Am Abend ist es ruhig, und Mira sitzt bei ihrer Mutter am Tisch.
„Erzähl mir von Großvater“, sagt Mira.
Die Mutter lächelt. „Was willst du wissen?“
„Wie war er?“
Die Mutter denkt nach, und ihr Gesicht wird weich.
„Er hatte große Hände“, sagt sie. „Warm wie Brot aus dem Ofen. Wenn ich klein war und Angst hatte, legte er eine Hand auf meinen Kopf. Dann war die Angst weg.“
Mira hört zu. Sie kennt die Hände aus der Truhe nicht, aber jetzt sieht sie sie fast.
„Er sang gern“, sagt die Mutter. „Alte Lieder. Beim Arbeiten. Leise. Er kannte viele.“
„Welche?“, fragt Mira.
Die Mutter summt ein paar Töne. Langsam. „Den Text weiß ich nicht mehr ganz“, sagt sie. „Nur die Melodie.“
Es ist warm am Tisch, und Mira mag diesen Abend.
Dann fragt sie:
„Großvater hatte viele Karten. In der Truhe. Hat er von den Karten erzählt? Von dem Turm, der dort fehlt?“
Die Mutter hört auf zu summen.
Sie wird still. Nicht böse. Nicht schnell wie der Schmied. Anders.
Ihre Augen werden ein wenig nass.
„Mira“, sagt sie leise. „Lass die alten Karten in der Truhe.“
„Aber warum?“
Die Mutter sieht auf ihre Hände, auf den Tisch.
„Großvater hat viel über den Turm nachgedacht“, sagt sie endlich. „Am Ende war er oft traurig. Ich weiß nicht, warum. Ich weiß nur: Wenn er von dem Turm sprach, dann ging es ihm schlecht.“
„Was hat er gesagt?“, fragt Mira.
„Das hat er mir nie gesagt.“ Die Mutter wischt sich übers Gesicht. „Vielleicht wollte er mich beschützen. Vielleicht wusste er selbst nicht alles.“
Mira ist still, denn sie versteht jetzt etwas Neues.
Die Mutter sieht nicht weg vom Turm, weil sie Angst hat. Oder nicht nur. Sie wird still, weil sie Großvater vermisst, weil der Turm und die Trauer zusammengehören.
Das Schweigen der Mutter ist nicht kalt, es ist traurig.
„Es tut mir leid“, sagt Mira. „Ich frage nicht mehr heute.“
Die Mutter zieht Mira an sich und legt eine Hand auf Miras Kopf. Warm.
„Du fragst, wie er gefragt hat“, sagt sie leise. „Das ist gut. Aber sei vorsichtig. Manche Fragen machen müde.“
„Ich bin vorsichtig“, sagt Mira.
Sie bleiben noch lange so sitzen. Die Mutter summt wieder, das alte Lied ohne Worte.
Und Mira denkt: Großvater hat dieselben Fragen gehabt wie ich.
Das macht sie nicht stolz, es macht sie ein wenig traurig.
Aber sie ist nicht mehr allein mit den Fragen, denn jemand vor ihr hat sie auch gehabt.