Am Markt steht ein neuer Tisch.
Dahinter steht ein junger Händler. Er ist vielleicht siebzehn und hat eine laute, schnelle Stimme. Aron bleibt stehen und hört zu, und es ist seltsam: Er hört sich selbst, wie er früher war.
„Das beste Tuch der Stadt!“, ruft der junge Mann. „So weich, so warm! Nirgends gibt es besseres. Greift zu, greift zu!“
Die Leute bleiben stehen. Der junge Händler ist gut. Er übertreibt, aber er klingt so sicher, dass man ihm glauben will.
Aron kennt jedes Wort. Er hat sie alle selbst benutzt.
Dann kommt ein älterer Kunde, der ein warmes Tuch für den Winter sucht, und der junge Händler sieht es sofort und preist sein Tuch an.
„Dickes Tuch, bestes Tuch! Hält warm wie ein Feuer!“
Der Kunde fühlt das Tuch und zögert. „Es ist sehr dünn“, sagt er.
„Dünn und trotzdem warm! Das ist die Kunst!“, ruft der junge Mann. „Glaubt mir, ich kenne das Tuch.“
Aron sieht genau hin: Das Tuch ist nicht warm, sondern dünn und billig, und der Kunde wird im Winter frieren. Aber die Stimme des jungen Händlers ist so laut und so sicher, dass der Kunde schon nach dem Geld greift.
Aron hat eine Wahl.
Er könnte hingehen und lauter rufen als der junge Mann. Er ist älter, er ist bekannt, seine Stimme hat mehr Gewicht. Er könnte sagen: „Das Tuch ist schlecht, hört nicht auf ihn!“ Und alle würden Aron glauben, weil Aron sicherer klingt.
Aber dann, denkt Aron, gewinnt wieder nur die lautere Stimme. Dann hat sich nichts geändert. Dann bin ich wieder der Mann, dem man glaubt, weil er laut ist, und nicht, weil er recht hat.
Er will nicht gewinnen. Er will, dass der Kunde selbst sieht.
Aron geht langsam hin. Er spricht nicht laut. Er spricht leise, fast nur zum Kunden.
„Darf ich etwas fragen?“, sagt er. „Du suchst ein Tuch für den Winter, ja?“
„Ja“, sagt der Kunde.
„Halt es einmal gegen das Licht.“
Der Kunde hält das Tuch hoch. Das Licht scheint hindurch. Man sieht die Sonne klar durch das Tuch.
„Ein warmes Wintertuch lässt kein Licht durch“, sagt Aron ruhig. „Ein dünnes Tuch schon. Fühl noch einmal. Vergleich es mit deinem alten Mantel.“
Der Kunde fühlt das Tuch, dann den eigenen Ärmel. Sein Gesicht ändert sich. „Es ist wirklich dünn“, sagt er langsam. „Es ist dünner als mein alter Mantel.“
„Du hast den Vorteil, dass du es jetzt selbst weißt“, sagt Aron. „Nicht, weil ich es sage. Weil du es siehst.“
Der junge Händler wird rot. „Ich… ich habe nur ein bisschen übertrieben“, sagt er.
„Ein bisschen übertreiben ist anpreisen“, sagt Aron, immer noch leise. „Einem Mann ein dünnes Tuch als Wintertuch verkaufen ist betrügen. Den Unterschied musst du lernen, oder du verlierst am Ende jeden Kunden zweimal: einmal, wenn er friert, und für immer, wenn er es merkt.“
Der Kunde legt das Tuch zurück und geht. Er kauft nichts, aber er ist nicht betrogen.
Der junge Händler sieht Aron an, halb böse, halb neugierig. „Du bist Aron“, sagt er. „Die Leute sagen, du warst früher der lauteste am ganzen Markt.“
„Das stimmt“, sagt Aron. „Darum kenne ich den Fehler so gut. Ich habe ihn lange selbst gemacht.“
Er geht zurück zu seinem Tisch, wo er nichts verkauft und nichts gewonnen hat. Kein Mensch hat geklatscht. Aber Aron ist ruhig, ruhiger als nach jedem lauten Sieg von früher.
Am Rand des Platzes sitzt die alte Frau auf ihrer Bank. Sie sagt nichts. Aber als Aron vorbeigeht, nickt sie ihm einmal kurz zu.
Das ist genug.