Ein Jahr Deutsch

Das Fest auf dem Platz

Tag 42 8 Min.

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Einmal im Jahr ist das große Marktfest, und heute ist es so weit.

Schon am Morgen ist der Platz anders. Über den Gassen hängen Girlanden. An den Tischen stecken kleine Kränze aus Blumen und grünen Zweigen. Es riecht nach frischem Brot, nach Honig, nach gebratenen Äpfeln. Die Leute tragen ihre besten Sachen, und alle sind fröhlich.

Mira liebt das Fest. Sie bekommt einen warmen Apfel und einen Becher süßen Saft. Tovin ist auch da und isst, wie immer, schneller als alle anderen.

Am Mittag beginnt die Musik. Zwei Männer spielen, einer mit einer Flöte, einer mit einer Trommel. Die Leute stellen sich auf, fassen sich an den Händen und beginnen zu tanzen.

Es ist ein alter Tanz. Jeder kennt ihn, auch die kleinen Kinder. Man tanzt im Kreis um den Platz, immer herum, und dabei dreht man sich nach außen, zu den Häusern, zum Markt, zu den Hügeln und zum Fluss. Man hebt den Becher in die vier Richtungen: zu den Bergen, zum Meer, zu den Feldern, zu den Häusern. Die Musik ist schnell und fröhlich, und alle lachen.

Mira tanzt mit. Erst macht es einfach Freude.

Aber dann, mitten im Tanz, sieht sie etwas, das sie vorher nie gesehen hat. Weil sie nie darauf geachtet hat.

Der ganze Tanz geht um den Platz herum. Und in der Mitte des Platzes steht der Turm.

Die Leute umkreisen ihn. Sie tanzen um ihn herum, die ganze Zeit. Aber niemand tanzt zur Mitte. Niemand dreht sich zum Turm. Man hebt den Becher zu den Bergen, zum Meer, zu den Feldern, zu den Häusernin alle vier Richtungen. Aber nicht zur fünften, nicht nach innen, nicht zum Turm.

Mira bleibt fast stehen. Ein Mann hinter ihr stößt sie an. „Tanz weiter, Kind!“, ruft er lachend.

Sie tanzt weiter. Aber jetzt sieht sie nur noch das eine.

Der Tanz hat eine Mitte, und die Mitte bleibt leer. Genau wie auf den Karten. Dort ist ein leerer Kreis, wo der Turm steht. Und hier, auf dem Platz, ist auch ein leerer Kreisnur dass dieser Kreis aus tanzenden Menschen besteht, die sich nach außen drehen.

Die Stadt zeichnet den leeren Kreis nicht nur mit dem Stift, denkt Mira. Sie tanzt ihn auch. Mit den Füßen. Mit dem ganzen Körper. Jedes Jahr, fröhlich, ohne es zu wissen.

Sie sucht Tovin und zieht ihn aus dem Tanz an den Rand.

Sieh dir das an“, sagt sie leise. „Nicht die Leute. Den Tanz. Die Form.“

Tovin sieht hin. Er ist gut darin, Formen zu sehen.

Sie gehen im Kreis“, sagt er. „Um den Platz.“

Um den Turm“, sagt Mira. „Und sie drehen sich alle nach außen. Keiner sieht zur Mitte. Keiner hebt den Becher zum Turm.“

Tovin sieht eine Weile zu. Dann wird sein Gesicht still.

Der Tanz ist wie die Karte“, sagt er. „Ein voller Kreis außen, und in der Mitte nichts. Sie haben sogar das Feiern so gemacht, dass der Turm leer bleibt.“

Niemand hat das beschlossen“, sagt Mira. „Heute nicht. Sie machen es einfach. So wie deine Hand den Turm weglässt, wenn du schnell zeichnest.“

Eine Gewohnheit“, sagt Tovin. „Sogar im Fest.“

Die Musik spielt weiter, schnell und hell. Die Becher heben sich, in die vier Richtungen, immer wieder. Die Leute lachen. Es ist ein schönes Fest, wirklich schön.

Und das ist es, was Mira plötzlich traurig macht.

Es ist so fröhlich. Und es ist um eine Lücke herum gebaut. Die ganze Freude tanzt um etwas, das keiner ansieht. Niemand ist böse, niemand hat Angst in diesem Moment. Sie feiern einfachund feiern dabei das Wegsehen, ohne es zu merken.

Komm“, sagt Tovin. „Du siehst aus, als wäre dir schlecht.“

Mir ist nicht schlecht“, sagt Mira. „Mir ist nurIch sehe es jetzt überall. Auf dem Papier. Im Wasser. Und jetzt sogar im Tanz.“

Sie trinkt einen Schluck von ihrem süßen Saft, aber er schmeckt nicht mehr ganz so süß.

Am Abend, als die Girlanden im Wind schaukeln und die Musik leiser wird, steht Mira noch einmal am Rand des Platzes. Der Tanz ist fast vorbei. Müde, glückliche Leute gehen nach Hause.

In der Mitte, dunkel und still, steht der Turm. Den ganzen Tag haben sie um ihn herum gefeiert.

Und kein einziges Mal, denkt Mira, hat jemand ihm zugeprostet.

Sie hebt ihren leeren Becher, ganz leise, ganz für sich allein, und dreht sich nach innen.

Zur Mitte. Zum Turm.

Auf dich“, flüstert sie. „Damit dich wenigstens einer sieht.“

Für Lernende
A2 · Elementary

737 Wörter · 284 einzigartige · ⌀ 7,4 Wörter pro Satz

Neue Wörter

  • das Fest
  • die Girlande
  • tanzen
  • feiern
  • der Becher
  • sich drehen
  • nach außen
  • umkreisen
  • fröhlich
  • der Kranz

Grammatik

  • Präsens und Perfekt
  • Nebensätze mit als und während
  • Wechselpräpositionen (um den Platz, zur Mitte)
  • Verben mit Richtung (sich drehen nach)

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