Ein Jahr Deutsch

Der kleine Zeichner

Tag 53 9 Min.

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Mira hat es nicht vergessen. Als sie das letzte Mal mit dem leeren Kreis am Brunnen war, hat der kleine Junge gesagt: „Malst du wieder mit mir?“ Und Mira hat geantwortet: „Ja. Bald.“ Ein kleines Versprechen, leicht gegeben. Aber ihr Vater hat gesagt, ein Wort hat Gewicht, und die alte Frau hat gesagt, manche Dinge muss man halten. Also kommt sie zurück.

Der Junge sitzt wieder im Staub, und als er Mira sieht, springt er auf. „Du bist gekommen!“, ruft er, als hätte er nicht damit gerechnet. „Du hast es gesagt, und jetzt bist du da.“

Ich habe es versprochen“, sagt Mira. „Und ein Versprechen hält man.“

Sie setzt sich zu ihm auf den Boden. Sie hat ein paar Blätter mitgebracht und zwei Stifte. Der Junge greift sofort nach einem, mit der ganzen Faust, so wie kleine Kinder einen Stift halten.

Was soll ich malen?“, fragt er.

Was du willst“, sagt Mira. „Mal einfach drauflos.“

Der Junge malt. Erst ein Haus, schief und groß, mit einer Tür, die fast so hoch ist wie das ganze Haus. Dann eine Sonne mit vielen Strichen. Dann seine Mutter, ein Kopf mit zwei Beinen, ohne Bauch dazwischen. Mira lacht, und der Junge lacht auch, stolz auf jedes Bild.

Und jetzt“, sagt Mira, „mal mir einen Kreis. Einen schönen runden Kreis.“

Der Junge streckt die Zunge heraus vor Anstrengung und zieht den Stift im Kreis herum. Es wird kein schöner Kreis, eher ein Ei, aber es ist deutlich ein Kreis. Und dann, ohne nachzudenken, ohne zu zögern, setzt er mitten hinein einen dicken Punkt.

Was ist das?“, fragt Mira leise.

Das bin ich“, sagt der Junge selbstverständlich. „Ich stehe in der Mitte. Und das“ – er malt einen zweiten, kleineren Punkt daneben – „das bist du. Du stehst neben mir.“

Mira sieht auf das Blatt, und etwas in ihr wird ganz still.

Der Junge hat einen Kreis gemalt und die Mitte gefüllt. Ganz von allein. Ohne Angst, ohne Zögern, ohne diese unsichtbare Hand, die Tovins Stift um die Mitte herumgeführt hat. Für den Jungen ist die Mitte kein verbotener Ort. Sie ist genau dort, wo man hingehört. Wo man steht.

Mira denkt an Tovins Karte mit der leeren Mitte. An die alten Karten im Kasten. An die Bäckerin, die zusammengezuckt ist. Alle diese Erwachsenen haben gelernt, die Mitte leer zu lassen. Aber dieser Junge hat es noch nicht gelernt. Er füllt sie, weil es das Natürlichste der Welt ist.

Du malst gut“, sagt Mira, und ihre Stimme klingt ein wenig anders als vorher. „Du hast etwas in die Mitte gemalt. Das machen nicht viele.“

Wo soll ich sonst hin?“, fragt der Junge und sieht sie verwirrt an. „In der Mitte ist doch am meisten Platz.“

Mira muss lächeln. So einfach ist das für ihn. In der Mitte ist am meisten Platz.

Sie bleibt noch eine Weile und malt mit ihm. Sie zeigt ihm, wie man den Stift leichter hält, nicht mit der Faust, sondern mit den Fingern. Sie zeichnen zusammen Kreise, große und kleine, und der Junge setzt in jeden etwas hinein: einen Punkt, ein Haus, einen Baum, einen Hund. Nie lässt er die Mitte leer. Es kommt ihm gar nicht in den Sinn.

Als die Sonne tiefer steht, muss Mira gehen.

Kommst du wieder?“, fragt der Junge.

Mira zögert nicht. „Ja“, sagt sie. „Ich komme wieder. Und wir malen weiter. Versprochen.“

Der Junge nickt zufrieden, als wäre damit alles in Ordnung, und läuft zu seiner Mutter.

Auf dem Heimweg trägt Mira die Blätter sorgfältig unter dem Arm. Einen Gedanken kann sie nicht loslassen. Die Gewohnheit, die Mitte leer zu lassen, ist nicht angeboren. Kein Kind kommt damit auf die Welt. Man lernt sie erst, später, von den anderen, ohne dass es jemand laut sagt. Der Junge hat sie noch nicht gelernt.

Und plötzlich versteht Mira etwas Neues, etwas, das ihr Hoffnung macht.

Wenn man dem Wegsehen früh genug etwas entgegensetztwenn jemand bei den Kindern bleibt und mit ihnen malt und sie in der Mitte stehen lässt –, dann lernen sie es vielleicht nie. Dann wachsen sie auf und sehen die Mitte weiter an, ohne zusammenzuzucken.

Es ist nur ein Junge im Staub. Es ist nur ein Punkt in einem schiefen Kreis. Aber es ist ein Anfang, denkt Mira, und Anfänge sind klein.

Zu Hause legt sie das Blatt mit dem gefüllten Kreis zu ihren anderen wichtigen Dingen. Neben den leeren Kreis von der Karte legt sie den vollen Kreis des Jungen. Das Leere und das Volle, nebeneinander.

Eines Tages, denkt sie, sollen alle Kreise in dieser Stadt wieder eine Mitte haben. Nicht heute. Aber ein kleines Versprechen, gehalten, hat heute eine Spur hinterlasseneine winzige, im Staub und auf einem Blatt Papier. Und Spuren, das weiß Mira jetzt, sind der Anfang von Wegen.

Für Lernende
A2 · Elementary

792 Wörter · 318 einzigartige · ⌀ 8,7 Wörter pro Satz

Neue Wörter

  • das Versprechen
  • halten
  • selbstverständlich
  • die Spur
  • beibringen
  • der Anfang
  • hoffen
  • die Hoffnung
  • sorgfältig
  • stolz
  • die Anstrengung
  • verwirrt
  • angeboren

Grammatik

  • Perfekt und Präteritum
  • Nebensätze mit dass, weil und damit
  • Futur mit werden (er wird zeichnen)
  • Possessivpronomen (sein Kreis, ihre Hand)

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