Auf dem Markt gibt es oft Streit.
Ein Mann sagt:
„Das Brot ist zu klein.“
Eine Frau sagt:
„Der Preis ist zu hoch.“
Ein Händler sagt:
„Das Messer gehört mir.“
Ein anderer sagt:
„Nein, es gehört mir.“
Meistens rufen die Menschen laut.
Dann kommt der alte Richter.
Er geht langsam.
Er hört langsam.
Er spricht langsam.
Am Ende sagt er, was gerecht ist.
Die Menschen mögen den alten Richter nicht immer.
Aber sie hören ihm zu.
Denn seine Stimme ist schwer.
Sie ist tief.
Sie ist ruhig.
Sie klingt wie Stein.
Eines Tages ist der Richter krank.
Er kommt nicht zum Markt.
Am selben Tag gibt es Streit.
Eine Bäckerin und ein Bauer stehen am Brunnen.
Zwischen ihnen liegt ein Sack Mehl.
„Der Sack gehört mir“, sagt die Bäckerin.
„Nein“, sagt der Bauer. „Ich habe ihn bezahlt.“
„Du hast nur die Hälfte bezahlt.“
„Weil nur die Hälfte gut war.“
„Das stimmt nicht.“
„Doch.“
„Nein.“
Viele Menschen bleiben stehen.
Aron steht auch dort.
Er hat heute wenig verkauft.
Das macht ihn unruhig.
Früher hätte er sofort gedacht:
Wie kann ich aus diesem Streit Geld machen?
Heute denkt er das nicht.
Oder fast nicht.
Seit der Sache mit dem Wind gibt es in seinem Kopf manchmal eine zweite Stimme.
Diese Stimme fragt:
Was kostet etwas?
Und dann fragt sie:
Was darf keinen Preis haben?
Aron hasst diese zweite Stimme.
Sie macht schlechte Geschäfte.
Die Bäckerin ruft:
„Wir brauchen den Richter!“
„Er ist krank“, sagt der Fischer.
„Dann warten wir.“
„Ich kann nicht warten“, sagt der Bauer. „Ich muss zurück zu meinen Feldern.“
„Und ich muss Brot backen“, sagt die Bäckerin.
Die Menschen reden durcheinander.
Der Sack Mehl liegt zwischen ihnen.
Er sieht unschuldig aus.
Das findet Aron ärgerlich.
Dinge sehen oft unschuldig aus, während Menschen sich um sie streiten.
Da tritt ein Kind aus der Menge.
Das Kind ist klein.
Es trägt einen grünen Mantel.
Sein Gesicht ist rund.
Vielleicht ist es acht Jahre alt.
Vielleicht neun.
Niemand kennt es.
Das Kind sagt:
„Ich höre zu.“
Die Menschen lachen.
Der Bauer zeigt auf das Kind.
„Du?“
Die Bäckerin schüttelt den Kopf.
„Geh nach Hause.“
Das Kind sagt noch einmal:
„Ich höre zu.“
Jetzt lachen die Menschen nicht mehr.
Denn die Stimme des Kindes ist schwer.
Sie ist tief.
Sie ist ruhig.
Sie klingt wie Stein.
Es ist keine Kinderstimme.
Oder doch.
Der Mund ist der Mund eines Kindes.
Die Hände sind die Hände eines Kindes.
Aber die Stimme ist alt.
Aron fühlt, wie die Haare an seinem Arm sich bewegen.
Nicht vom Wind.
Das Kind sieht die Bäckerin an.
„Sprich.“
Die Bäckerin öffnet den Mund.
Dann schließt sie ihn wieder.
Dann spricht sie.
„Der Bauer hat Mehl bestellt. Einen ganzen Sack. Ich habe den Sack gebracht. Er hat gesagt, das Mehl ist schlecht. Aber das Mehl ist gut.“
Das Kind nickt.
Dann sieht es den Bauern an.
„Sprich.“
Der Bauer schluckt.
„Ich habe bezahlt. Die Hälfte. Dann habe ich den Sack geöffnet. Das Mehl unten war nass. Ich will nicht für nasses Mehl zahlen.“
Das Kind sieht auf den Sack.
„Öffnet ihn.“
Die Bäckerin kniet sich hin.
Der Bauer hilft ihr.
Sie öffnen den Sack.
Oben ist das Mehl hell.
Unten ist es dunkler.
Einige Menschen murmeln.
Die Bäckerin wird rot.
„Das war nicht so, als ich ihn brachte.“
„Doch“, sagt der Bauer.
„Nein.“
Das Kind hebt eine Hand.
Alle werden still.
Aron merkt, wie schnell sie still werden.
Zu schnell.
