Mira hat geübt, bis ihre Hand müde war. Jetzt liegt ein ganzer Stapel Blätter vor ihr, und auf jedem ist ein Kreis. Die ersten sind schief, die letzten sind rund und sauber, alle gleich groß.
Tovin sieht sie durch, eins nach dem anderen, ernst wie ein Prüfer.
„Dieser hier“, sagt er und hält ein Blatt hoch. „Der ist genau richtig. Gleiche Größe wie der auf der Karte, gleiche Linie. Den nehmen wir.“
„Gut“, sagt Mira. „Dann zeigen wir ihn einem Erwachsenen.“
„Noch nicht“, sagt Tovin. „Zuerst brauchen wir einen Beweis. Stell dir vor, wir zeigen das Zeichen einem Mann, und er erschrickt. Woher wissen wir dann, ob er wegen des Zeichens erschrickt – oder einfach, weil ein Kind ihm ein Papier vor die Nase hält? Wir müssen erst wissen, ob das Papier allein harmlos ist.“
Mira versteht. „Wir müssen es bei jemandem prüfen, der nichts weiß“, sagt sie. „Bei jemandem, der noch keine Regel im Kopf hat.“
„Bei Kindern“, sagt Tovin.
Sie gehen zum kleinen Platz, wo die Kleinen spielen. Ein Junge, vielleicht vier Jahre alt, sitzt im Staub und schiebt einen Stein hin und her. Mira hockt sich zu ihm und hält ihm das Blatt mit dem leeren Kreis hin.
„Sag mal“, fragt sie freundlich. „Weißt du, was das ist?“
Der Junge sieht hin. Er denkt nicht lange nach.
„Ein O“, sagt er. „Oder ein Rad. Oder ein Loch.“ Er tippt mit dem Finger mitten in den Kreis, dorthin, wo nichts ist. „Da ist das Loch.“ Dann lacht er und schiebt seinen Stein weiter.
Mira sieht zu Tovin auf. „Hast du gesehen? Er hat den Finger genau in die Mitte gelegt. In die leere Stelle. Ganz ohne Angst.“
„Für ihn ist es nur eine Form“, sagt Tovin leise. „Ein Loch, ein Rad. Nichts weiter.“
Sie versuchen es noch einmal, bei einem Mädchen, das mit einer Puppe am Brunnen sitzt. Mira hält ihr das Blatt hin.
„Das ist ein Mond“, sagt das Mädchen sofort. „Ein runder Mond. Oder ein Teller.“ Sie nimmt das Blatt sogar in die Hand, dreht es um, sieht auf die leere Rückseite und gibt es zurück. „Warum ist nichts drauf?“, fragt sie und meint die Rückseite. Dann ist sie schon wieder bei ihrer Puppe.
Kein Erschrecken, kein Ausweichen, kein steifes Lächeln. Für die Kinder ist der Kreis ein Rad, ein Loch, ein Mond, ein Teller – eine Form unter vielen, harmlos und fröhlich.
Mira und Tovin setzen sich an den Rand des Platzes.
„Also liegt es nicht im Papier“, sagt Tovin. Er klingt zufrieden, so wie immer, wenn ein Versuch sauber ausgeht. „Das Zeichen allein tut nichts. Die Tinte hat keine Wirkung. Ein Kind sieht einfach einen Kreis und legt den Finger mitten hinein.“
„Wir haben den Beweis“, sagt Mira. „Wenn ein Erwachsener gleich anders reagiert als diese Kinder, dann kommt das nicht vom Papier. Dann kommt es aus ihm selbst. Aus dem, was er weiß. Aus der Regel, die er im Kopf hat und die das Kind noch nicht hat.“
Sie denkt an Tovins Hand, die von allein die Mitte leer ließ. Die Kinder haben das noch nicht. Sie legen den Finger mitten hinein, ohne zu zögern. Irgendwann, denkt Mira, lernen auch sie, die Mitte leer zu lassen – ohne dass jemand es ihnen sagt.
„Das ist der Unterschied“, sagt sie. „Das Kind sieht das Zeichen. Der Erwachsene sieht die Regel.“
Tovin nickt. Dann wird er wieder vorsichtig. „Jetzt kommt der schwere Teil“, sagt er. „Jetzt müssen wir es bei einem Erwachsenen zeigen. Bei einem, der die Regel kennt.“
Mira sieht über den Platz. Dort steht die Bäckerin in ihrer Tür und wischt sich die Hände an der Schürze. Mira steht auf, das Blatt in der Hand. Sie macht zwei Schritte und bleibt dann stehen.
Ihr Herz klopft, denn bis jetzt war alles ein Spiel mit Kindern und Papier, harmlos und leicht. Aber gleich wird sie einem erwachsenen Menschen ein Zeichen hinhalten, das niemand zeigen soll, und sehen, was in seinem Gesicht passiert. Sie spürt zum ersten Mal, dass dieser Versuch anders ist als alle vorher.
„Heute nicht“, sagt sie leise und setzt sich wieder. „Wir haben genug für heute. Wir wissen jetzt: Das Papier ist harmlos. Das ist viel.“
Tovin sieht sie an und sagt nichts dagegen. Auch er spürt, dass die nächste Stufe nicht mehr ganz harmlos ist.
„Morgen“, sagt Mira. „Morgen traue ich mich.“
Sie faltet das saubere Blatt vorsichtig zusammen und steckt es ein. Über dem Platz spielen die Kinder weiter, und keines von ihnen weiß, dass es heute, ganz nebenbei, etwas Wichtiges bewiesen hat: dass die Angst vor dem Zeichen nicht im Zeichen liegt, sondern in den Menschen, die gelernt haben, wegzusehen.