Ein Jahr Deutsch

Was Großvater gefragt hat

Tag 74 10 Min.

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Der Vater kommt an einem Abend früher nach Hause als sonst. Er ist still beim Essen, und Mira spürt, dass etwas in ihm arbeitet. Als der Tisch abgeräumt ist, sagt er: „Setz dich, Mira. Ich habe gesagt, ich erzähle dir etwas über deinen Großvater. Heute kann ich es.“

Mira setzt sich und faltet die Hände. Sie sagt nichts, denn sie hat gelernt, dass man manchmal nur warten muss, damit ein Mensch das findet, was schwer zu sagen ist.

Du kennst ihn als den traurigen alten Mann“, beginnt der Vater. „Den, der über den Karten saß und am Fenster sang und still wurde. Aber so war er nicht immer. Als ich ein Junge war, war er anders, lauter. Er fragte, er fragte alles, jeden. Warum hat der Turm keine Tür? Warum lässt die Karte ihn aus? Was ist im tiefen Brunnen? Er ging über den Markt und stellte den Leuten diese Fragen, laut, vor allen.“

Wie ich“, sagt Mira leise.

Wie du“, sagt der Vater, und es liegt kein Lächeln darin, sondern etwas Schweres. „Die Leute nannten es: Er fragt zu viel. So wie sie es heute von dir sagen. Und ich –“ Er hält inne. „Ich war jung, Mira, ein junger Mann, der sein wollte wie die anderen. Und mein Vater ging herum und stellte Fragen, über die keiner sprechen wollte, und die Leute sahen mich an und tuschelten. ‚Das ist der Sohn von dem, der zu viel fragt.‘ Ich habe mich geschämt. Ich schäme mich, dass ich mich geschämt habe, aber es ist die Wahrheit.“

Mira wartet.

Und eines Tages“, sagt der Vater, und seine Stimme wird ganz leise, „habe ich es ihm gesagt. Ich habe ihn gebetennein, ich habe ihn angefahren. ‚Hör auf damit‘, habe ich gesagt. ‚Hör auf mit den Fragen. Hör auf mit dem Lied. Du machst uns zum Gerede der ganzen Stadt. Sei still. Sei endlich wie alle anderen.‘“

Er sieht auf seine großen Hände.

Und weißt du, was er getan hat?“, sagt er. „Er hat mich lange angesehen, ganz lange, und dann hat er genickt und war still. Von diesem Tag an hat er nicht mehr laut gefragt. Er hat nicht mehr über den Markt gerufen. Er hat sein Fragen nach innen genommen, an den Tisch, ans Fenster, in die Nacht. Er hat mir gehorcht, seinem eigenen Sohn. Und genau da, glaube ich, ist er einsam geworden.“

Mira spürt, wie ihr die Kehle eng wird. „Du hast ihn zum Schweigen gebracht“, sagt sie.

Ja“, sagt der Vater. „Ich dachte, ich schütze uns, und dass, wenn er still ist, das Gerede aufhört und alles leichter wird. Und das Gerede hörte auf. Aber leichter wurde nichts, er wurde nur trauriger. Er hat weitergesucht, aber allein, im Verborgenen, ohne dass ihm jemand zuhörte. Der Kreis mit dem Punkt auf dem gelben Blatt, der Zettel mit dem Lieddas hat er gemacht, nachdem ich ihn zum Schweigen gebracht hatte. Heimlich. Weil er niemanden mehr hatte, dem er es zeigen durfte.“

Sie sitzen still. Die Kerze flackert.

Es gibt noch etwas“, sagt der Vater. „In seinen letzten Jahren ging er manchmal nachts fort. Deine Mutter erinnert sich auch daran. Er stand auf, wenn er dachte, alle schlafen, und ging hinaus in die dunkle Stadt, und am Morgen war er wieder da, müde, aber ruhiger als sonst. Wir haben nie erfahren, wohin er ging. Wir haben uns nicht getraut zu fragen. Wir hatten ihm ja das Fragen ausgetriebenda traut man sich selbst nicht mehr zu fragen.“

Mira denkt an ein kleines Licht, das jede Nacht durch die Stadt wandert, zum Turm und wieder zurück. Sie sagt nichts. Aber etwas in ihr wird sehr wach.

