Mira hat den Turm oft gesehen, aber immer in der Nacht, immer mit dem Laternenmann.
Heute geht sie am Tag, und allein.
Der Platz ist voll. Leute kaufen und reden, und die Sonne scheint.
Mira geht zum Turm, Schritt für Schritt, näher, als sie je war.
Da merkt sie etwas Seltsames: Je näher sie kommt, desto leerer wird es um sie. Die Leute sind überall auf dem Platz, aber nicht hier, nicht am Fuß des Turms.
Es ist, als gäbe es einen Kreis um den Turm, einen leeren Kreis, und keiner geht hinein.
Außer Mira.
Sie steht jetzt ganz nah. Vor ihr ist die Wand: grauer Stein, hoch. Sie sieht nach oben, und der Turm wird schmal und schmaler, bis zur Spitze.
Mira sucht eine Tür und geht langsam um den Turm. Eine Seite. Zwei Seiten. Drei. Vier.
Keine Tür. Kein Fenster. Kein Griff. Nichts.
Sie sucht einen Spalt. Eine Linie. Eine Stelle, wo der Stein anders ist.
Sie legt die Hand an die Wand.
Der Stein ist kalt und glatt, sehr glatt, glatter als die Mauern am Markt. Kein Riss, keine Fuge. Als wäre der Turm aus einem einzigen Stein.
Mira fährt mit der Hand über die Wand. Kalt, kalt, kalt.
Sie drückt das Ohr an den Stein und hört nur ihren eigenen Atem.
„Was bist du?“, flüstert sie.
Der Turm sagt nichts, er ist nur kalter, glatter Stein.
Mira tritt einen Schritt zurück und sieht sich um.
Auf dem Platz: viele Leute, aber alle weit weg. Eine Frau geht mit einem Korb vorbei, am Rand des leeren Kreises. Sie sieht Mira, dann sieht sie schnell weg und geht schneller.
Mira versteht: Sie tut etwas, das niemand tut. Sie steht da, wo keiner steht. Sie berührt, was keiner berührt.
Es ist nur eine Wand. Kalter Stein. Nichts passiert.
Aber sie spürt: Hier zu stehen ist mutig. Nicht, weil der Turm gefährlich ist. Sondern weil die ganze Stadt einen Bogen um ihn macht.
Mira lässt die Hand noch einmal auf den kalten Stein.
„Ich komme wieder“, sagt sie leise.
Dann geht sie zurück, in den vollen Teil des Platzes, zu den Leuten.
Hinter ihr steht der Turm. Glatt und kalt und zu.
Aber Mira denkt: Eine glatte Wand ist auch eine Wand. Und hinter einer Wand ist immer etwas.