Ein paar Tage sind vergangen, seit die Bäckerin zusammengezuckt ist. Tovin hat in dieser Zeit kaum von etwas anderem geredet. Heute kommt er zu Mira, und seine Augen haben dieses Leuchten, das sie kennt: das Leuchten eines Menschen, der ein Rätsel riecht.
„Wir müssen es noch einmal machen“, sagt er ohne Umweg.
„Was?“, fragt Mira, obwohl sie genau weiß, was er meint.
„Den Versuch. Das Benennen. Bei einem anderen Menschen.“ Tovin setzt sich. „Hör zu. Wir haben einmal gesehen, dass die Bäckerin gezuckt hat, und ein Versuch, der nur einmal gelingt, beweist nichts. Vielleicht hatte sie Bauchweh, oder sie hat sich erschreckt, weil ein Kind plötzlich so ernst wurde. Ein einziges Mal kann Zufall sein, erst wenn es sich wiederholt, ist es eine Regel.“
Mira kennt diesen Tovin. Es ist derselbe, der die Karten gemessen hat, der nichts glaubt, bevor er es zweimal gesehen hat. Und im Kopf weiß sie, dass er recht hat.
„Du hast recht“, sagt sie. „Mit dem Kopf hast du recht. Ein Mal ist kein Beweis.“
„Also machen wir es noch einmal“, sagt Tovin.
„Nein“, sagt Mira.
Tovin sieht sie überrascht an. „Warum nicht? Du willst doch die Wahrheit wissen. Du mehr als alle anderen.“
„Ich habe die Bäckerin gesehen“, sagt Mira leise. „Ich habe ihre Hand gesehen. Ich habe ihr wehgetan, mit einem einzigen Satz, und sie wusste nicht einmal, warum. Mein Vater hat gesagt: Eine Frage hat einen Preis. Der Laternenmann hat gesagt: Sei achtsam, triff nicht jeden, nur weil du es kannst. Und jetzt willst du, dass ich es noch einmal mache. Und noch einmal. Bei wie vielen Menschen, Tovin? Bei zehn? Bei zwanzig? Damit wir ‚sicher‘ sind?“
Tovin schweigt; das ist neu für ihn. Bei den Karten war es leicht, denn Papier hat keine Gefühle. Man kann eine Karte hundertmal messen, und sie leidet nicht, aber ein Mensch ist keine Karte.
„Ich will nicht zwanzig Menschen verletzen“, sagt Mira, „nur damit wir am Ende sagen können: Jetzt sind wir sicher. Das wäre, als ob man die Wahrheit über andere Leute kauft – und sie bezahlen, ohne zu wissen, wofür.“
„Aber wenn wir es nicht wiederholen“, sagt Tovin langsam, „dann wissen wir nie, ob es wirklich eine Regel ist. Dann bleibt es eine Geschichte. ‚Einmal hat eine Frau gezuckt.‘ Das ist kein Wissen. Das ist fast nichts.“
Sie sitzen eine Weile still. Beide haben recht, und beide wissen, dass der andere recht hat. Das ist das Schwere: Es ist nicht Tovin gegen Mira. Es ist Wissen gegen Schonen, und beides ist gut.
„Dann müssen wir einen Weg finden“, sagt Mira schließlich, „der beides achtet. Wissen, ja. Aber so sanft wie möglich.“
Tovin hebt den Kopf. „Wie meinst du das?“
„Bei der Bäckerin habe ich das Schwerste gesagt“, erklärt Mira. „Ich habe den Finger in die leere Mitte gelegt und gesagt, dass dort der Turm steht. Das war der härteste Satz. Darum hat es so wehgetan. Aber vielleicht“ – sie überlegt – „vielleicht müssen wir nicht den härtesten Satz nehmen. Vielleicht nehmen wir den sanftesten.“
„Den sanftesten wahren Satz“, sagt Tovin nachdenklich.
„Etwas, das jeder weiß“, sagt Mira. „Etwas, das wahr ist und harmlos klingt. Nicht ‚Was ist im Turm?‘ Nicht ‚In der Mitte steht etwas Verstecktes.‘ Sondern nur: ‚Da steht ein Turm.‘ Ganz einfach. Ein Satz, den niemand bestreiten kann. Und dann sehen wir, ob sogar dieser einfachste Satz die Menschen schon unruhig macht.“
Tovin denkt nach. „Das ist klug“, sagt er. „Wenn schon der sanfteste Satz wirkt, dann ist die Regel stark. Und wenn er nicht wirkt, haben wir niemandem wehgetan.“
„Und eine Bedingung“, sagt Mira fest. „Wir achten auf jeden Einzelnen. Sobald jemand wirklich leidet, hören wir auf. Sofort. Wir prüfen nicht zwanzig Menschen. Wir prüfen so wenige wie möglich und so viele wie nötig. Und wir hören bei der Grenze auf, die ich ziehe.“
Tovin nickt langsam. Es ist nicht ganz die saubere, kalte Wiederholung, die er sich gewünscht hat. Aber er sieht, dass Miras Weg auch ein guter Weg ist – vielleicht ein besserer.
„Vereinbart“, sagt er. „Der sanfteste Satz. Und du ziehst die Grenze.“
„Vereinbart“, sagt Mira.
Sie geben sich die Hand darauf, ernst wie zwei Erwachsene, die ein Geschäft machen. Aber es ist kein Geschäft. Es ist ein Versprechen, vorsichtig zu sein.
Als Tovin gegangen ist, sieht Mira aus dem Fenster zum Turm. „Da steht ein Turm“, sagt sie leise vor sich hin, nur um zu hören, wie es klingt. Es klingt harmlos — vier Wörter, die jeder den ganzen Tag sagt.
Und doch hat sie ein seltsames Gefühl dabei, als sie es als richtigen Satz sagt, nicht als Wegmarke. Als ob auch diese vier harmlosen Wörter ein wenig Gewicht hätten, wenn man sie nur richtig betont.
Morgen, denkt sie. Morgen, bei Tageslicht, werden wir es wissen.