Ein Jahr Deutsch

Was unten bleiben soll

Tag 52 9 Min.

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Mira kann nicht aufhören, an die Worte des Laternenmanns zu denken: Sie haben das Schwerste in die Mitte gestellt und beschlossen, nicht daran zu rühren, weil es zu schwer war, um es jeden Tag anzusehen. Und während sie darüber nachdenkt, fällt ihr plötzlich der tiefe Brunnen ein.

Sie hat ihn nur einmal gesehen, am Rand der Stadt, mit dem schweren Steindeckel darauf, und sie erinnert sich an das, was der nervöse Mann beinahe gesagt hat. Der Deckel ist da, damit es unten bleibtnicht, damit das Wasser drin bleibt, sondern damit etwas unten bleibt.

Zwei Orte, denkt Mira: der Turm in der Mitte, hohl, mit etwas darin, und der Brunnen am Rand, versiegelt, mit etwas darunter. Die Stadt hat das eine in die Höhe gestellt und das andere in die Tiefe gelegt, und beide hat sie zugedeckt.

Mira muss den Brunnen wiedersehen, aber sie will nicht heimlich gehen, denn sie hat ihrem Vater versprochen, nichts allein zu tragen. Also fragt sie.

Sie wartet, bis sie mit ihrer Mutter allein in der Küche ist.

Mutter“, sagt sie. „Bringst du mich zum tiefen Brunnen? Nur einmal. Ich will ihn nur ansehen.“

Die Mutter hält mitten in der Bewegung an. In ihren Händen ist ein Tuch, und ihre Hände werden ganz still.

Wozu willst du dahin?“, fragt sie. Ihre Stimme ist anders als sonst.

Ich will ihn nur sehen“, sagt Mira. „Ich fasse nichts an. Ich gehe nicht nah ran. Du bist ja dabei.“

Nein“, sagt die Mutter, schnell und hart. „Dahin bringe ich dich nicht.“

Warum nicht?“

Die Mutter legt das Tuch weg. Sie sieht Mira an, und in ihren Augen ist etwas, das Mira selten sieht: Angst. Nicht Ärger. Angst.

Es gibt Orte in dieser Stadt, an die man nicht geht“, sagt die Mutter. „Der Brunnen ist so einer. Das war immer so. Mein Vater hat mich nie dahin gebracht. Und ich bringe dich auch nicht dahin.“

Aber was ist denn da?“, fragt Mira leise.

Nichts“, sagt die Mutter. „Nichts ist da. Ein alter Brunnen mit einem Deckel. Das ist alles.“ Aber während sie es sagt, reibt sie sich die Arme, als wäre ihr kalt, obwohl es warm ist in der Küche.

Mira erkennt die Bewegung. Es ist dasselbe wie bei der Bäckerin. Der Mund sagt: nichts. Der Körper sagt: etwas. Die Mutter weiß es nicht mehr mit dem Kopf. Aber tiefer drin weiß sie es noch, und es macht ihr Angst.

Mutter“, sagt Mira vorsichtig. „Du hast Angst.“

Die Mutter setzt sich. Eine Weile sagt sie nichts. Dann, ganz leise: „Ja. Ich habe Angst. Ich weiß nicht einmal genau, wovor. Ich weiß nur, dass meine Mutter Angst davor hatte, und ihre Mutter auch. Manche Dinge gibt man weiter, ohne sie zu erklären. Die Angst vor diesem Brunnen ist so eine Sache.“

Sie nimmt Miras Hand.

Dein Großvater“, sagt sie, „der ist einmal hingegangen. Allein. Ich war noch ein Kind. Er kam zurück und war den ganzen Abend still. Er hat nie gesagt, was er dort gesucht hat. Aber danach war etwas anders an ihm. Schwerer. Verstehst du, warum ich dich nicht hinbringe?“

Mira versteht. Es ist nicht nur eine alte Angst, es ist auch Liebe, denn die Mutter will sie schützen, so wie sie es kennt: indem sie sie fernhält.

Mira denkt an den Laternenmann, der ihr gesagt hat, sie solle achtsam sein und nicht jeden mit einem Namen treffen, nur weil sie es kann. Sie könnte jetzt weiterbohren, sie könnte heimlich allein hingehen, denn sie weiß ja, wo der Brunnen ist.

Aber sie sieht das Gesicht ihrer Mutter, und sie weiß: Das wäre, als würde sie noch einmal den Finger in die leere Mitte legen und laut sprechen. Es würde wehtun, und sie würde nichts gewinnen, was sie nicht auch später noch erfahren kann.

Gut“, sagt Mira. „Ich gehe nicht hin. Nicht heimlich, nicht allein. Ich verspreche es.“

Die Mutter sieht sie an, überrascht und erleichtert zugleich. „Danke“, sagt sie.

Aber eines Tages“, sagt Mira, „will ich verstehen, warum es diese Angst gibt. Nicht heute. Wenn ich größer bin. Und wenn ich es verstehe, sage ich es dir. Damit du nicht mehr Angst haben musst vor etwas, das du gar nicht kennst.“

Die Mutter lächelt schwach. „Du bist wie er“, sagt sie. „Wie dein Großvater. Er hat auch gesagt, er will die Dinge verstehen, damit sie weniger Angst machen.“

Am Abend sitzt Mira am Fenster. Weit am Rand der Stadt, das weiß sie, liegt der Brunnen unter seinem schweren Deckel, und etwas darunter holt langsam Atem, ein und aus, ein und aus. Sie geht nicht hin, aber sie legt den Ort in sich ab, neben den Turm, wie zwei Steine in einer Tasche.

Die Stadt bewahrt zwei Geheimnisse, denkt sie. Eines oben, eines unten. Und beide werden zugedeckt, damit niemand sie tragen muss.

Für Lernende
A2 · Elementary

795 Wörter · 298 einzigartige · ⌀ 8,5 Wörter pro Satz

Neue Wörter

  • der Brunnen
  • der Deckel
  • versiegelt
  • die Tiefe
  • sich weigern
  • die Angst
  • hinunter
  • zudecken
  • der Atem
  • bewahren
  • heimlich
  • weitergeben
  • erleichtert

Grammatik

  • Perfekt und Präteritum
  • Nebensätze mit warum, ob und damit
  • Verben mit Präpositionen (Angst vor, bitten um)
  • Imperativ (komm, lass, frag nicht)

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