Drei Tage lang hat Mira geschwiegen.
Sie hat das Geheimnis getragen wie einen schweren Stein in der Tasche. Sie hat es ihrer Mutter nicht gesagt, und ihrem Vater auch nicht. Dem Laternenmann musste sie es nicht erzählen, denn er wusste es schon. Aber Tovin wusste es nicht, und das war das Schwerste, weil Tovin ihr bester Freund ist.
Am vierten Tag hält sie es nicht mehr aus.
Sie findet Tovin am Brunnen. Er lässt flache Steine über das Wasser springen, einen nach dem anderen, und zählt, wie oft sie hüpfen.
„Ich muss dir etwas sagen“, sagt Mira. „Aber du darfst nicht lachen. Und du darfst es niemandem erzählen.“
Tovin lässt den Stein sinken. „Was ist es?“
Mira sieht sich um. Niemand hört zu. Trotzdem spricht sie leise.
„Der Turm ist nicht voll“, sagt sie. „Innen ist ein Raum. Da ist etwas.“
Tovin sieht sie lange an. Dann lacht er doch, kurz und ungläubig.
„Woher willst du das wissen? Der Turm hat keine Tür. Er hat kein Fenster. Niemand war je drinnen. Du hast doch selbst gesagt, er ist aus einem einzigen Stein.“
„Das habe ich am Tag gesucht, mit den Augen“, sagt Mira. „In der Nacht war ich noch einmal dort, mit dem Laternenmann. Er hat nicht gesucht wie ich. Er hat geklopft.“
„Geklopft?“
„Unten, ganz am Fuß. Er hat an den glatten Stein geklopft, und der Stein hat hart und voll geklungen. Dann hat er an eine runde Stelle geklopft, und die hat anders geklungen. Tief. Leer.“ Mira sucht nach dem richtigen Wort. „Hohl.“
„Hohl“, wiederholt Tovin.
„Wie gutes Brot“, sagt Mira. „Die Bäckerin hat es mir gezeigt: Gutes Brot klingt hohl, weil innen Luft ist. Oder wie ein leerer Krug. Voll klingt voll. Leer klingt hohl. Und der Turm klingt an dieser Stelle hohl, also ist da innen kein Stein, sondern ein Raum.“
Tovin sagt eine Weile nichts. Er nimmt einen neuen Stein und dreht ihn in der Hand, aber er wirft ihn nicht.
„Das ist ein guter Beweis“, sagt er endlich. „Wenn es stimmt.“
„Es stimmt“, sagt Mira. „Ich habe es selbst gehört.“
„Du hast es gehört.“ Tovin nickt langsam. „Aber ich nicht.“
Mira kennt diesen Satz schon, bevor er ihn ganz gesagt hat.
„Ich glaube dir, dass du es ehrlich erzählst“, sagt Tovin. „Du lügst nicht, das weiß ich. Aber zwischen ‚Mira hat etwas gehört‘ und ‚der Turm ist hohl‘ ist ein Unterschied. Vielleicht hat der alte Mann an zwei Steine geklopft, die einfach verschieden sind. Vielleicht klingt der Boden dort anders, weil darunter Erde ist. Ich war nicht dabei. Ich habe es nicht gehört.“
„Ich wusste, dass du das sagst“, sagt Mira. Aber sie ist nicht böse. Sie lächelt sogar ein wenig, weil Tovin eben Tovin ist.
„Dann weißt du auch, was ich jetzt will“, sagt Tovin.
„Du willst es selbst hören.“
„Ich muss es selbst hören.“ Er wirft den Stein endlich, und der Stein hüpft dreimal und sinkt. „Sonst ist es nur deine Geschichte. Wenn ich es höre, ist es ein Fakt.“
Mira denkt an den Laternenmann, an sein müdes Gesicht, an sein „noch nicht“. Sie denkt: Vielleicht ist es nicht klug, an den Turm zu klopfen, wenn die ganze Stadt wegsieht. Aber sie denkt auch: Tovin gibt nicht nach, niemals, und allein soll er nicht gehen.
„Gut“, sagt sie. „Aber heimlich. Und du musst mir etwas versprechen.“
„Was?“
„Wenn der Stein hohl klingt“, sagt Mira, „dann lachst du nie wieder über das Wort ‚vielleicht‘.“
Tovin denkt nach. Das ist für ihn ein hoher Preis.
„Und wenn er voll klingt“, sagt er, „dann sagst du einen Monat lang kein einziges Mal ‚vielleicht‘.“
Mira streckt die Hand aus. „Versprochen.“
Tovin schlägt ein. „Versprochen.“
Sie stehen am Brunnen, zwei Kinder mit einem Geheimnis und einem Versprechen, und über ihnen ist der Himmel weit und still.
„Wann?“, fragt Tovin.
„Bald“, sagt Mira. „Wenn der Platz leer ist.“
Tovin sieht zum Turm hinüber, grau und hoch über den Dächern. Zum ersten Mal sieht er ihn nicht wie eine Wand an, sondern wie eine Frage.
„Hohl“, sagt er noch einmal, leise, als ob er das Wort prüft.
Und Mira hört: Diesmal klingt es nicht wie Spott. Diesmal klingt es fast wie Hoffnung.