Ein Jahr Deutsch

Die zwei Zeichen

Tag 47 8 Min.

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Mira und Tovin gehen zum Felsen hinaus, dorthin, wo das Zeichen im Stein ist. Sie kennen es seit Langem: ein Kreis, und in der Mitte ein Punkt. Tovin hat es schon oft mit den Fingern nachgefahren.

Diesmal hat Tovin etwas dabei. Er hat den leeren Kreis von der alten Karte auf ein dünnes Blatt übertragen, sauber und genau, so groß wie das Zeichen im Stein. Er legt das Blatt neben den Felsen.

Sieh dir das an“, sagt er. „Hier der Stein, da das Papier. Die gleiche Form. Genau gleich groß. Nur eine Sache ist anders.“

Mira beugt sich vor. Sie sieht von einem zum anderen.

Der Punkt“, sagt sie. „Im Stein ist ein Punkt in der Mitte. Auf der Karte ist die Mitte leer.“

Genau“, sagt Tovin. „Zwei Formen von einem Zeichen. Einmal mit Punkt, einmal ohne. Wir wissen das seit Langem: Sie gehören zusammen. Aber wir haben nie gefragt, was der Unterschied bedeutet.“

Sie hocken sich beide vor den Felsen. Der Wind kommt vom Wasser. Das Zeichen im Stein ist alt, die Linie ist flach geworden, aber man sieht den Kreis und den Punkt noch deutlich.

Schau, wo sie sind“, sagt Mira langsam. „Der Kreis mit dem Punkt ist hier draußen, im Stein, offen. Jeder, der vorbeigeht, kann ihn sehen. Der leere Kreis dagegen ist auf der Karteund zwar genau dort, wo der Turm fehlt. Versteckt. An der Stelle, die alle weglassen.“

Tovin sieht sie an. „Das eine wird gezeigt“, sagt er. „Das andere wird ausgelassen.“

Vielleicht sagt der Punkt etwas“, sagt Mira. „Vielleicht heißt der Punkt: Da ist etwas. Und der leere Kreis heißt: Da war etwas, und es ist herausgenommen worden.“

Sie sagt es vorsichtig, mit dem Wortvielleicht“, so wie es der Laternenmann tut. Sie weiß, dass sie es nicht weiß. Aber die zwei Zeichen, nebeneinander, fühlen sich an wie eine Frage und ihre halbe Antwort.

Ein Zeichen macht man, damit man es liest“, sagt Tovin. „Niemand schneidet einen Kreis in einen Stein, ohne dass er etwas bedeuten soll. Jemand hat das gemacht, mit Absicht. Und jemand hat den Punkt weggelassen, auch mit Absicht.“

Aber heute liest es keiner mehr“, sagt Mira.

Heute liest es keiner mehr“, wiederholt Tovin. „Oder keiner will es lesen.“

Das ist der Punkt, an dem sie beide still werden. Ein Zeichen, das gemacht wurde, um gelesen zu werdenund eine Stadt, die nicht mehr weiß, wie. Oder es nicht mehr wissen will.

Mira nimmt das Blatt mit dem leeren Kreis und hält es gegen das Licht. Der Kreis ist nur eine dünne Linie, und in der Mitte ist nichts. Trotzdem kommt es ihr vor, als sehe sie hindurch, mitten in die leere Stelle der Karte, mitten in den hohlen Turm.

Wir haben das Wort geprüft“, sagt sie. „‚Turm‘. Wir wissen jetzt: Man darf es als Wegmarke sagen, aber nicht als Frage. Das war der erste Versuch.“

Ja“, sagt Tovin.

Aber das hier ist kein Wort“, sagt Mira und hebt das Blatt. „Das ist das Zeichen selbst. Vielleicht ist es nicht das WortTurm‘, das die Leute stört. Vielleicht ist es das.“

Tovin versteht, worauf sie hinauswill, und er wird vorsichtig.

Du willst es jemandem zeigen“, sagt er.

Ich will es zeichnen“, sagt Mira. „Den leeren Kreis. Und ihn einem Erwachsenen hinhalten. Nichts fragen. Kein Wort über den Turm. Nur das Zeichen. Und dann sehen wir, ob es etwas tut.“

Tovin schweigt eine Weile. Der Wind streicht über den Felsen.

Das ist es, was du gemeint hast“, sagt er schließlich. „Die Linie überschreiten. Nicht mit einer Frage, sondern mit dem Zeichen.“

Vorsichtig“, sagt Mira. „Bei einem Menschen. Einmal. Und du beobachtest, wie immer.“

Tovin nickt langsam. Er rollt sein Blatt mit dem leeren Kreis zusammen, sehr sorgfältig, als sei es jetzt wichtiger als vorher.

Dann üben wir es zuerst“, sagt er. „Du musst den Kreis genau treffen. Gleiche Größe, gleiche Form. Wenn du ihn schief machst, ist es ein anderer Kreis, und der Versuch zählt nicht.“

Mira lächelt. Das ist ganz Tovin: Selbst wenn es ihm unheimlich wird, denkt er an die saubere Form.

Sie sehen noch einmal auf das Zeichen im Stein, auf den Kreis mit dem Punkt, der seit so vielen Jahren offen daliegt und den doch keiner mehr richtig ansieht.

Da ist etwas“, sagt Mira leise zu dem Punkt im Stein. „Und drüben, in der Mitte der Stadt, ist die gleiche Formnur ohne dich.“

Dann gehen sie zurück, und Mira trägt in ihrem Kopf die zwei Zeichen mit sich, das volle und das leere, wie zwei Hälften einer Frage, die sie bald laut stellen wird.

Für Lernende
A2 · Elementary

761 Wörter · 267 einzigartige · ⌀ 8,4 Wörter pro Satz

Neue Wörter

  • das Zeichen
  • der Punkt
  • der Kreis
  • die Form
  • vergleichen
  • bedeuten
  • übertragen
  • deuten
  • fehlen
  • gehören

Grammatik

  • Perfekt und Präteritum
  • Nebensätze mit ob, dass und während
  • Komparativ (gleicher, größer, näher)
  • Wechselpräpositionen (auf den Stein, neben das Blatt)

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