Das Kind stellt drei Fragen.
„Wer hat den Sack getragen?“
„Ich“, sagt der Bauer.
„Wo stand er?“
„Neben dem Brunnen.“
„War der Boden nass?“
Der Bauer schweigt.
Die Bäckerin sieht ihn an.
„War der Boden nass?“, fragt das Kind noch einmal.
Der Bauer sieht auf seine Schuhe.
„Ja.“
Die Bäckerin atmet laut aus.
Das Kind sagt:
„Dann ist das Mehl vielleicht nicht schlecht gekommen. Vielleicht ist es schlecht geworden.“
Der Bauer sagt:
„Aber ich kann kein nasses Mehl brauchen.“
Die Bäckerin sagt:
„Und ich kann nicht alles verlieren.“
Das Kind sieht beide an.
Lange.
Dann sagt es:
„Der Bauer bezahlt mehr. Nicht alles. Die Bäckerin nimmt weniger. Nicht nichts. Beide verlieren etwas. Beide behalten etwas. Das ist gerecht genug.“
Die Menschen murmeln wieder.
„Gerecht genug“, sagt der Fischer.
„Ja“, sagt eine Frau.
„Gerecht genug.“
Die Bäckerin sieht nicht glücklich aus.
Der Bauer auch nicht.
Aber beide nicken.
Der Streit ist vorbei.
Die Menge beginnt sich zu bewegen.
Die Menschen reden jetzt über andere Dinge.
Über Brot.
Über Fisch.
Über das Kind.
Das Kind dreht sich um und will gehen.
Aron tritt vor.
„Warte.“
Das Kind sieht ihn an.
Die schweren Augen passen nicht zum kleinen Gesicht.
„Was willst du?“
Aron weiß es nicht sofort.
Das ärgert ihn.
Er ist ein Mann der Worte.
Ein Händler ohne Worte ist nur ein Mann mit Waren.
„Woher hast du diese Stimme?“, fragt er.
„Sie ist meine.“
„Du bist ein Kind.“
„Ja.“
„Kinder haben keine solche Stimme.“
Das Kind legt den Kopf schief.
„Wer sagt das?“
Aron antwortet nicht.
Er mag diese Frage nicht.
Sie klingt wie eine Frage von Mira.
„War deine Entscheidung gerecht?“, fragt Aron.
„Die Menschen haben genickt.“
„Das ist nicht meine Frage.“
Das Kind sieht zum Sack Mehl.
Die Bäckerin und der Bauer tragen ihn nun zusammen.
Sie sprechen nicht miteinander.
Aber sie tragen zusammen.
„Ich weiß es nicht sicher“, sagt das Kind.
Aron ist überrascht.
„Du weißt es nicht sicher?“
„Nein.“
„Aber du hast entschieden.“
„Ja.“
„Wie kannst du entscheiden, wenn du nicht sicher bist?“
Das Kind sieht ihn lange an.
„Wie kannst du verkaufen, wenn du nicht sicher bist, was etwas wert ist?“
Aron wird still.
Das Kind lächelt nicht.
Es sieht nur müde aus.
Für einen Moment ist es wieder einfach ein Kind.
Ein Kind mit zu großer Stimme.
„Die Menschen haben dir geglaubt“, sagt Aron.
„Ja.“
„Warum?“
Das Kind schaut auf seine kleinen Hände.
Dann spricht es wieder mit der schweren Stimme.
„Weil ich so klinge.“
Aron sagt nichts.
Das Kind geht fort.
Niemand hält es auf.
Am Abend steht Aron allein auf dem Markt.
Die Tische sind leer.
Die Fahnen bewegen sich im Wind.
Der Brunnen ist dunkel.
Aron denkt an den Richter.
Er denkt an das Kind.
Er denkt an die Bäckerin und den Bauern.
Er denkt an seine eigene Stimme.
Viele Menschen glauben ihm, wenn er einen Preis sagt.
Nicht immer, weil er recht hat.
Manchmal nur, weil er klingt, als hätte er recht.
Aron nimmt einen kleinen Stein vom Boden.
Er legt ihn auf seinen Tisch.
„Ein Stein“, sagt er leise.
Dann sagt er mit Händlerstimme:
„Ein besonderer Stein.“
Der Satz klingt fast wahr.
Das macht Aron Angst.
Am nächsten Morgen fragen viele Menschen:
„Wer war das Kind?“
Niemand weiß es.
Aber auf dem Markt sprechen sie leiser.
Nur Aron spricht noch weniger.
Und wenn jemand sagt:
„Das ist gerecht genug“,
dann hört Aron nicht nur die Worte.
Er hört die Stimme dahinter.