Seit dem Eimer am Brunnen weiß Mira eine Sache: Wenn der Turm sich im Wasser spiegelt, sehen die Erwachsenen weg. Aber einmal ist kein Beweis, und darum will sie es heute genau prüfen.
Von Tovin hat sie gelernt, dass man einen Versuch wiederholen muss, denn wenn es jedes Mal gleich ist, dann ist es eine Regel.
Es hat geregnet, und auf dem Platz stehen Pfützen. In einer großen Pfütze spiegelt sich der Turm, klar und ruhig, mit der Spitze nach unten.
Mira stellt sich daneben und wartet.
Ein Mann kommt vorbei, einen Sack auf der Schulter, und sein Blick fällt in die Pfütze. Einen Moment sieht er den Turm auf der Oberfläche, dann aber tritt sein Fuß ins Wasser, sodass das Bild zerläuft. Er geht weiter, als wäre nichts gewesen.
Vielleicht Zufall, denkt Mira.
Eine Frau kommt und sieht in die Pfütze. Als sie den Turm erblickt, zuckt ihre Hand; sie bückt sich, nimmt einen kleinen Stein und wirft ihn ins Wasser, bis das Bild bricht. Warum wirft eine Frau einen Stein in eine Pfütze? Sie weiß es selbst nicht und geht weiter.
Schon wieder, denkt Mira.
Jetzt dreht sie das Spiel um. Sie sagt leise voraus, was der nächste Mensch tut. „Der Alte da rührt das Wasser.“ Der Alte kommt. Er sieht den Turm im Wasser. Er rührt mit dem Stock, bis das Bild weg ist.
„Die Frau mit dem Korb sieht sofort weg.“ Die Frau sieht den Turm. Schnell hebt sie den Kopf und schaut zum Himmel.
Mira kann es vorhersagen. Jedes Mal. Mal rühren sie das Wasser. Mal treten sie hinein. Mal heben sie den Blick. Der eine so, der andere so. Aber alle löschen das Spiegelbild des Turms. Es ist keine große Sache. Es ist nur eine kleine Bewegung, schnell und leicht. Und keiner bemerkt, dass er sie macht.
Das ist das Seltsamste, denkt Mira. Sie tun es, aber sie wissen es nicht. Wenn ich den Mann frage: „Warum hast du den Stein geworfen?“, dann sagt er bestimmt: „Welchen Stein?“
Dann kommt ein kleines Kind. Es ist vielleicht drei Jahre alt. Es läuft seiner Mutter hinterher und bleibt an der Pfütze stehen.
Mira hält den Atem an. Und du, denkt sie. Was machst du?
Das Kind sieht in die Pfütze. Es sieht den Turm, klar und ruhig auf dem Wasser. Und das Kind tut nichts. Es rührt das Wasser nicht. Es sieht nicht weg. Es schaut den Turm einfach an. Lange, mit großen Augen. So schaut man ein schönes Ding an.
„Turm“, sagt das Kind und zeigt mit dem Finger ins Wasser.
„Komm“, sagt die Mutter und zieht es weiter. In die Pfütze sieht sie nicht.
Mira bleibt allein stehen. Im Wasser steht der Turm, ruhig, mit der Spitze nach unten. Jetzt löscht ihn keiner mehr.
Sie versteht etwas Neues. Es ist eine Regel, fast so fest wie der hohle Klang am Stein.
Die Erwachsenen sehen den Turm im Wasser. Dann wischen sie ihn weg, ganz von allein. Sie merken es nicht. Das Kind sieht ihn und freut sich. Der Unterschied ist nicht das Auge. Beide sehen dasselbe Bild. Der Unterschied ist die Gewohnheit.
Das Kind hat das Wegsehen noch nicht gelernt.
Mira schaut in die ruhige Pfütze, auf den Turm mit der Spitze nach unten. Leise sagt sie, nur für sich: „Ich will es auch nie lernen.“
Dann kommt der Wind. Eine kleine Welle läuft über das Wasser. Der Turm zittert und ist weg.
Aber nicht, weil Mira weggesehen hat. Nur, weil der Wind gegangen ist. Der Wind, der niemandem gehört.