Mira denkt oft an den Turm.
Sie denkt an die Laterne.
Sie denkt an den alten Mann.
Und sie denkt an seine Frage:
„Ist alles, was du nicht siehst, nicht da?“
Diese Frage geht mit ihr.
Sie geht mit ihr zum Brunnen.
Sie geht mit ihr zum Markt.
Sie geht mit ihr ins Bett.
Am nächsten Tag trifft Mira ihren Freund Tovin.
Tovin ist schnell.
Er läuft schnell.
Er spricht schnell.
Er isst schnell.
Und er glaubt schnell, dass er recht hat.
„Du siehst müde aus“, sagt Tovin.
„Ich war in der Nacht draußen.“
„Warum?“
„Ich bin mit dem Laternenmann gegangen.“
Tovin macht große Augen.
„Mit dem alten Mann?“
„Ja.“
„Warum?“
„Ich wollte wissen, was er sucht.“
„Und?“
Mira sieht zur Mitte der Stadt.
Dort steht der Turm.
Am Tag sieht er kleiner aus als in der Nacht. Aber er ist immer noch still.
„Ich weiß es nicht“, sagt Mira.
„Dann war es Zeitverschwendung.“
„Nein.“
„Warum nicht?“
Mira überlegt.
„Weil ich jetzt eine bessere Frage habe.“
Tovin seufzt.
„Fragen sind keine Antworten.“
„Manchmal sind sie wichtiger.“
Tovin lacht.
„Das klingt wie etwas, das alte Menschen sagen.“
Mira lacht auch.
Dann zeigt sie nach Norden.
Hinter den letzten Häusern liegen Hügel.
In den Hügeln steht ein großer Felsen.
Die Menschen in der Stadt erzählen viele Geschichten über diesen Felsen.
Manche sagen: Im Felsen ist eine Tür.
Manche sagen: Die Tür öffnet sich nur in der längsten Nacht.
Manche sagen: Hinter der Tür ist ein Weg unter der Erde.
Und manche sagen: Das alles ist Unsinn.
„Ich will den Felsen sehen“, sagt Mira.
„Warum?“
„Ich will die Tür suchen.“
Tovin grinst.
„Dann komm.“
Sie laufen aus der Stadt.
Der Weg ist trocken.
Links und rechts wächst gelbes Gras.
Der Wind ist schwach.
Über ihnen fliegt ein schwarzer Vogel.
„Glaubst du an die Tür?“, fragt Tovin.
„Ich weiß es nicht.“
„Das ist keine Antwort.“
„Doch.“
„Nein. Entweder ja oder nein.“
„Warum?“
Tovin bleibt stehen.
„Weil eine Tür da ist oder nicht.“
„Vielleicht.“
„Schon wieder vielleicht.“
Mira lächelt.
Sie gehen weiter.
Bald stehen sie vor dem Felsen.
Er ist sehr groß.
Größer als ein Haus.
Größer als zwei Häuser.
Sein Stein ist grau und dunkel.
Moos wächst an einer Seite.
Kleine Blumen wachsen am Boden.
Tovin legt die Hand an den Stein.
„Kalt.“
Mira berührt den Felsen auch.
Er ist kalt.
Und hart.
Und still.
„Wo ist die Tür?“, fragt Tovin.
„Wir müssen suchen.“
Sie gehen um den Felsen herum.
Langsam.
Einmal.
Zweimal.
Sie sehen Risse.
Sie sehen Moos.
Sie sehen kleine Löcher.
Sie sehen Ameisen.
Aber sie sehen keine Tür.
„Fertig“, sagt Tovin.
„Noch nicht.“
„Wir sind zweimal herumgegangen.“
„Dann gehen wir dreimal.“
Tovin rollt mit den Augen.
Aber er geht mit.
Beim dritten Mal bleibt Mira stehen.
„Was ist?“, fragt Tovin.
Mira zeigt auf den Stein.
„Da.“
„Was?“
„Siehst du das Zeichen?“
Tovin kommt näher.
Im Stein ist ein kleiner Kreis.
In der Mitte des Kreises ist ein Punkt.
Das Zeichen ist nicht tief.
Man kann es leicht übersehen.
Tovin berührt es mit einem Finger.
„Das ist keine Tür.“
„Nein.“
„Also gibt es keine Tür.“
Mira sieht das Zeichen lange an.
„Vielleicht.“
Tovin stöhnt.
„Mira.“
„Was?“
„Du kannst nicht zu allem vielleicht sagen.“
„Warum nicht?“
„Weil man dann nie fertig ist.“
Mira nickt.
„Das stimmt.“
Tovin ist überrascht.
„Du gibst mir recht?“
„Ein bisschen.“
„Nur ein bisschen?“
„Ja.“
Mira setzt sich ins Gras.
Tovin setzt sich neben sie.
Sie sehen den Felsen an.
Der Nachmittag wird langsam dunkel.
„Vielleicht gibt es keine Tür“, sagt Mira.
„Gut.“
„Vielleicht gibt es eine Tür, aber nicht hier.“
Tovin seufzt.
„Mira.“
„Vielleicht gibt es eine Tür, aber sie ist nicht für Hände.“
„Eine Tür ist für Hände.“
„Bist du sicher?“
Tovin will ja sagen.
Aber er denkt an das Zeichen.
Ein Kreis.
Ein Punkt.
Warum macht jemand ein Zeichen in einen Felsen?
Nicht ohne Grund.
Oder vielleicht doch.
„Vielleicht ist es nur ein Zeichen“, sagt er.
„Ja.“
„Vielleicht hat ein Kind es gemacht.“
„Ja.“
„Vielleicht ist es sehr alt.“
„Ja.“
„Vielleicht bedeutet es nichts.“
„Ja.“
„Vielleicht bedeutet es etwas.“
Mira lächelt.
Tovin sieht sie an.
„Du magst dieses Wort zu sehr.“
„Vielleicht.“
Jetzt muss Tovin lachen.
Sie bleiben noch eine Weile dort.
Dann gehen sie zurück zur Stadt.
Der schwarze Vogel fliegt wieder über ihnen.
Die Häuser werden größer.
Der Turm steht in der Mitte der Stadt.
Mira sieht ihn an.
Sie denkt an den Felsen.
Sie denkt an das Zeichen.
Sie denkt an Türen, die man nicht öffnen kann.
Vor dem Stadttor bleibt Tovin stehen.
„Mira.“
„Ja?“
„Wir gehen morgen wieder hin.“
Mira sieht ihn an.
„Warum?“
Tovin schaut zurück zu den Hügeln.
„Weil ich wissen will, ob wir etwas übersehen haben.“
Mira nickt.
„Gut.“
Tovin geht ein paar Schritte.
Dann bleibt er noch einmal stehen.
„Aber ich glaube immer noch nicht an die Tür.“
Mira sagt nichts.
Tovin sieht sie an.
Dann sagt er leise:
„Vielleicht.“
Und dieses Mal klingt das Wort anders.