Am nächsten Morgen beginnen sie mit dem harmlosen Teil. Heute sagt Mira keine schweren Sätze. Heute benennt sie nur ganz gewöhnliche Dinge, um zu sehen, ob auch das die Leute unruhig macht.
„Denk an die Regel“, sagt Tovin. „Genauso schlicht wie gestern. Genauso flach. Nur über harmlose Orte. Wenn die Leute hier auch zögern, dann liegt es nicht am Turm. Dann liegt es daran, dass ein Kind ihnen Sätze vor die Nase stellt.“
Mira nickt und geht zum ersten Menschen, einer Frau, die Wäsche über eine Leine hängt.
„Da steht ein Brunnen“, sagt Mira schlicht, genauso wie gestern beim Turm, und zeigt mit dem Kopf zum Brunnen auf dem Platz.
Die Frau sieht hin und lächelt. „Ja, der gute alte Brunnen“, sagt sie. „Steht da, seit ich ein Kind war. Mein bestes Wasser hole ich da.“ Sie redet ganz von allein weiter, erzählt eine kleine Geschichte vom Brunnen, und kein Zögern ist in ihr, kein Erschrecken, nur die Freude eines Menschen, dem man ein vertrautes Ding genannt hat.
Mira bedankt sich und geht weiter. Tovin macht in seinem Kopf einen Haken: Brunnen – keine Wirkung.
Sie machen es wieder und wieder, bei vielen Menschen, mit vielen harmlosen Sätzen.
„Da steht eine Brücke“, sagt Mira zu einem alten Mann. „Eine schöne, alte Brücke.“ Der alte Mann strahlt. „Nicht wahr?“, sagt er. „Über die bin ich als Junge gelaufen. Schau dir die Steine an, so etwas baut heute keiner mehr.“ Er freut sich offensichtlich, dass jemand seine Brücke bemerkt.
„Das ist der Markt“, sagt Mira zu einer jungen Frau. „Heute ist viel los.“ – „Allerdings“, lacht die Frau. „Pass auf, dass dich keiner umrennt.“
„Da steht ein schöner Baum“, sagt Mira zu zwei Kindern, und die Kinder nicken stolz, als gehörte ihnen der Baum.
Es ist immer dasselbe, und es ist genau das Gegenteil von gestern. Niemand zögert. Niemand wird steif. Niemand redet zu schnell vom Wetter. Im Gegenteil: Die Leute mögen es. Wenn Mira ein vertrautes Ding benennt, dann lächeln sie, dann erzählen sie etwas dazu, dann fühlen sie sich ein wenig gesehen.
Am Mittag setzen sich Mira und Tovin an den Rand des Platzes, und Tovin zählt zusammen.
„Brunnen, Brücke, Markt, Baum, Tür, Haus, Boot“, sagt er. „Sieben harmlose Sätze. Bei vielen Menschen. Und bei keinem einzigen ein Zögern. Bei keinem ein steifes Lächeln. Nichts.“
„Sie freuen sich sogar“, sagt Mira nachdenklich. „Hast du es gemerkt? Wenn ich sage ‚Da steht eine schöne Brücke‘, dann ist es, als gäbe ich dem alten Mann ein kleines Geschenk. Er fühlt sich gesehen. Sein Ding wird benannt, also ist es wichtig.“
Tovin sieht sie an. „Das ist ein guter Gedanke“, sagt er. „Benennen ist meistens nichts Schlimmes. Es ist sogar etwas Schönes. Es verbindet die Menschen. Man sagt ‚das ist da‘, und der andere sagt ‚ja, das ist da‘, und für einen Moment sehen beide dasselbe.“
Mira denkt an den Laternenmann, der gesagt hat, ein Name könne ein Geschenk sein. Heute hat sie es gesehen. Den ganzen Tag lang hat sie kleine Geschenke verteilt, einfach indem sie gewöhnliche Dinge beim Namen nannte. Und die Leute haben sie gern genommen.
„Das macht es fast traurig“, sagt sie leise.
„Was?“, fragt Tovin.
„Dass es so schön ist, fast alles zu benennen“, sagt Mira. „Die ganze Stadt ist voll von Dingen, die man sagen darf. Brunnen, Brücke, Markt, Baum. Man darf sie nennen, und die Menschen freuen sich. Nur eine einzige Sache nicht. Mitten in der Stadt steht ein Ding, das man nicht so benennen darf wie alle anderen. Ein einziger Ort, der die Ausnahme ist.“
Tovin nickt langsam. „Und morgen“, sagt er, „prüfen wir genau diese Ausnahme. Bei vielen Menschen. Mit demselben schlichten Satz. Wir wissen jetzt: Wenn sie zögern, dann nicht, weil ein Kind etwas feststellt. Bei sieben anderen Sätzen haben sie sich gefreut. Wenn sie also nur beim Turm anders sind –“
„– dann ist es der Turm“, sagt Mira. „Dann ist es bewiesen.“
Sie sitzen eine Weile still. Über ihnen ist der helle Himmel, und um sie herum die Stadt mit ihren tausend Dingen, die alle einen Namen haben und einen Namen vertragen. Nur der Turm steht da, grau und still, und trägt seinen Namen wie eine Wunde, die man nicht berühren darf.
„Ich habe ein bisschen Angst vor morgen“, gesteht Mira.
„Ich auch“, sagt Tovin, und das ist neu, denn Tovin gibt selten zu, dass er sich vor etwas fürchtet. „Aber wir machen es vorsichtig. Du ziehst die Grenze. Und wenn schon der sanfte Satz reicht, müssen wir den schweren nie mehr sagen.“
Mira hält in der Tasche Großvaters Stift fest. „Morgen“, sagt sie. „Bei Tag. Im Licht. So wie er es gewollt hätte.“
Und während sie nach Hause gehen, benennt Mira im Stillen alles, was sie sieht, wie um sich Mut zu machen: das Haus, der Zaun, der Hund, der Stein. Alles darf man sagen. Alles antwortet freundlich. Nur ein Wort hebt sie sich für morgen auf.