Mira hat schon viele Erwachsene gefragt. Alle sehen weg.
Aber es gibt eine Frau, die nicht wegsieht: die alte Frau auf dem Markt. Sie sitzt auf ihrer Bank und verkauft nichts. „Sie sieht alles“, sagt man.
Mira braucht Mut, dann geht sie hin.
„Darf ich mich setzen?“, fragt sie.
„Setz dich“, sagt die alte Frau.
Mira setzt sich auf den Stein neben der Bank.
„Ich habe eine Frage“, sagt Mira. „Aber alle sehen weg, wenn ich sie stelle.“
„Dann frag“, sagt die Frau. „Ich sehe nicht weg.“
Mira holt Luft.
„Was ist im Turm?“
Die alte Frau sieht Mira an. Sie wird nicht still wie die Mutter. Sie wird nicht nervös wie der Mann am Brunnen. Sie sagt nicht schnell „nichts“ wie der Schmied.
Sie sieht Mira ruhig an. Lange.
„Du fragst gut“, sagt sie endlich. „Die meisten fragen: Ist im Turm etwas? Und sie hoffen: nein. Du fragst: Was ist im Turm? Du hoffst auf eine Antwort.“
„Ja“, sagt Mira. „Und? Was ist drin?“
Die alte Frau lächelt, aber sie antwortet nicht.
„Wer hat dir gesagt, dass ich es weiß?“, fragt sie zurück.
„Niemand“, sagt Mira. „Aber du siehst alles. Das sagen die Leute.“
„Ich sehe viel“, sagt die Frau. „Aber sehen ist nicht dasselbe wie sagen. Und sagen ist nicht dasselbe wie wissen.“
Mira ist ein wenig enttäuscht. „Du sagst es mir also nicht.“
„Ich gebe dir keine Antwort“, sagt die Frau. „Eine Antwort von mir wäre meine. Du würdest sie glauben, weil eine alte Frau sie sagt. Wie die Leute dem Kind mit der schweren Stimme geglaubt haben.“ Sie macht eine Pause. „Das will ich nicht.“
„Was soll ich dann tun?“, fragt Mira.
„Frag weiter“, sagt die Frau. „Frag die Karte. Frag das Wasser. Frag den Stein. Frag den Turm selbst. Und warte. Manche Antworten kommen nur zu dem, der lange genug fragt.“
Mira steht auf, aber sie hat keine Antwort.
Aber sie fühlt sich nicht abgewiesen. Die alte Frau hat sie ernst genommen und nicht weggesehen.
„Danke“, sagt Mira.
„Wofür?“, fragt die Frau. „Ich habe dir nichts gesagt.“
„Du hast mir geglaubt, dass die Frage gut ist“, sagt Mira.
Die alte Frau nickt langsam.
„Geh“, sagt sie. „Und sieh an den Rand. Nicht in die Mitte.“
Mira bleibt stehen, denn das hat auch der Laternenmann gesagt.
Aber als sie sich umdreht, sieht die alte Frau schon wieder über den Markt, als hätte sie nichts gesagt.