In dieser Nacht wartet Mira am Fenster, bis das leise Klopfen kommt. Sie muss mit jemandem reden, der nicht zusammenzuckt. Der Laternenmann ist der Einzige, der das aushält.
Sie gehen den alten Weg. Häuser, Brunnen, Brücke. Mira erzählt, während sie gehen, und ihre Stimme ist leiser als sonst.
Sie erzählt von dem Blatt mit dem leeren Kreis. Von den Kindern, die nur ein Rad und ein Loch gesehen haben. Von der Bäckerin, die ruhig blieb, solange der Kreis nur eine Form war. Und dann von dem Augenblick, in dem sie den Finger in die Mitte gelegt und laut gesagt hat, dass dort der Turm steht.
„Sie ist zusammengezuckt“, sagt Mira. „Ihre Hand ist hochgefahren, ganz von allein. Sie hat sich selbst erschreckt. Und dann hat sie schnell von Brot geredet und mich nicht mehr angesehen.“
Der Laternenmann geht eine Weile schweigend. Die Laterne schwankt leicht in seiner Hand.
„Ja“, sagt er endlich. „So ist es. Du hast etwas Wahres gefunden.“
„Aber ich habe ihr wehgetan“, sagt Mira. „Mit einem einzigen Satz. Ich wollte das nicht.“
„Ich weiß“, sagt der alte Mann. „Und es ist gut, dass es dir leidtut. Merke dir dieses Gefühl. Wer das vergisst, wird gefährlich.“
Sie kommen an die Brücke und bleiben stehen. Unten zieht der dunkle Fluss vorbei.
„Sag mir“, fragt Mira. „Warum tut es weh? Der Turm steht doch da. Jeder sieht ihn. Ich habe nichts Falsches gesagt. Ich habe nur gesagt, was wahr ist.“
„Gerade das ist es“, sagt der Laternenmann. „Du hast nicht die Bäckerin verletzt. Du hast eine Erinnerung berührt. Eine sehr alte.“
„Welche Erinnerung?“
Der Laternenmann sieht über das Wasser, zum Turm hinüber, der schwarz gegen den Himmel steht.
„Stell dir vor“, sagt er, „vor langer Zeit haben die Menschen hier etwas beschlossen. Sie haben gesagt: Diesen einen Ort sehen wir, aber wir sprechen nicht von ihm. Wir lassen ihn auf den Karten weg. Wir nennen ihn nur als Wegmarke. So tragen wir ihn nicht jeden Tag mit uns herum.“
„Warum würde man das tun?“, fragt Mira.
„Weil manche Dinge zu schwer sind, um sie immer anzusehen“, sagt der Laternenmann leise. „Das weißt du seit der Nacht, in der du die Laterne getragen hast. Man kann nicht alles tragen, immer. Also haben sie das Schwerste in die Mitte gestellt und beschlossen, daran nicht zu rühren.“
Mira denkt nach. „Und wenn ich es benenne –“
„– dann erinnerst du sie daran, dass sie einmal beschlossen haben, wegzusehen“, sagt der Laternenmann. „Das ist die Wunde. Nicht der Turm. Der Turm tut niemandem weh. Die Wunde ist die Erinnerung an den Beschluss. An das, was man weggelegt hat, weil man es nicht halten konnte.“
Mira sieht zum Turm. Zum ersten Mal kommt er ihr nicht fremd vor, sondern traurig.
„Die Bäckerin weiß das alles nicht“, sagt sie. „Sie weiß nicht, dass es einen Beschluss gab. Sie zuckt nur.“
„Nein, sie weiß es nicht mehr“, sagt der Laternenmann. „Keiner weiß es mehr mit dem Kopf. Aber etwas tiefer im Menschen weiß es noch. Der Kopf hat vergessen. Die Hand erinnert sich. Darum fährt die Hand hoch, bevor der Kopf etwas denken kann.“
Sie schweigen lange. Dann sagt der Laternenmann etwas, das Mira nicht vergisst.
„Du hast heute eine Macht entdeckt“, sagt er. „Eine kleine, aber eine echte. Ein Name holt etwas zurück. Wenn du sagst, was in der Mitte steht, stellst du es für einen Augenblick zurück in die Mitte. Bei dem, der dir zuhört. Das ist mächtig. Und alles, was mächtig ist, kann heilen oder verletzen.“
„Wie weiß ich, was es tut?“, fragt Mira.
„Das weißt du nicht immer vorher“, sagt der alte Mann. „Darum musst du achtsam sein. Triff nicht jeden mit einem Namen, einfach weil du es kannst. Frag dich erst: Hilft es diesem Menschen, sich zu erinnern? Oder reiße ich nur eine Wunde auf und gehe weiter? Ein Name zur falschen Zeit, bei dem falschen Menschen, ist grausam. Ein Name zur rechten Zeit kann ein Geschenk sein.“
Mira denkt an ihren Vater, der gesagt hat: Eine Frage hat einen Preis. Und an die alte Frau: Manche Dinge kann man nicht erzwingen. Alle sagen dasselbe, denkt sie. Auf verschiedene Weise.
„Dann ist das Benennen nicht einfach gut“, sagt sie.
„Nein“, sagt der Laternenmann. „Es ist nicht einfach gut und nicht einfach böse. Es kommt darauf an, wie du es trägst. So wie das Licht.“
Sie gehen zurück. Vor ihrem Haus bleibt der alte Mann stehen.
„Du wirst diese Macht noch oft haben“, sagt er. „Heb sie auf für den Tag, an dem das Erinnern hilft und nicht nur wehtut. Dieser Tag wird kommen. Noch nicht. Aber er kommt.“
„Noch nicht“, wiederholt Mira leise.
Der Laternenmann lächelt. Dann geht das kleine Licht weiter in die Nacht.
Und Mira liegt noch lange wach und denkt an die Hand der Bäckerin, die sich erinnerte, obwohl der Kopf längst vergessen hatte – und an die Wunde in der Mitte der Stadt, die keiner sieht und an die doch keiner rühren darf.