Ein Jahr Deutsch

Die Karte ohne Turm

Tag 4 6 Min.

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Drei Tage lang denkt Mira an den Felsen.

Nicht die ganze Zeit.

Nur immer wieder.

Wenn sie Wasser holt.

Wenn sie Brot isst.

Wenn sie am Abend im Bett liegt.

Der Kreis auf dem Stein geht nicht aus ihrem Kopf.

Ihr Vater merkt es.

Du bist still“, sagt er.

Nein.“

Doch.“

Vielleicht.“

Ihr Vater lacht.

Dieses Wort gefällt dir zu sehr.“

Mira antwortet nicht.

Sie hilft ihm, eine alte Kiste aus dem Lagerraum zu holen.

Die Kiste gehört ihrem Großvater.

Der Großvater ist seit vielen Jahren tot.

Mira erinnert sich kaum an ihn.

Sie erinnert sich nur an seinen Bart.

Und an seine Hände.

Große Hände.

Hände wie Wurzeln.

Die Kiste ist schwer.

Staub liegt auf dem Deckel.

Ihr Vater öffnet sie.

Wir sollten sehen, was noch darin ist.“

In der Kiste liegen viele Dinge.

Alte Nägel.

Ein Messer ohne Griff.

Ein Stück Stoff.

Drei kleine Figuren aus Holz.

Und ganz unten ein Bündel Papier.

Mira zieht es heraus.

Was ist das?“

Ihr Vater schaut kurz hin.

Alte Karten.“

Mira setzt sich auf den Boden.

Sie rollt die oberste Karte aus.

Darauf sieht man einen Fluss.

Eine Brücke.

Häuser.

Straßen.

Hügel.

Mira erkennt die Stadt sofort.

Das ist Messelweg.“

Natürlich“, sagt ihr Vater.

Mira fährt mit dem Finger über die Karte.

Sie sucht die Brücke.

Sie findet sie.

Sie sucht den Markt.

Sie findet ihn.

Dann sucht sie den Turm.

Sie findet ihn nicht.

Mira runzelt die Stirn.

Sie sucht noch einmal.

Langsam.

Dann noch einmal.

Der Turm ist nicht da.

Papa?“

Hm?“

Wo ist der Turm?“

Ihr Vater sieht auf die Karte.

Was meinst du?“

Hier.“

Mira zeigt auf die Mitte der Stadt.

Ihr Vater beugt sich vor.

Für einen Moment sagt er nichts.

Seltsam.“

Ja.“

Vielleicht ist die Karte unvollständig.“

Aber alles andere ist da.“

Ihr Vater hebt die Schultern.

Dann weiß ich es nicht.“

Das gefällt Mira.

Nicht die Antwort.

Aber die Ehrlichkeit.

Viele Erwachsene tun so, als wüssten sie alles.

Ihr Vater macht das nicht.

Am Nachmittag läuft Mira zu Tovin.

Er sitzt am Fluss.

Er wirft kleine Steine ins Wasser.

Jeder Stein macht einen kleinen Kreis.

Dann ist der Kreis weg.

Tovin!“

Was?“

Ich habe etwas.“

Ist es essbar?“

Nein.“

Dann ist es vielleicht nicht wichtig.“

Mira setzt sich neben ihn und rollt die Karte aus.

Tovin schaut darauf.

Eine Karte.“

Ja.“

Alt.“

Ja.“

Und?“

Sie zeigt Messelweg.“

Tovin beugt sich vor.

Da ist der Fluss.“

Ja.“

Da ist die Brücke.“

Ja.“

Da sind die Hügel.“

Ja.“

Er zeigt auf eine kleine Straße.

Da wohnt meine Tante.“

Vielleicht.“

Nein. Sicher.“

Gut.“

Tovin sieht weiter.

Dann wird sein Gesicht anders.

Der Turm fehlt.“

Ja.“

Dann ist die Karte falsch.“

Mira sagt nichts.

Mira.“

Was?“

Die Karte ist falsch.“

Vielleicht.“

Tovin stöhnt.

Nicht wieder.“

Was?“

Dieses Wort.“

Es ist ein gutes Wort.“

Es ist ein feiges Wort.“

Mira sieht ihn an.

Feig?“

Ja. Wenn man nicht ja sagen will und nicht nein, sagt man vielleicht.“

Mira legt die Hand auf die Karte.

Oder man sagt vielleicht, wenn man noch nicht genug weiß.“

Tovin öffnet den Mund.

Dann schließt er ihn wieder.

Mira lächelt.

Du hast nichts gesagt.“

Ich denke.“

Das tut dir gut.“

Tovin nimmt die Karte.

Er hält sie gegen das Licht.

Der Rand ist dünn. An einer Stelle ist ein kleines Loch.

Vielleicht ist der Turm später gebaut worden“, sagt er.

Alle sagen, der Turm war immer da.“

Alle sagen auch, der tiefe Brunnen ist nie leer.“

Was ist der tiefe Brunnen?“

Ein Brunnen.“

Ist er nie leer?“

Natürlich.“

Mira wartet.

Tovin sieht sie böse an.

Frag nicht.“

Ich habe nichts gesagt.“

Du hast mit deinem Gesicht gefragt.“

Mira lacht.

Tovin sieht wieder auf die Karte.

Vielleicht hat der Zeichner den Turm vergessen.“

Vergisst man einen Turm in der Mitte der Stadt?“

Vielleicht, wenn man sehr müde ist.“

Oder wenn man ihn nicht sehen kann.“

Tovin schaut auf.

