Mira kann nachts oft nicht gut schlafen.
Sie steht am Fenster, und von hier sieht sie über die Dächer.
In der Nacht ist die Stadt dunkel, aber ein Licht bewegt sich, klein und warm: die Laterne.
Mira merkt sich den Weg, denn jede Nacht ist er gleich.
Zuerst geht das Licht bei den Häusern entlang. Dann zum Brunnen. Dann zur alten Brücke. Und dann zum Turm.
Beim Turm bleibt das Licht stehen. Lange. Länger als überall sonst.
Mira zählt leise. Eins, zwei, drei... Beim Turm zählt sie weit. Dann geht das Licht weiter und wird klein und verschwindet.
So ist es jede Nacht. Häuser, Brunnen, Brücke, Turm. Und am Turm am längsten.
Mira denkt: Er sucht. Jede Nacht sucht er am Turm.
Drei Nächte sieht Mira das Licht, und sie wartet schon darauf, denn wenn es kommt, ist sie ruhig.
Aber in der vierten Nacht kommt das Licht nicht.
Mira steht am Fenster und wartet. Die Häuser bleiben dunkel. Der Brunnen bleibt dunkel. Die Brücke bleibt dunkel. Der Turm bleibt dunkel.
Kein Licht. Nirgends.
Mira wartet lange, ihre Füße werden kalt, aber das Licht kommt nicht.
Jetzt hat sie Sorge.
Ist der alte Mann krank? Ist er gefallen? Ist ihm etwas passiert?
Sie weiß: Er geht bei jedem Wetter. Auch im Regen. „Ich suche jede Nacht“, hat er gesagt.
Aber heute Nacht sucht er nicht.
Mira merkt etwas. Sie hat das Licht vermisst, nicht nur den Weg, sondern den Mann.
Sie kennt seinen Namen nicht und weiß nicht, wer er ist, aber er ist ihr wichtig.
Endlich geht Mira ins Bett, aber sie schläft schlecht.
Am nächsten Morgen sieht sie zum Turm, hoch und grau, wie immer.
Am Abend steht sie wieder am Fenster und wartet.
Und dann, spät, kommt das Licht.
Klein und warm. Bei den Häusern. Beim Brunnen. Bei der Brücke. Beim Turm.
Mira atmet aus, denn der alte Mann ist da.
Sie weiß nicht, wo er letzte Nacht war; vielleicht war er müde, vielleicht hat er einmal nicht gesucht.
Aber er ist wieder da, und das Licht geht seinen Weg.
Mira lächelt im Dunkeln.
„Gute Nacht“, sagt sie leise zum Licht.
Das Licht hört sie nicht, aber Mira fühlt sich besser.