Ein Jahr Deutsch

Das Muster im Licht

Tag 60 9 Min.

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Am nächsten Tag ist der Himmel klar, und Mira geht mit ruhigem Herzen los. Die Angst von gestern ist noch da, aber heute ist auch etwas anderes da: das Wissen, dass sie es vorsichtig machen wird, mit einer Grenze, die sie selbst zieht.

Genau wie gestern“, sagt Tovin. „Derselbe Satz. Dieselbe schlichte Stimme. Nur ein anderes Wort am Ende. Gestern Brunnen, Brücke, Markt. Heute Turm.“

Und du beobachtest“, sagt Mira. „Und ich höre auf, sobald jemand wirklich leidet.“

Vereinbart.“

Sie beginnen. Mira sucht sich Menschen aus, so wie gestern: ruhige, gewöhnliche Leute, niemanden, der zerbrechlich wirkt. Sie stellt sich neben sie, sieht in dieselbe Richtung und sagt, ganz flach, ganz ohne Honig, als würde sie nur eine Sache feststellen: „Da steht ein Turm.“

Beim ersten Mann, der einen Karren schiebt, stockt der Schritt für einen Augenblick. „Ja“, sagt er knapp. „Steht er.“ Und dann schiebt er schneller. Beim zweiten, einer Frau mit einem Korb, wandert der Blick weg, zur Seite, irgendwohin, nur nicht zum Turm, und sie sagt schnell: „Hm. Komm, ich hab’s eilig.“ Beim dritten wird das Lächeln steif, genau wie damals bei der Bäckerin, und die Hand fasst an den Mantelknopf, an dem nichts zu richten ist.

Mira geht weiter, und Tovin macht in seinem Kopf einen Haken nach dem anderen.

Es ist jedes Mal anders, und es ist jedes Mal dasselbe.

Anders, weil jeder Mensch es auf seine Weise tut: der eine geht schneller, die andere sieht weg, der dritte fasst an seinen Knopf, der vierte lacht zu laut und redet vom Wetter. Dasselbe, weil unter allen diesen kleinen Bewegungen immer das Gleiche liegt: eine winzige Unruhe, ein Wegrücken, ein Wunsch, schnell weiterzukommen. Immer beim selben Satz. Immer beim selben Wort.

Mira muss an gestern denken. Gestern, beim Brunnen, bei der Brücke, beim Markt, haben dieselben Arten von Menschen gelächelt und erzählt und sich gefreut. Heute, beim Turm, mit genau derselben Stimme, mit genau demselben schlichten Satz, zucken sie zurück. Der einzige Unterschied ist das letzte Wort.

Tovin“, sagt Mira leise, als sie sich kurz treffen. „Es ist wirklich so. Es ist kein Zufall.“

Nein“, sagt Tovin, und seine Stimme ist anders als sonst, wenn ein Versuch gelingt. Kein Triumph. Eher eine stille Ehrfurcht. „Es ist ein Muster. Sieben gestern, ganz ruhig. Und heute, einer nach dem anderen, dieselbe Unruhe. Ich kann es fast vorhersehen, bevor du den Satz zu Ende sprichst. Das ist keine Vermutung mehr, Mira. Das ist eine Regel.“

Sie machen noch ein paar. Jedes Mal bestätigt sich das Muster. Es ist so verlässlich wie der Schatten, der dem Licht folgt.

Dann, beim achten Menschen, geschieht etwas, das Mira aufhören lässt.

Es ist eine ältere Frau mit freundlichen Augen. Als Mira den Satz sagt, zuckt sie nicht nur. Ihre Augen werden feucht. Sie presst die Lippen zusammen, und für einen Moment sieht sie aus, als würde sie etwas Schweres tragen, etwas, das sie selbst nicht versteht. „Warum sagst du das, Kind?“, fragt sie leise, und es liegt keine Wut darin, nur ein alter, müder Schmerz. „Lass das. Bitte.“

Und Mira hört auf.