Wohin er ging?“, fragt sie vorsichtig.

Ich weiß es nicht“, sagt der Vater, und Mira hört, dass es die Wahrheit ist. „Das ist es, was ich dir sagen wollte, Mira. Nicht wohin. Das weiß ich nicht. Sondern das: Ich habe einen Menschen, den ich liebte, zum Schweigen gebracht, weil ich mich schämte. Und ich habe es mein Leben lang bereut. Als er starb, habe ich gemerkt, dass ich ihn nie gefragt habe, was er wusste. Nie. Aus Angst vor dem Gerede. Und jetzt ist es zu spät, ihn zu fragen, für immer.“

Er sieht Mira an, und in seinen Augen stehen Tränen.

Darum verbiete ich dir nichts“, sagt er. „Verstehst du jetzt? Als du anfingst zu fragen, war mein erster Gedanke: Nein, nicht schon wieder, bring sie zum Schweigen, schütze sie. Aber dann habe ich an ihn gedacht. Ich habe einmal einen Menschen zum Schweigen gebracht, den ich liebte, und ich habe ihn damit nicht geschützt. Ich habe ihn nur allein gemacht. Das tue ich nicht noch einmal. Nicht mit dir.“

Mira steht auf und legt die Arme um ihren Vater, und er hält sie fest, lange, und sie spürt, wie schwer diese Worte für ihn waren, wie lange er sie mit sich getragen hat.

Du hast ihn nicht allein gelassen“, sagt sie leise. „Nicht ganz. Du hast seine Truhe aufgehoben. Seine Karten. Seinen Zettel. Du hättest alles wegwerfen können, aber du hast es bewahrt. Und jetzt hast du es mir gegeben. Das ist, als würdest du ihm jetzt endlich zuhören. Nur später.“

Der Vater lacht ein wenig, unter Tränen. „Später ist besser als nie“, sagt er. „Das habe ich von dir gelernt. Und von deinerNoch nicht‘.“

Als Mira in dieser Nacht wach liegt, denkt sie nicht an das fehlende Wort. Sie denkt an ihren Großvater, der laut fragte, bis ein junger Mann, den er liebte, ihn bat aufzuhören, und der dann still wurde und nachts allein hinausging, wohin, weiß niemand. Sie denkt daran, wie leicht ein Fragen erlischt, wenn niemand zuhört. Und sie beschließt, dass sie nicht verstummen wird, nicht aus Scham, nicht aus Angst.

Der Vater hat gesagt, er wisse nicht, wohin Großvater nachts ging. Aber Mira glaubt, dass sie es eines Tages herausfinden wird. Nicht heute. Aber sie hat das Gefühl, dass sie den Weg schon kennt, ohne es noch zu wissen. Ein kleines Licht. Eine dunkle Stadt. Und ein alter Mann, der etwas suchte, das er nicht loslassen konnte.

Für Lernende
A2 · Elementary

1013 Wörter · 347 einzigartige · ⌀ 9 Wörter pro Satz

Neue Wörter

  • gestehen
  • sich schämen
  • das Schweigen
  • bereuen
  • die Schuld
  • fortgehen
  • heimlich
  • der Vorwurf
  • verstummen
  • damals
  • jung
  • die Reue
  • zum Schweigen bringen
  • verzeihen

Grammatik

  • Plusquamperfekt (er war fortgegangen, hatte gefragt)
  • Nebensätze mit als, weil und obwohl
  • Konjunktiv II (ich hätte ihn nicht … sollen)
  • indirekte Rede (er sagte, er suche etwas)

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