Wie kann man einen Turm nicht sehen?“

Mira denkt an die Nacht.

Sie denkt an die Laterne.

Sie denkt an den alten Mann.

Sie denkt an den Stein im Felsen.

Vielleicht sieht man nur, was man kennt“, sagt sie.

Tovin schnaubt.

Ich sehe viele Dinge, die ich nicht kenne.“

Zum Beispiel?“

Deine Gedanken.“

Die siehst du nicht.“

Zum Glück.“

Mira nimmt die Karte zurück.

In der Mitte der Stadt ist kein Turm.

Aber dort ist auch nicht einfach nichts.

Dort ist ein kleiner Kreis.

Er ist sehr schwach.

Fast sieht man ihn nicht.

Mira hält den Atem an.

Tovin.“

Was?“

Sieh.“

Sie zeigt auf den Kreis.

Tovin beugt sich vor.

Das ist nur ein Fleck.“

Vielleicht.“

Nicht vielleicht. Ein Fleck.“

Er ist zu rund.“

Tovin sieht genauer hin.

Der Kreis ist wirklich rund.

Nicht perfekt.

Aber absichtlich.

In seiner Mitte ist kein Punkt.

Nur leerer Raum.

Das ist kein Turm“, sagt Tovin.

Nein.“

Also?“

Mira fährt mit dem Finger um den Kreis.

Nicht auf dem Papier.

Dicht darüber.

Sie will ihn nicht verwischen.

Am Felsen war ein Kreis mit einem Punkt.“

Ich weiß.“

Hier ist ein Kreis ohne Punkt.“

Und?“

Ich weiß nicht.“

Tovin lehnt sich zurück.

Das ist deine liebste Antwort.“

Nein.“

Doch.“

Meine liebste Antwort ist eine bessere Frage.“

Tovin wirft wieder einen Stein ins Wasser.

Der Kreis wächst auf der Oberfläche.

Dann verschwindet er.

Was ist die bessere Frage?“

Mira sieht auf die Karte.

Nicht: Ist die Karte falsch?“

Sondern?“

Warum ist sie so falsch?“

Tovin denkt darüber nach.

Das ist keine bessere Frage. Das ist dieselbe Frage mit mehr Arbeit.“

Vielleicht ist mehr Arbeit gut.“

Für wen?“

Mira faltet die Karte vorsichtig zusammen.

Für Menschen, die nicht dumm bleiben wollen.“

Tovin sieht beleidigt aus.

Ich bin nicht dumm.“

Nein.“

Gut.“

Aber du willst oft schnell fertig sein.“

Tovin sagt nichts.

Das stimmt, und wahre Dinge sind schwerer zu schlagen als falsche.

Die Sonne steht tiefer.

Der Fluss wird dunkel.

Mira steckt die Karte unter ihren Mantel.

Ich nehme sie mit.“

Wohin?“

Nach Hause.“

Und dann?“

Ich sehe mir die anderen Karten an.“

Tovin steht auf.

Ich komme mit.“

Mira sieht ihn überrascht an.

Warum?“

Weil ich wissen will, ob alle falsch sind.“

Du meinst, ob alle den Turm zeigen?“

Nein“, sagt Tovin. „Ich meine, ob alle gleich lügen.“

Mira bleibt stehen.

Das ist ein guter Satz.

Vielleicht Tovins bester Satz.

Sie gehen zusammen zurück.

Als sie an den Häusern vorbeikommen, sehen sie den Turm in der Mitte der Stadt.

Er steht hoch und grau.

Jeder kann ihn sehen.

Ein Kind zeigt auf ihn.

Ein Händler geht an ihm vorbei.

Ein Vogel sitzt auf seiner Spitze.

Der Turm sieht sehr wirklich aus.

Zu wirklich, um auf einer Karte zu fehlen.

Tovin sieht ihn an.

Vielleicht ist die Karte nur alt.“

Mira nickt.

Vielleicht.“

Vielleicht ist sie falsch.“

Ja.“

Vielleicht ist sie wichtig.“

Mira sieht ihn an.

Tovin schaut weiter zum Turm.

Was?“, sagt er.

Mira lächelt.

Nichts.“

Am Abend legt Mira die Karte unter ihr Kissen.

Sie schläft spät ein.

In ihrem Traum steht sie auf dem Markt.

Die Menschen rufen.

Der Fluss fließt.

Die Brücke ist da.

Die Hügel sind da.

Aber der Turm fehlt.

In der Mitte der Stadt ist nur ein leerer Kreis.

Und aus dem Kreis kommt eine Stimme.

Nicht laut.

Nicht leise.

Sie fragt:

Wer hat mich gezeichnet?“

Mira wacht auf.

Der Raum ist dunkel.

Draußen ist die Stadt still.

Der Turm steht in der Mitte.

Natürlich steht er dort.

Mira kann ihn nicht sehen.

Aber sie weiß es.

Dann denkt sie:

Vielleicht ist Wissen manchmal nur eine Karte im Kopf.

Und vielleicht fehlen auf dieser Karte auch Dinge.

Für Lernende
A1 · Beginner

1250 Wörter · 386 einzigartige · ⌀ 4,2 Wörter pro Satz

Neue Wörter

  • die Karte
  • fehlen
  • der Turm
  • der Rand
  • der Kreis
  • die Mitte
  • falsch
  • stimmen

Grammatik

  • Präsens
  • einfache Hauptsätze
  • Fragen mit warum und wo
  • Verneinung mit nicht und kein

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