Die Frau mit den drei Ziegen muss für einige Tage aus der Stadt.
„Ich gehe zu meiner Schwester“, sagt sie zu Mira. „Sie ist krank. Aber meine Ziegen kann ich nicht mitnehmen. Eine ist alt und langsam. Kannst du sie füttern, jeden Morgen, bis ich zurück bin?“
Mira denkt nach. Jeden Morgen, das sind viele Morgen. Manchmal regnet es. Manchmal will man lieber liegen bleiben.
„Ja“, sagt sie trotzdem. „Ich verspreche es.“
„Verlass dich nicht auf ein leichtes Wort“, sagt die Frau und sieht Mira ernst an. „Eine Ziege merkt, wenn man kommt. Und sie merkt, wenn man nicht kommt.“
„Ich komme“, sagt Mira. „Jeden Morgen.“
Am ersten Morgen geht sie früh in den Stall. Die alte Ziege sieht sie an und wartet. Mira füttert sie und gibt ihr Wasser. Es ist leicht.
Am dritten Morgen regnet es. Mira liegt im Bett und hört den Regen, und der Stall ist weit. Sie denkt: Heute einmal nicht. Die Ziege wird es überleben. Aber dann denkt sie an die Worte der Frau: Eine Ziege merkt, wenn man kommt. Und sie merkt, wenn man nicht kommt.
Mira steht auf. Sie geht durch den Regen zum Stall. Die Ziege wartet, und als Mira kommt, macht das Tier ein zufriedenes Geräusch. Mira wird nass, aber sie ist seltsam froh.
Am Markt sieht sie an diesem Tag etwas anderes.
Es gibt einen Mann, der Töpfe flickt. Früher war er gut und zuverlässig: Wer ihm einen Topf brachte, bekam ihn am Abend zurück, ganz und heil. Aber seit einer Weile sagt er „morgen“ und meint nicht morgen. Er verspricht und vergisst. Heute streitet eine Frau mit ihm.
„Du hast versprochen, der Topf ist bis gestern fertig“, sagt sie. „Jetzt ist er immer noch kaputt.“
„Morgen“, sagt der Mann. „Bestimmt.“
Aber die Frau glaubt ihm nicht mehr. Sie nimmt den kaputten Topf und geht zu einem anderen. „Bei dir verlasse ich mich nicht mehr“, sagt sie über die Schulter.
Mira sieht es genau. Der Mann hat nichts zerbrochen außer Worten. Man kann die zerbrochenen Worte nicht sehen, sie liegen nicht auf dem Boden wie Scherben. Und doch ist etwas kaputt. Das Vertrauen ist weg. Die Leute gehen jetzt an seinem Tisch vorbei.
Am Abend erzählt Mira ihrem Vater davon.
„Der Mann hat doch nichts gestohlen“, sagt sie. „Er hat nur ‚morgen‘ gesagt und es nicht gemacht. Warum sind alle böse?“
„Weil ein Versprechen ein Gewicht hat“, sagt ihr Vater. „Du kannst es nicht sehen. Aber alle spüren es. Wenn du dein Wort hältst, wird das Wort schwer und fest, und die Leute können sich darauf stellen wie auf einen Stein. Wenn du dein Wort brichst, dann trägt es nichts mehr. Und ein zweites Mal glaubt dir keiner.“
Mira denkt an die Ziege, an den Regen, an den weiten Weg zum Stall.
„Darum bin ich heute trotzdem gegangen“, sagt sie. „Obwohl es geregnet hat.“
Ihr Vater nickt. „Darum.“
In dieser Nacht liegt Mira im Bett und denkt nach. Sie denkt an das Zeichen im Felsen, an den Kreis mit dem Punkt, den jemand vor langer Zeit mit ruhiger Hand in den Stein geritzt hat. Ein Zeichen im Stein bleibt, weil Stein hart ist.
Aber ein Versprechen, denkt Mira, ist auch ein Zeichen. Nur ritzt man es nicht in den Stein. Man ritzt es in einen anderen Menschen. Man kann es nicht sehen. Es ist eine unsichtbare Spur. Und doch bleibt es, mal als Vertrauen, mal als Misstrauen, je nachdem, ob man kommt oder nicht kommt.
„Eine Ziege merkt es“, flüstert Mira in die Dunkelheit und muss lächeln.
Am nächsten Morgen regnet es wieder. Und Mira steht wieder auf und geht.