Ein Jahr Deutsch

Wo man nicht pflastert

Tag 44 8 Min.

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Auf dem Platz wird gearbeitet. Der Winter hat das Pflaster aufgebrochen, und nun bessern die Steinmetze es aus. Sie heben alte Steine heraus. Sie mischen Mörtel. Sie setzen neue Steine in langen Reihen ein. Es ist schwere Arbeit, und es riecht nach nassem Stein und nach Staub.

Mira mag solche Arbeit. Sie fragt, ob sie helfen darf. Ein junger Steinmetz lacht und gibt ihr eine Aufgabe. Sie soll die kleinen Steine sortieren und ihm reichen, während er sie in den Mörtel drückt.

So arbeitet Mira den ganzen Vormittag mit. Sie reicht Steine und trägt Wasser. Sie sieht zu, wie der Platz Reihe für Reihe wieder glatt wird. Die Männer reden wenig. Und wenn sie reden, dann über das Werkzeug, das Wetter, das Mittagessen.

Erst nach einer Weile bemerkt Mira etwas an der Arbeit selbst.

Die Steinmetze pflastern den ganzen Platz. Sie gehen bis an die Häuser, bis an den Brunnen, bis an jede Mauer. Überall setzen sie neue Steine ein, sauber und dicht. Nur an einer Stelle nicht.

Um den Turm herum bleibt ein Ring frei.

Die neuen Steine kommen bis zu einer bestimmten Linie. Dann hören sie auf. Zwischen dem neuen Pflaster und der Wand des Turms liegt ein Streifen aus alten, dunklen Steinen. Niemand fasst sie an. Es ist genau der leere Kreis, den Mira schon kenntder Kreis, in den keiner geht. Nur sieht sie jetzt, dass auch dieser Kreis gemacht wird. Immer wieder neu, mit jeder Reparatur.

Sie geht zu dem jungen Steinmetz. „Warum hört ihr hier auf?“, fragt sie und zeigt auf die Linie. „Da hinten, bis zum Turm, ist das Pflaster auch kaputt. Warum bessert ihr es nicht aus?“

Der junge Mann sieht hin, als hätte er es selbst nie bemerkt. „Da?“, sagt er. „Da pflastern wir nicht.“

Warum nicht?“

Er überlegt. Man sieht, dass er die Frage noch nie gehört hat, nicht einmal von sich selbst. „Weilweil wir da nicht pflastern“, sagt er schließlich und zuckt mit den Schultern. „Das macht man nicht.“

Aber warum macht man das nicht?“

Jetzt ruft er den alten Steinmetz, den Meister, einen Mann mit grauem Bart und Händen voller Narben. „Sie fragt, warum wir den Ring um den Turm frei lassen“, sagt der junge Mann, halb lachend.

Der alte Meister richtet sich auf. Er sieht Mira an, dann den Turm, dann die freie Stelle.

Das war schon immer so“, sagt er. „Mein Meister hat es mir gezeigt, und sein Meister ihm. Bis an die Linie, nicht weiter. Den Ring lässt man frei.“

Aber warum?“, fragt Mira noch einmal.

Der Alte denkt lange nach. Und Mira sieht: Er sucht wirklich. Er will antworten. Aber er findet nichts.

Das weiß ich nicht“, sagt er endlich, und es ist fast wie bei Miras Vater, ehrlich. „Ich habe nie gefragt. Mein Meister hat nie gefragt. Man macht es so. Es ist eine gute Regel, eine alte Regel. Mehr weiß ich nicht.“

Er wischt sich die Hände ab und geht zurück an die Arbeit. Bis an die Linie. Nicht weiter.

Mira bleibt stehen und sieht den Männern zu. Und ihr wird etwas klar, das größer ist als der Platz.

Das Wegsehen ist nicht nur in den Köpfen. Es ist nicht nur auf den Karten und nicht nur im Tanz. Es ist auch in der Arbeit. In den Händen. Jedes Mal, wenn der Winter das Pflaster aufbricht, kommen die Steinmetze und machen den leeren Ring neu. Ganz von allein. Ohne Befehl. Ohne Grund, den sie kennen. Nur, weil man es so macht.

Der leere Kreis auf dem Papier wird mit dem Stift gezeichnet. Der leere Kreis beim Fest wird mit den Füßen getanzt. Und der leere Kreis auf dem Platz wird mit Stein und Mörtel gebaut. Jahr für Jahr, von Männern, die ihn nicht einmal sehen.

So bleibt der Turm allein in seiner Mitte. Nicht, weil jemand ihn jeden Tag neu meidet, sondern weil alle eine alte Regel weitergeben, die keiner mehr versteht.

Am Abend, als die Männer ihr Werkzeug zusammenpacken, ist der halbe Platz neu und glatt. Und um den Turm liegt der alte, dunkle Ring, unberührt, genau wie immer.

Mira fährt mit dem Fuß über die Linie, wo das neue Pflaster aufhört und der alte Ring beginnt. Eine Linie, die keiner gezogen hat und doch alle kennen.

Eine Regel ohne Grund“, sagt sie leise. Sie hat das schon einmal gedacht, bei den Karten. Jetzt steht sie mit den Füßen darauf.

Für Lernende
A2 · Elementary

731 Wörter · 279 einzigartige · ⌀ 8 Wörter pro Satz

Neue Wörter

  • der Steinmetz
  • reparieren
  • das Pflaster
  • der Mörtel
  • ausbessern
  • das Werkzeug
  • die Reihe
  • schon immer
  • der Rand
  • frei lassen

Grammatik

  • Präsens und Perfekt
  • Nebensätze mit weil, dass und während
  • Relativsätze (die Regel, die keiner kennt)
  • Passiv-Andeutung (es wird gepflastert)

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