Der Laternenmann steht vor dem Haus. Die Laterne ist warm.
„Komm“, sagt er. „Heute zeige ich dir etwas.“
Mira geht mit. Die Nacht ist kühl. Die Stadt ist still.
Sie gehen bei den Häusern entlang. Zum Brunnen. Zur Brücke.
„Sieh in die Laterne“, sagt der Mann.
Mira sieht in das Licht. Es ist hell, zu hell, und ihre Augen tun weh. Um das Licht herum sieht sie nichts, nur Schwarz.
„Was siehst du?“, fragt er.
„Nur das Licht“, sagt Mira. „Und sonst nichts. Das Licht blendet mich.“
„Ja“, sagt der Mann. „Wer in die Mitte sieht, ist blind für den Rand. Jetzt sieh nicht in das Licht. Sieh an den Rand. Dorthin, wo das Licht schwach wird.“
Mira sieht an den Rand des Lichts, und erst sieht sie wenig, dann mehr.
Eine Katze auf einer Mauer. Ein Topf vor einer Tür. Ein Riss im Stein. Eine Stufe. Dinge im Halbdunkel, die sie vorher nicht sah.
„Ich sehe mehr“, sagt sie leise. „Am Rand sehe ich mehr als in der Mitte.“
„Das ist die Regel“, sagt der Mann. „Das Helle blendet. Das Wichtige steht oft am Rand. Wer immer nur in die Mitte sieht, sieht am wenigsten.“
Mira denkt an den Turm: Alle sehen weg vom Turm, oder sie sehen ihn an und sehen doch nichts. Vielleicht muss man an den Rand sehen.
Sie gehen weiter, zum Turm.
Der Mann hebt die Laterne, und das Licht fällt auf den grauen Stein. Der Turm steht da, hoch, ohne Tür.
Da sieht Mira ein Fenster in einem Haus am Platz, und hinter dem Fenster steht ein Mann, wach, mitten in der Nacht.
Als das Licht auf den Turm fällt, dreht sich der Mann schnell weg. Er sieht den Turm nicht an, sondern in sein dunkles Zimmer.
„Sieh“, flüstert Mira. „Der Mann dort. Er sieht den Turm nicht an. Sogar in der Nacht nicht.“
„Ja“, sagt der Laternenmann. „Am Tag sehen sie weg. In der Nacht auch. Sie üben das Wegsehen ihr ganzes Leben.“
„Und du?“, fragt Mira. „Du siehst hin. Jede Nacht. Bist du der Einzige?“
Der alte Mann ist lange still.
„Jetzt ja“, sagt er endlich. „Früher waren wir mehr.“
„Mehr?“, fragt Mira. „Wer?“
Aber er sagt nichts mehr. Er hebt nur die Laterne ein wenig höher.
Mira fragt nicht weiter, denn sie hat heute genug gelernt.
Sieh nicht in die Mitte. Sieh an den Rand.
Und: Er war nicht immer allein.
Sie gehen zurück. Am Fenster ist es jetzt dunkel, und der Mann ist weg.
„Gute Nacht“, sagt der Laternenmann vor Miras Haus.
„Gute Nacht“, sagt Mira.
Im Bett macht sie die Augen halb zu. Sie sieht nicht in die Mitte, sondern an den Rand des Zimmers.
Und sie sieht mehr, als sie denkt.