „Wenn wir etwas finden.“
In dieser Nacht liegen die fünf Karten neben Miras Bett, aufgerollt, vorsichtig zusammengebunden. Mira kann lange nicht schlafen.
Sie denkt an Großvater mit der Kerze. An den Vater mit dem Staub auf den Händen. An die vielen Nächte über demselben Papier, immer wieder dieselbe Frage.
Sie ist nicht die Erste, die fragt. Das weiß sie jetzt sicher. Vor ihr war Großvater. Und Großvater hat keine ruhige Antwort gefunden.
„Vielleicht“, flüstert Mira in die Dunkelheit, „finden wir sie zusammen. Tovin und ich.“
Dann schläft sie ein, und die Karten liegen still neben ihr und warten auf den Morgen.