An einem warmen Nachmittag sitzt Mira am Rand des Platzes, müde von all dem Suchen. Sie hat das Wort nicht gefunden. Sie hat den Zettel ihres Großvaters, die Melodie, die halbe Erinnerung der uralten Frau, aber das Wort selbst bleibt fort. Manchmal denkt sie: Vielleicht ist es wirklich zu tief. Vielleicht kommt es nie zurück.
Da hört sie es. Eine ganz kleine Stimme, dünn und hell, die das Lied singt.
Es ist ein Kleinkind, kaum größer als ein Krug, das an der Hand seiner Mutter über den Platz stapft und dabei singt, so wie kleine Kinder singen, ohne Scham, ohne nachzudenken, für sich selbst. Und es singt das lange Lied. Nicht ganz richtig, mit vertauschten Wörtern, aber es singt es.
„Vom Tor herein“, singt das Kind, „den Fluss entlang, über die Brücke … am Markt … am Brunnen …“
Mira setzt sich auf. Ihr Herz beginnt zu klopfen. Denn das Kind kommt an die Stelle. An die Lücke. An die Mitte.
Und das Kind hört nicht auf.
Es hat noch nicht gelernt, was die Größeren gelernt haben. Es weiß nicht, dass man hier klatscht. Es weiß nicht, dass man hier vergisst, hier summt, hier zum Ende springt. Es weiß gar nicht, dass da eine Lücke ist. Für das kleine Kind ist das Lied einfach ein Lied, und ein Lied singt man weiter, Wort für Wort, bis zum Schluss. Also singt es weiter. Es füllt die Lücke. Es setzt ein Wort hinein.
Mira beugt sich vor, ganz Ohr, ihr ganzer Körper spannt sich –
Aber das Wort ist zu leise. Es ist verwischt, undeutlich, halb verschluckt, wie kleine Kinder eben singen, und es geht unter im Lärm des Marktes. Mira hört, dass da ein Wort ist – kein Klatschen, kein Summen, sondern ein richtiges Wort, mit Silben, mit einer Form. Aber welches, kann sie nicht fassen. Es ist nur ein Hauch, ein Schatten von einem Wort, da und schon wieder fort.
Und im selben Augenblick geschieht das andere.
Die Mutter des Kindes zuckt zusammen. Ihre Hand fährt herunter, sanft, aber schnell, und legt sich dem Kind auf den Mund. „Pst“, sagt sie, und lacht dabei, ein verlegenes Lachen, und sieht sich um, ob jemand es gehört hat. „Nicht so, mein Schatz. So geht das Lied nicht.“ Ein alter Mann in der Nähe dreht sich weg. Eine Frau schüttelt leicht den Kopf. Und das Kind, verwirrt, sieht zu seiner Mutter auf und singt nicht weiter.
Es ist vorbei. In einem einzigen Atemzug. Das Wort war da, und dann war es wieder weg, und niemand als Mira scheint es überhaupt bemerkt zu haben.
Mira steht auf und geht zu der Mutter. „Verzeih“, sagt sie freundlich. „Dein Kind singt so schön. Kannst du es noch einmal singen lassen? Das ganze Lied?“
Die Mutter lächelt, aber sie ist verlegen. „Ach, es kann es noch nicht richtig“, sagt sie. „Es macht sich alles falsch. Es singt einfach drauflos.“
„Genau das ist schön“, sagt Mira. „Bitte.“
Die Mutter zuckt mit den Schultern und sagt zum Kind: „Sing noch mal, mein Schatz.“ Und das Kind singt wieder, von vorn. Aber diesmal ist es anders. Vielleicht hat es das „Pst“ gespürt, das kleine warme Nein. Als es an die Stelle kommt, an die Mitte, da zögert es. Es sieht kurz zu seiner Mutter hinauf. Und dann – singt es kein Wort. Es macht eine kleine Pause, ein winziges Stolpern, und singt beim Hügel weiter.
Mira sieht es mit einem Stich im Herzen. Sie hat es gesehen. In diesem einen Augenblick, zwischen dem ersten Singen und dem zweiten, hat das Kind angefangen zu lernen. Es hat gelernt, dass man an dieser Stelle zögert. Beim nächsten Mal wird es summen. Und dann, eines Tages, wird es klatschen, ganz selbstverständlich, und nicht mehr wissen, dass da je ein Wort war. So wächst die Lücke in einen neuen Menschen hinein, sanft, mit einem Lächeln, mit einem „Pst“.
Aber Mira ist nicht traurig. Sie ist es, zu ihrer eigenen Überraschung, nicht.
Denn sie hat etwas Großes gesehen. Sie hat gesehen, dass das Kind die Lücke nicht kannte. Von ganz allein, ohne dass jemand es ihm sagte, hat es ein Wort an die leere Stelle gesetzt. Nicht ein Klatschen, nicht ein Schweigen – ein Wort. Weil ein Lied, das eine Reihe von Orten aufzählt, an dieser Stelle einfach nach einem Wort verlangt. Das Kind hat gespürt, was die uralte Frau bewiesen hat: Da gehört etwas hin. Da war einmal etwas. Und der kleine Mund hat versucht, es zu füllen.
„Danke“, sagt Mira zu der Mutter, und sie meint es von Herzen.
Auf dem Heimweg denkt sie nach, und was sie denkt, ist beinahe fröhlich. Die Großen haben die Lücke. Die größeren Kinder klatschen sie weg. Aber die ganz Kleinen, die noch nichts gelernt haben – sie füllen sie. Jedes Mal aufs Neue. Jedes Kind, das geboren wird, kommt ohne die Lücke auf die Welt. Jedes Kind singt das Lied zuerst ganz, mit einem Wort in der Mitte, bevor man ihm beibringt zu schweigen.
Das Wort, das dieses Kind gesungen hat, war verwischt und verloren, kaum ein Schatten. Es war nicht das richtige, das alte, das schöne Wort; es war nur, was ein kleiner Mund im Vorbeigehen daraus gemacht hat. Aber es war ein Wort. Und das bedeutet: Die Stelle ist nicht tot. Sie wartet nicht nur hinter alten Lippen. Sie wartet auch vorn, in jedem neuen Kind, jung und ungelernt.
Großvater dachte, er sei der Letzte, denkt Mira. Er dachte, mit ihm stirbt das Fragen. Aber er hat sich geirrt. Solange Kinder geboren werden, die noch nicht schweigen können, ist die Lücke jeden Tag neu zu füllen. Man muss nur da sein, wenn ein kleiner Mund es versucht. Man muss nur zuhören, bevor das erste „Pst“ kommt.
Sie weiß das Wort noch nicht. Aber sie weiß jetzt, dass es kommen will. Es drängt an die leere Stelle, von allen Seiten, aus alten Köpfen und aus kleinen Mündern. Es ist nicht verloren. Es ist nur noch nicht gesagt.
Noch nicht. Aber es will gesagt werden. Und eines Tages wird jemand da sein, der zuhört, statt „Pst“ zu sagen.