Sie hört sofort auf. Sie denkt nicht: nur noch zwei, um ganz sicher zu sein. Sie denkt an ihre Grenze, an das Versprechen an ihren Vater, an die Worte des Laternenmanns. Sie legt der alten Frau für einen Augenblick die Hand auf den Arm.

Entschuldigung“, sagt sie ehrlich. „Du hast recht. Ich lasse es.“

Die Frau geht, und Mira sieht ihr nach, und in ihr ist die Freude über den Beweis und die Traurigkeit über den Schmerz, beides zugleich.

Wir hören auf“, sagt sie zu Tovin. „Wir haben genug. Mehr als genug. Ich prüfe keinen Menschen mehr.“

Tovin widerspricht nicht. „Wir haben genug“, sagt er.

Sie setzen sich an ihren Platz am Rand des Marktes, und zum ersten Mal seit Tagen müssen sie nichts mehr beweisen. Sie wissen es jetzt.

Sag es laut“, bittet Mira. „Damit wir es beide gehört haben.“

Tovin holt Luft. „Kleine Wahrheiten sind sicher“, sagt er. „Brunnen, Brücke, Marktman darf sie laut sagen, bei Tag, und die Leute freuen sich sogar. Aber die eine große Wahrheit, der Turm, ist nicht sicher. Sagt man sie schlicht und offen, dann werden die Menschen unruhig. Immer. Auf dieselbe Weise. Das ist die Regel.“

Die kleinen Wahrheiten darf man sagen“, wiederholt Mira. „Die große noch nicht.“

Sie sitzen still. Über dem Platz steht der Turm im hellen Licht, grau und ruhig, und um ihn herum eine ganze Stadt, die jedes andere Ding beim Namen nennen kann, nur dieses eine nicht.

Noch nicht“, sagt Mira, und sie merkt, wie viel in diesen zwei Wörtern steckt. Es ist nichtnie“. Der Laternenmann sagtnoch nicht“, und es bedeutet: eines Tages. Großvater hat den Punkt heimlich gesetzt, weil es damalsnoch nichtwar. Und der kleine Junge am Brunnen malt schon ganz selbstverständlich in die Mitte, weil für ihn dasnoch nichtvielleicht einmaljetztheißen wird.

Weißt du, was das Schönste ist?“, sagt Mira. „Gestern habe ich gesehen, dass Benennen ein Geschenk sein kann. Die Leute freuen sich, wenn man ihre Dinge sieht und nennt. Wenn das stimmt, dann könnte eines Tages auch der Turm ein solches Geschenk werden. Wenn die Stadt bereit ist. Wenn sie ihn gemeinsam tragen kann, statt dass einer allein ihn flüstert.“

Tovin sieht sie an. „Du klingst wie er“, sagt er. „Wie der Laternenmann.“

Mira lächelt und legt die Hand um Großvaters Stift in ihrer Tasche. Sie hat heute eine Regel gefunden, eine echte, bewiesene Regel über das Sehen und das Sagen in ihrer Stadt. Aber sie hat auch etwas anderes gefunden, etwas, das schwerer zu beweisen ist und doch genauso wahr: dass die große Wahrheit nicht für immer eine Wunde bleiben muss.

Noch nicht, denkt sie, als sie nach Hause geht und der Turm hinter ihr im Licht steht. Aber eines Tages, im Licht, gemeinsam.

Für Lernende
A2 · Elementary

969 Wörter · 391 einzigartige · ⌀ 9,1 Wörter pro Satz

Neue Wörter

  • das Muster
  • die Regel
  • die Unruhe
  • wiederholen
  • vorhersehen
  • dieselbe
  • der Beweis
  • die Grenze
  • schonen
  • noch nicht
  • die Ehrfurcht
  • zerbrechlich
  • verlässlich
  • der Knopf

Grammatik

  • Perfekt und Präteritum
  • Nebensätze mit sobald, immer wenn und obwohl
  • Vergleich (genauso wie, anders als, im Gegensatz zu)
  • Futur mit werden (es wird sich ändern)

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