Der Richter ist immer noch krank.
Das hört man am Markt an vielen kleinen Dingen. Zwei Frauen streiten um einen Sack Mehl, und niemand sagt, wer recht hat. Ein Mann verkauft schlechten Fisch, und keiner spricht ein Urteil. Früher kam der alte Richter, langsam, mit seiner schweren Stimme, und am Ende war die Sache geklärt. Jetzt bleibt sie offen, wie eine Tür, die niemand schließt.
Aron sieht das jeden Tag. Und es lässt ihm keine Ruhe.
Er geht zur alten Frau, die am Rand des Platzes sitzt, auf ihrer Bank. Sie verkauft nichts, sie kauft fast nichts, aber sie sieht alles.
„Darf ich dich etwas fragen?“, sagt Aron.
„Du fragst ja schon“, sagt sie und lächelt ein wenig.
Aron setzt sich auf den Stein neben der Bank. „Der Stadt fehlt ein Urteil“, sagt er. „Der Richter ist krank. Und ich denke: Ich kenne den Markt besser als die meisten. Ich kenne die Preise, die Waren, die Leute. Vielleicht könnte ein guter Händler richten, bis der Richter wieder gesund ist.“
Die alte Frau schweigt eine Weile. Dann fragt sie: „Was machst du, wenn du einen Preis nennst?“
Aron überlegt. „Ich sehe die Ware an. Ich sehe den Käufer an. Ich frage mich: Was ist ihm das wert? Und dann nenne ich eine Zahl.“
„Was ist ihm das wert“, wiederholt die Frau. „Hör auf diese Frage. Beim Preis geht es darum, was eine Sache jemandem wert ist. Dem einen ist ein Topf viel wert, dem anderen wenig. Zwei Käufer, zwei Preise, und beide können richtig sein.“
„Ja“, sagt Aron. „So ist der Handel.“
„Und jetzt sag mir“, fährt die Frau fort, „was fragst du, wenn du richtest?“
Aron will schnell antworten, aber er hält inne. Er merkt, dass die Frage schwerer ist.
„Beim Richten“, sagt er langsam, „frage ich nicht, was es jemandem wert ist. Ich frage… was wahr ist. Wer wirklich zuerst da war. Wessen Mehl es wirklich ist.“
„Da hast du den Unterschied“, sagt die alte Frau. „Ein Preis fragt: Was ist es dir wert? Ein Urteil fragt: Was ist wahr, und was ist gerecht? Das eine darf für jeden anders sein. Das andere muss für alle gleich sein. Du kannst nicht zwei Urteile sprechen wie zwei Preise, eines für den Reichen und eines für den Armen.“
Aron nickt. Das versteht er. Aber die Frau ist noch nicht fertig.
„Und jetzt das Schwerste“, sagt sie leise. „Was kannst du am besten von allen Männern auf diesem Platz?“
Aron weiß die Antwort, und sie gefällt ihm nicht.
„Überzeugen“, sagt er. „Ich kann reden. Ich kann die Leute überzeugen, auch wenn…“ Er stockt.
„Auch wenn du nicht recht hast“, sagt die Frau ruhig.
„Auch dann“, gibt Aron zu.
„Beim Verkaufen ist das ein Geschenk“, sagt sie. „Beim Richten ist es eine Gefahr. Denn wenn du richtest und so überzeugend klingst wie immer, dann glauben dir die Leute, weil du überzeugst – nicht, weil du recht hast. Du würdest ein Urteil verkaufen wie eine Ware. Und ein gekauftes Urteil ist kein Urteil. Es ist nur ein Preis mit einem anderen Namen.“
Aron sitzt still. Er denkt an das Kind im grünen Mantel, dessen Stimme wie Stein klang, und dem alle glaubten, weil es so klang. Er denkt an den Tag, als die Leute wollten, dass er den Streit entscheidet, weil er „so sicher klingt“. Er hat damals nein gesagt. Jetzt versteht er besser, warum das richtig war.
„Du sagst also: Ich soll nicht richten?“
„Ich sage nichts so Einfaches“, antwortet die Frau. „Ich sage: Trenne die zwei Dinge in deinem Kopf. Ein Preis kommt aus dem Wunsch. Ein Urteil kommt aus dem Verstand und aus der Wahrheit. Wer das nicht trennen kann, der verkauft am Ende alles – auch das Recht. Und das Recht, Aron, darf keinen Preis haben.“
Da ist sie wieder, seine alte Frage, in neuen Worten: Was darf keinen Preis haben?
Aron steht auf. Er ist nicht klüger geworden, wie man klug wird, wenn man eine Zahl lernt. Er ist klüger geworden, wie man klug wird, wenn man ein Gewicht spürt.
„Danke“, sagt er.
„Wofür?“, fragt die Frau. „Ich habe dir nichts verkauft.“
„Nein“, sagt Aron und lächelt zum ersten Mal seit Tagen. „Das ist es ja.“