Mira kann den tiefen Brunnen nicht vergessen.
Sie war einmal dort, mit Tovin, am Rand der Stadt, hinter den alten Häusern. Ein schwerer Stein liegt als Deckel darauf. Durch den Spalt kommt kein Wasser herauf, nur ein langsamer, kühler Atem aus der Tiefe, wie das Atmen von etwas Großem, das schläft. Seither denkt sie oft daran.
Sie will zurück. Aber diesmal will sie nicht allein gehen, und auch nicht nur mit Tovin. Sie will einen Erwachsenen dabei, der etwas weiß.
„Mutter“, sagt sie am Morgen. „Kommst du mit mir zum tiefen Brunnen? Nur einmal. Ich will dir etwas zeigen.“
Die Mutter hält in ihrer Arbeit inne. Ihr Gesicht wird anders, fast wie damals beim Turm.
„Nein“, sagt sie. „Da gehe ich nicht hin.“
„Warum nicht?“
„Da geht man nicht hin“, sagt die Mutter, als wäre das schon die ganze Antwort. „Der Brunnen ist verschlossen. Das hat seinen Grund. Geh du auch nicht hinein, hörst du? Ich habe dich gewarnt.“
„Ich will ja nicht hinein“, sagt Mira. „Ich will nur hin.“
Aber die Mutter schüttelt den Kopf und arbeitet weiter, und ihre Hände sind ein wenig zu schnell.
Mira versteht: Die Mutter weigert sich. Nicht, weil sie nicht weiß, wo der Brunnen ist. Sondern, weil sie nicht hingehen will. Genau so, wie keiner an den Turm geht. Es ist dasselbe Schweigen, nur an einem anderen Ort.
Am Nachmittag geht Mira trotzdem, und Tovin kommt mit.
Der alte Mann ist wieder da. Er trägt Holz, wie beim ersten Mal, und er bewacht den Brunnen, ohne dass jemand ihm das gesagt hat. Als er die Kinder sieht, runzelt er die Stirn.
„Ihr schon wieder“, sagt er. „Geht weg von hier. Das ist nichts für Kinder.“
„Wir gehen nicht hinein“, sagt Mira schnell. „Wir wollen nur fragen. Warum ist der Brunnen verschlossen? Ein Brunnen ist doch für Wasser. Warum darf keiner Wasser holen?“
Der Mann zögert. Er sieht die beiden an, dann den schweren Deckel, dann wieder die Kinder. Und für einen Moment, einen kurzen Moment, sieht es so aus, als ob er es sagen will.
„Der Deckel liegt drauf“, sagt er langsam, „damit nichts…“
Er hält inne. Sein Mund bleibt offen, aber das nächste Wort kommt nicht.
„Damit nichts was?“, fragt Tovin. „Damit nichts hineinfällt?“
„…damit es unten bleibt“, sagt der Mann leise. Dann erschrickt er über seine eigenen Worte. Er macht eine Bewegung mit der Hand, als wische er etwas weg. „Nein. Vergesst das. Ich rede zu viel. Es ist nur ein alter Brunnen. Geht jetzt. Geht nach Hause.“
„Was soll unten bleiben?“, fragt Mira. „Wasser bleibt doch von allein unten.“
Aber der Mann antwortet nicht mehr. Er setzt sich vor den Deckel, das Holz neben sich, und sieht zu Boden. Er ist wie eine Tür, die zugefallen ist.
Mira und Tovin gehen ein Stück weg und bleiben dann stehen.
„Hast du das gehört?“, sagt Tovin leise. „‚Damit es unten bleibt.‘ Nicht ‚damit nichts hineinfällt‘. Sondern ‚damit es unten bleibt‘.“
„Ja“, sagt Mira. „Als ob da unten etwas ist. Etwas, das nicht heraufkommen soll.“
„Vielleicht hat er sich nur falsch ausgedrückt“, sagt Tovin. Aber er sagt es ohne Überzeugung, und er weiß es selbst.
Mira sieht zum Deckel zurück, und sie denkt an den Atem aus der Tiefe, langsam und kühl.
„Ein Turm ohne Tür“, sagt sie. „Ein Brunnen mit einem Deckel. Beide sind mit Absicht zu. Über beide redet keiner. Und bei beiden wird der Mensch seltsam, den man fragt.“
„Du meinst, das gehört zusammen?“, fragt Tovin.
„Ich weiß es nicht“, sagt Mira. „Vielleicht.“
Tovin lacht nicht über das Wort. Er nickt nur, ernst.
Sie gehen zurück in die Stadt. Hinter ihnen sitzt der alte Mann vor dem verschlossenen Brunnen und bewacht eine Tiefe, über die er nicht reden darf.
Und der kühle Atem geht weiter, langsam, aus und ein, als ob unten etwas wartet.