Am Abend, als die Mutter schon schläft, sitzt Mira mit ihrem Vater am Tisch. Eine kleine Lampe brennt. Vor ihm liegt die Arbeit von morgen, aber er hat sie zur Seite geschoben.
„Du bist so still in letzter Zeit“, sagt der Vater. „Du, die immer hundert Fragen hat. Was ist los?“
Mira sieht ihn an. Sie denkt an den Tag, an dem er sie gebeten hat: Wenn du eine Regel findest, dann sag es mir. Jetzt hat sie mehr als eine Regel gefunden. Vielleicht ist es Zeit, sie ihm zu geben.
„Ich erzähle es dir“, sagt sie. „Aber du musst mir versprechen, dass du nicht lachst und nicht gleich Nein sagst.“
Der Vater legt die Hände auf den Tisch. „Ich verspreche es.“
Und Mira erzählt. Sie erzählt von den Karten, die alle die Mitte leer lassen, immer genau an derselben Stelle. Sie erzählt, dass Tovin sich selbst geprüft hat und dass sogar seine eigene Hand den Turm weglässt. Sie erzählt vom Wort „Turm“, das man als Wegmarke sagen darf, aber nicht als Frage. Und sie erzählt vom Zeichen, vom Kreis mit dem Punkt und vom leeren Kreis, und dass die Kinder darin nur ein Rad und ein Loch sehen, ganz ohne Angst.
Der Vater hört zu, ohne sie zu unterbrechen. Sein Gesicht wird ernst. Er sieht nicht überrascht aus. Das fällt Mira auf: Er sieht nicht aus wie jemand, der das alles zum ersten Mal hört.
Als sie fertig ist, schweigt er lange.
„Du hast viel gesehen“, sagt er endlich. „Mehr als die meisten Erwachsenen sehen wollen.“
„Du wusstest das schon“, sagt Mira. Es ist keine Frage.
Der Vater fährt sich mit der Hand über das Gesicht. „Ich weiß nicht so viel, wie du denkst“, sagt er. „Das ist die Wahrheit. Ich weiß nicht, was im Turm ist. Ich weiß nicht, was der leere Kreis bedeutet. Aber ich weiß, dass man hier nicht danach fragt. Das habe ich gelernt, als ich so alt war wie du. Nicht, weil es jemand verboten hat. Es hat mir einfach niemand geantwortet, bis ich aufgehört habe zu fragen.“
Mira beugt sich vor. „Aber warum?“
„Das ist es ja“, sagt der Vater leise. „Ich weiß es nicht. Und ich will dir nichts vormachen. Ich könnte dir leicht eine Geschichte erzählen, damit du zufrieden bist und still wirst. Viele Eltern machen das. Aber das wäre gelogen, und du würdest es merken.“
Er steht auf und geht zum Fenster. Draußen, über den Dächern, ahnt man den dunklen Turm.
„Ich erzähle dir etwas anderes“, sagt er, ohne sich umzudrehen. „Über deinen Großvater. Er war wie du. Er hat dieselben Fragen gestellt. Er hat über den Karten gesessen, halbe Nächte lang, mit genau diesem Blick, den du jetzt hast.“
„Und?“, fragt Mira leise.
„Und es hat ihn nicht froh gemacht“, sagt der Vater. „Je länger er suchte, desto schwerer wurde er. Am Ende saß er oft am Fenster und sah zum Turm, und er war traurig, und niemand konnte ihm helfen. Deine Mutter erinnert sich daran. Darum wird sie still, wenn vom Turm die Rede ist. Sie hat Angst, dass es dir auch so geht.“
Mira denkt an die Mutter, die den Turm ansieht und dann wegsieht, an ihr stilles Gesicht.
„Hast du auch Angst?“, fragt sie.
Der Vater dreht sich um. „Ja“, gesteht er. „Ich habe Angst, dass diese Fragen dich traurig machen. So wie sie deinen Großvater traurig gemacht haben.“
„Dann sag mir, ich soll aufhören“, sagt Mira.
Der Vater sieht sie lange an. Dann schüttelt er den Kopf.
„Nein“, sagt er. „Das sage ich nicht. Wenn ich dir sage, du sollst wegsehen, dann mache ich genau das, was diese Stadt mit allen macht. Dann schütze ich dich nicht, ich mache dich nur blind. Und ich glaube nicht, dass das Schutz ist.“
Er setzt sich wieder zu ihr.
„Aber ich bitte dich um zwei Dinge“, sagt er. „Erstens: Sei vorsichtig mit den Menschen. Wenn du fragst, fragst du ihnen etwas ab, das ihnen wehtut, auch wenn du es nicht siehst. Eine Frage hat einen Preis. Sie kostet etwas, nicht dich, sondern den, den du fragst.“
Mira denkt an die alte Frau am Fluss: Manche Dinge kann man nicht erzwingen.
„Und zweitens?“, fragt sie.
„Zweitens“, sagt der Vater, „erzählst du es mir. Alles. So wie heute. Du musst das nicht allein tragen. Dein Großvater hat es allein getragen, und das war zu schwer. Versprich mir das.“
„Ich verspreche es“, sagt Mira.
Der Vater nickt und legt für einen Moment seine große Hand auf ihren Kopf, so wie es früher der Großvater getan hat.
„Dann geh schlafen“, sagt er. „Und Mira – was du auch morgen vorhast: Tu niemandem weh, nur um etwas zu wissen.“
Mira geht in ihr Zimmer. In ihrer Tasche liegt das saubere Blatt mit dem leeren Kreis. Morgen will sie es einem Erwachsenen zeigen. Jetzt weiß sie, dass das nicht nur ein Versuch ist. Es ist auch eine Frage, die einen Preis hat. Aber sie weiß jetzt auch, dass sie sie nicht mehr allein trägt.