Am Morgen ist Mira früh wach. Sie wartet nicht, bis die Angst von gestern zurückkommt. Sie nimmt das Blatt, holt Tovin und geht zum Markt, bevor sie es sich anders überlegen kann.
„Du beobachtest“, sagt sie. „Wie immer. Du sagst nichts und siehst nur ihr Gesicht an. Und ihre Hände.“
„Ihre Hände?“, fragt Tovin.
„Mein Vater hat etwas gesagt“, antwortet Mira. „Manche Dinge sieht man nicht im Gesicht. Die Leute können das Gesicht halten. Aber die Hände, die vergessen sie.“
Die Bäckerin steht in ihrer Tür, wie fast jeden Tag. Sie ist eine ruhige Frau mit mehlweißen Armen und einem freundlichen, müden Gesicht. Sie kennt Mira. Das ist gut, denkt Mira. Es ist keine Fremde. Aber es ist auch kein Mensch, den sie tief verletzen würde. Nur eine Nachbarin, die Brot backt.
„Guten Morgen“, sagt Mira.
„Guten Morgen, Kleine“, sagt die Bäckerin. „Willst du Brot für deine Mutter?“
„Gleich“, sagt Mira. „Darf ich dir vorher etwas zeigen? Ich habe etwas gemalt.“
Die Bäckerin lächelt. „Zeig her.“
Mira hält ihr das Blatt hin. Darauf ist nur der Kreis, sauber und rund, mit der leeren Mitte. Sonst nichts.
Die Bäckerin sieht es an. Ihr Gesicht bleibt ruhig.
„Schön rund“, sagt sie. „Ein Rad? Oder ein Teller? Du malst gut.“
Genau wie die Kinder: kein Zucken, keine Sorge. Eine Frau sieht ein Kind mit einem Bild, und das Bild ist harmlos. Mira spürt, wie ihr Herz schlägt. Jetzt kommt der Teil, vor dem sie sich gestern nicht getraut hat.
„Es ist kein Rad“, sagt Mira ruhig. Sie legt den Finger in die leere Mitte des Kreises, dorthin, wo nichts ist. „Sieh. Das ist unsere Stadt. Hier ist der Brunnen, hier die Brücke, hier der Markt. Und hier, in der Mitte –“
Sie fährt mit dem Finger den Rand der leeren Stelle nach und sagt es laut, einfach und klar:
„– hier, in der Mitte, steht der Turm. Genau hier. Nur hat ihn niemand hineingezeichnet.“
Und da geschieht es.
Die Bäckerin zuckt zusammen. Nicht stark, aber deutlich. Ein kurzes, heftiges Zucken, als hätte sie sich an etwas Heißem verbrannt. Ihre Hand, die eben noch ruhig auf der Schürze lag, fährt ein kleines Stück hoch und bleibt dann mitten in der Luft stehen. Ihr Lächeln rutscht für einen Augenblick aus dem Gesicht.
Es dauert nur einen Herzschlag, dann hat sie sich wieder.
„Was redest du da“, sagt sie, und ihre Stimme ist eine Spur zu hoch. „Komm, willst du nun Brot oder nicht. Ich habe den Ofen voll.“
Mira sieht sie an. Die Bäckerin reibt sich jetzt die Hände an der Schürze, immer wieder, obwohl an ihren Händen nichts ist. Sie sieht nicht mehr Mira an. Sie sieht auf den Boden, auf das Brot, irgendwohin, nur nicht auf das Blatt.
„Ein Brot, bitte“, sagt Mira leise.
Sie bekommt das Brot, bezahlt und geht. Tovin kommt ein Stück hinter ihr, bis sie um die Ecke sind und niemand sie mehr hört. Dann bleiben beide stehen und sehen sich an.
„Hast du es gesehen?“, flüstert Mira.
„Ja“, sagt Tovin, und zum ersten Mal leuchten seine Augen nicht vor Freude über einen gelungenen Versuch. Er sieht eher erschrocken aus. „Die Hand. Sie ist hochgefahren. Ganz von allein. Sie wollte das nicht. Sie hat selbst gemerkt, dass sie gezuckt hat, und sich darüber erschrocken.“
„Das ist es“, sagt Mira langsam. „Das Bild allein – nichts. Der Kreis ist ein Rad, ein Teller, wie bei den Kindern. Auch das Wort ‚Turm‘ allein – fast nichts. Aber als ich gesagt habe, was in die Mitte gehört –“
„– als du es benannt hast“, sagt Tovin.
„Da ist es passiert“, sagt Mira. „Nicht das Zeigen. Das Benennen. Wenn man laut sagt, dass dort etwas ist, wo alle sagen, es ist nichts – dann zuckt etwas in ihnen. Etwas, das stärker ist als ihr Wille.“
Sie schweigen. Über ihnen ziehen die Wolken, ganz normal, als wäre nichts geschehen. Aber etwas ist geschehen. Mira hat gesehen, wie ein erwachsener, ruhiger Mensch vor einem einzigen Satz zurückgewichen ist, ohne es zu wollen.
„Es tut ihnen weh“, sagt Mira leise, und sie denkt an die Worte ihres Vaters. „Nicht im Kopf. Tiefer. Da, wo man nicht hinsieht. Ich habe ihr wehgetan, mit einem Satz, und sie weiß nicht einmal, warum.“
Tovin nickt. „Eine Frage hat einen Preis“, sagt er, denn auch er hat es gehört. „Heute hat die Bäckerin bezahlt.“
Mira sieht auf das Blatt in ihrer Hand, auf den leeren Kreis. Er ist so harmlos. Nur eine Linie, und in der Mitte nichts. Und doch trägt dieses Nichts etwas, das einen Menschen zusammenzucken lässt, sobald man es beim Namen nennt.
„Wir wissen jetzt etwas Großes“, sagt sie. „Das Schweigen ist nicht nur eine Gewohnheit. Es ist auch ein Schutz. Solange keiner es benennt, tut es nicht weh. Das Benennen ist das, was sie fürchten. Nicht den Turm. Das Wort, das ihn zurück in die Mitte stellt.“
Sie steckt das Blatt ein, sehr vorsichtig, als sei es jetzt schwerer als vorher.
„Komm“, sagt sie. „Wir sagen es heute keinem mehr. Einmal reicht. Ich will niemandem wehtun, nur um sicher zu sein.“
Und während sie nach Hause gehen, das warme Brot unter dem Arm, denkt Mira an den Laternenmann und an sein „noch nicht“. Zum ersten Mal versteht sie ein bisschen, warum er so lange wartet, bevor er etwas benennt. Ein Name kann eine Tür sein. Aber er kann auch eine Wunde öffnen, von der man nicht einmal wusste, dass man sie hat.