Tovin mag keine Geheimnisse, und er will den Turm bei einem Fehler erwischen.
„Alles in der Stadt folgt Regeln“, sagt er zu Mira. „Ein Stein fällt nach unten. Wasser läuft bergab. Ein Schatten wird am Mittag kurz. Wenn der Turm seltsam ist, dann macht er etwas falsch. Das will ich messen.“
„Und wenn er nichts falsch macht?“, fragt Mira.
„Dann weiß ich das auch.“
Sie gehen zum Platz. Die Sonne steht hoch, denn bald ist Mittag.
Zuerst misst Tovin den Schatten einer Mauer am Markt. Er geht den Schatten ab, mit Schritten: eins, zwei, drei, vier. Vier Schritte.
„Die Mauer ist nicht hoch“, sagt er. „Kurze Mauer, kurzer Schatten. Normal.“
Dann geht er zum Turm. Der Turm ist hoch, und sein Schatten liegt lang über den Platz.
Tovin geht den Schatten des Turms ab: eins, zwei, drei... bis... Er zählt viele Schritte.
„Langer Schatten“, sagt er. „Aber der Turm ist auch hoch. Hoher Turm, langer Schatten.“ Er rechnet im Kopf. „Es passt. Genau wie bei der Mauer.“
Er wartet. Der Mittag kommt, und die Sonne steht ganz oben. Der Schatten wird kürzer: bei der Mauer, beim Turm, bei allem.
„Der Schatten wird kürzer“, sagt Tovin. „Wie bei jedem Ding.“
Er sieht den Turm an, lange.
„Du wirfst einen ganz normalen Schatten“, sagt er fast böse. „Wie eine Mauer. Wie ein Haus. Du machst nichts falsch.“
Mira lacht leise. „Du bist enttäuscht.“
„Ein bisschen“, sagt Tovin. „Ich wollte einen Fehler finden.“
„Aber du hast etwas gefunden“, sagt Mira. „Der Turm ist aus echtem Stein, er steht in der echten Sonne, er wirft einen echten Schatten. Er ist kein Traum.“
Tovin denkt nach.
„Das stimmt“, sagt er langsam. „Das Seltsame am Turm ist nicht der Stein. Nicht der Schatten. Nicht die Höhe. Alles daran ist normal.“
„Was ist dann seltsam?“, fragt Mira.
Tovin sieht zum Turm, dann über den Platz, zu den Leuten.
„Die Menschen“, sagt er leise. „Der Turm ist normal. Aber die Menschen tun, als wäre er nicht da.“
Es wird still zwischen ihnen.
Der Schatten des Turms liegt über den Platz, lang und grau.
Und die Leute gehen darum herum, keiner stellt sich hinein.