Ein Jahr Deutsch

Die Laterne tragen

Tag 46 8 Min.

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In dieser Nacht klopft es wieder leise am Fenster. Mira ist schon halb wach, als hätte sie es erwartet.

Der Laternenmann steht unten, und die Laterne wirft ihren kleinen warmen Schein auf die Steine. Sie gehen los, schweigend, wie immer. Häuser. Brunnen. Brücke. Mira kennt den Weg jetzt fast so gut wie er.

An der Brücke bleibt der alte Mann stehen. Er sieht Mira an, lange, und dann tut er etwas Neues.

Hier“, sagt er und hält ihr die Laterne hin. „Trag du sie. Ein Stück. Bis zum Turm.“

Mira nimmt den Griff. Die Laterne ist warm, wärmer, als sie gedacht hat, und auch schwerer. Sie hat sie schon einmal gehalten, damals in der ersten Nacht, aber nur kurz, im Stehen. Jetzt soll sie sie tragen, im Gehen, über den dunklen Platz.

Sie macht den ersten Schritt. Das Licht geht mit ihr. Vor ihr wird der Boden hell, hinter ihr bleibt das Dunkel zurück. Sie merkt sofort, dass es nicht leicht ist. Man muss das Licht ruhig halten. Sonst springt der Schein hin und her und blendet einen selbst.

Langsam“, sagt der Laternenmann und geht neben ihr, jetzt mit leeren Händen. „Nicht ich trage das Licht heute. Du.“

Mira geht langsam, vorsichtig, und hält die Laterne fest. Das Dunkel um sie ist groß, und ihr kleines Licht ist klein. Aber es reicht für den nächsten Schritt, und dann für den nächsten. Mehr braucht man nicht, denkt sie. Immer nur für den nächsten Schritt.

Es ist schwerer, als es aussieht“, sagt sie leise.

Ja“, sagt der alte Mann. „Das ist es immer. Von außen sieht man nur ein kleines Licht. Erst wenn man es selbst trägt, spürt man, was es wiegt.“

Sie gehen weiter, und Mira trägt das Licht durch die Nacht. Sie fühlt sich seltsam dabei, ernst und stolz zugleich. Es ist, als hätte man ihr für eine Weile etwas Wichtiges anvertraut.

Während sie geht, fragt sie etwas, das sie schon lange fragen will.

Du suchst seit so vielen Jahren“, sagt sie. „Aber du sagst nie, was es ist. Warum gibst du ihm keinen Namen? Wenn du wüsstest, wie es heißt, könntest du es leichter finden.“

Der Laternenmann geht ein paar Schritte schweigend.

Im Gegenteil“, sagt er dann. „Ein Name zur falschen Zeit macht blind.“

Blind?“

Stell dir vor, du gibst einem Ding zu früh einen Namen“, sagt er. „Dann denkst du: Ich weiß ja, was das ist. Und sobald du das denkst, hörst du auf, hinzusehen. Der Name legt sich über das Ding wie ein Tuch. Du siehst nur noch das Tuch, nicht mehr das Ding darunter.“

Mira denkt nach, während sie das Licht trägt.

Die Leute nennen den Turmden Turm‘“, sagt sie langsam. „Und dann sehen sie ihn nicht mehr an.“

Vielleicht“, sagt der alte Mann, und in seinem Mund klingt das Wort wie ein Lob. „Ein Name kann eine Tür sein, die man öffnet. Und er kann ein Deckel sein, den man zumacht. Darum warte ich. Ich sehe lange, bevor ich etwas benenne. Lieber trage ich eine Frage als einen falschen Namen.“

Sie sind jetzt am Fuß des Turms. Mira hebt die Laterne, so wie sie es bei ihm gesehen hat, und das Licht fällt auf den grauen Stein. Der Turm steht da, hoch und still, und wirft seinen Schatten in das Dunkel.

Sagnoch nicht‘“, sagt Mira leise. „So wie du.“

Der Laternenmann lächelt. „Sag du es. Heute trägst du das Licht.“

Mira sieht den Turm an, den hohlen, stummen Turm mit dem Etwas darin.

Noch nicht“, sagt sie.

Und das Wort fühlt sich anders an als sonst. Nicht wie Aufgeben. Eher wie ein Versprechen: Ich gehe nicht weg. Ich komme wieder. Ich sehe dich, auch wenn ich dich noch nicht öffnen kann.

Dann gibt sie dem alten Mann die Laterne zurück. Der Griff ist jetzt von ihren Händen warm.

Du hast sie gut getragen“, sagt er, und es klingt, als meine er nicht nur die Laterne.

Sie gehen zurück, und diesmal trägt wieder er das Licht. Aber Mira geht anders als vorher. Ihre Arme erinnern sich an das Gewicht.

Vor ihrem Haus bleibt der Laternenmann stehen. „Eines Tages“, sagt er, „wird jemand sie länger tragen als nur ein Stück. Nicht heute. Aber das Licht muss weitergehen, von Hand zu Hand. Sonst geht es aus.“

Mira versteht nicht ganz, was er meint. Aber sie spürt, dass es wichtig ist, und sie merkt es sich.

Gute Nacht“, sagt sie.

Gute Nacht“, sagt der Laternenmann. Dann geht das kleine Licht weiter durch die dunkle Stadt, zum nächsten Haus, zum Brunnen. Und am Ende, das weiß Mira, wieder zum Turm.

Für Lernende
A2 · Elementary

762 Wörter · 289 einzigartige · ⌀ 8 Wörter pro Satz

Neue Wörter

  • der Griff
  • übergeben
  • benennen
  • leuchten
  • das Dunkel
  • schweigend
  • vertrauen
  • die Pflicht
  • eine Weile
  • der Schritt

Grammatik

  • Präsens und Perfekt
  • Nebensätze mit weil, wenn und bevor
  • Relativsätze (das Licht, das er trägt)
  • Modalverben müssen und dürfen

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