Seit Mira ihm die alten Karten gezeigt hat, lässt Tovin eine Frage nicht mehr los.
Auf allen alten Karten fehlt der Turm. Statt des Turms ist da nur ein leerer Kreis oder gar nichts. Tovin hat zuerst gedacht: Die Leute früher haben schlecht gezeichnet, oder sie haben absichtlich gelogen. Aber dann kommt ihm ein anderer Gedanke, und der ist viel unangenehmer.
„Was, wenn ich auch lüge?“, sagt er zu Mira. „Ohne es zu wollen?“
„Wie meinst du das?“, fragt Mira.
„Ich will es prüfen“, sagt Tovin. „Ich zeichne selbst eine Karte von Messelweg. Aus dem Gedächtnis, auswendig, ohne hinzusehen. Und dann sehen wir, ob ich den Turm hinzeichne oder vergesse.“
Das gefällt Mira. Es ist genau eine Tovin-Idee. Kein Glauben, kein „vielleicht“, sondern ein Versuch.
Tovin nimmt ein Stück Papier und einen Stift. Er setzt sich ans Fenster und denkt an die Stadt. Er zeichnet sorgfältig. Hier die Häuser. Hier der Markt mit dem Brunnen. Hier die alte Brücke, der Fluss, die Hügel im Norden. Er arbeitet langsam und ordentlich. Und weil er die ganze Zeit an seine Frage denkt, vergisst er den Turm natürlich nicht. Im Gegenteil. Er malt ihn extra groß in die Mitte, fast trotzig.
„Siehst du?“, sagt er und hält die Karte hoch. „Da ist der Turm. Ich habe ihn nicht vergessen. Die alten Leute waren einfach falsch.“
Mira sieht die Karte an und sagt nichts. Sie ist nicht sicher, ob der Versuch so wirklich zählt.
„Du hast die ganze Zeit an den Turm gedacht“, sagt sie schließlich. „Du hast aufgepasst. Aber auf den alten Karten hat vielleicht keiner aufgepasst. Vielleicht haben sie nicht gelogen. Vielleicht haben sie nur… nicht daran gedacht.“
Tovin runzelt die Stirn. Das hat er nicht bedacht.
„Dann muss ich es anders machen“, sagt er langsam.
Ein paar Tage später ist Tovin bei seiner Tante. Sie braucht eine kleine Skizze: Wo steht welcher Stand am Markttag? Sie gibt ihm Papier und sagt: „Mach schnell, ich brauche es gleich.“
Tovin zeichnet schnell. Er denkt nicht nach, er hat es eilig, er denkt nur an die Stände: hier der Fisch, hier das Brot, hier die Körbe, hier der Brunnen. Seine Hand fliegt über das Papier. In einer Minute ist die Skizze fertig, und er gibt sie der Tante.
Erst am Abend, zu Hause, sieht er die Skizze noch einmal an. Und da bleibt sein Herz fast stehen.
Auf der schnellen Skizze ist der Markt, der Brunnen, sind alle Stände. Aber der Turm fehlt.
Der Turm steht mitten auf dem Platz, größer als jedes Haus. Man kann ihn nicht übersehen. Und trotzdem hat Tovins Hand ihn einfach weggelassen. Ganz von allein, ohne dass Tovin es gemerkt hat.
Tovin sitzt lange da und starrt auf das Papier.
Am nächsten Tag läuft er zu Mira. Er legt beide Karten nebeneinander: die langsame, sorgfältige mit dem großen Turm und die schnelle Skizze ohne ihn.
„Sieh dir das an“, sagt er, und seine Stimme ist anders als sonst. „Als ich langsam und absichtlich gezeichnet habe, war der Turm da. Als ich schnell gezeichnet habe, ohne nachzudenken, war er weg. Ich habe ihn vergessen. Ich, der ihn am Tag vorher extra groß gemalt hat.“
Mira sieht von einer Karte zur anderen.
„Dann waren die alten Leute vielleicht gar keine Lügner“, sagt sie leise.
„Nein“, sagt Tovin. „Oder doch, aber nicht so, wie ich dachte. Das Vergessen ist nicht nur auf dem Papier. Es ist in der Hand. Es ist in mir. Wenn ich nicht aufpasse, lasse ich den Turm weg – obwohl ich genau weiß, dass er da ist.“
Er klopft mit dem Finger auf die schnelle Skizze.
„Das ist eine Gewohnheit“, sagt er. „Jemand hat das geübt. Lange. So lange, dass die Hand es allein kann.“
Mira denkt an den Laternenmann: Sie üben das Wegsehen ihr ganzes Leben.
„Und jetzt?“, fragt sie.
Tovins Augen werden schmal. Das ist sein Tester-Blick.
„Jetzt sehe ich mir die alten Karten richtig an“, sagt er. „Genau. Eine nach der anderen. Wenn das Vergessen eine Gewohnheit ist, dann hat es eine Regel. Und Regeln kann man finden.“