Am Abend ruft der Vater Mira zu sich. Vor ihm steht der alte Holzkasten, in dem die Karten des Großvaters liegen. Aber heute hat er etwas anderes herausgenommen.
In seiner Hand liegt ein Stift. Ein einfacher Zeichenstift aus dunklem Holz, oben abgegriffen von vielen Jahren in einer Hand. Man sieht, dass er oft benutzt wurde.
„Das war der Stift deines Großvaters“, sagt der Vater. „Mit dem hat er gezeichnet, sein ganzes Leben lang. Ich habe ihn nach seinem Tod in die Schublade gelegt und nie wieder angefasst. Aber jetzt, wo du so viel zeichnest, denke ich: Er soll nicht in einer Schublade liegen. Ein Stift gehört in eine Hand.“
Er gibt ihn Mira. Der Stift ist leichter, als sie gedacht hat, und das Holz ist warm, fast als hätte ihn eben noch jemand gehalten. Mira schließt die Finger darum. Sie denkt an die große, warme Hand des Großvaters, an die sie sich nur noch wie an einen Traum erinnert.
„Danke“, sagt sie leise. „Ich passe gut darauf auf.“
„Das weiß ich“, sagt der Vater. Dann zögert er. „Es gibt noch etwas. Etwas, das ich nie verstanden habe. Vielleicht verstehst du es.“
Er greift in den Kasten und holt ein kleines, vergilbtes Blatt heraus. Es ist keine Karte. Es ist nur ein einzelnes Blatt, an den Rändern weich vom Alter.
Er legt es vor Mira hin.
Darauf ist ein Kreis. Sorgfältig gezeichnet, rund und ruhig. Und in der Mitte des Kreises ist ein Punkt. Ein klarer, fester Punkt, mit Absicht gesetzt, genau in die Mitte.
Mira hält den Atem an.
„Ich habe das nach seinem Tod gefunden“, sagt der Vater. „Zwischen seinen Sachen. Alle seine Karten lassen die Mitte leer, du weißt es ja. Jede einzelne. Aber dieses Blatt nicht. Hier hat er einen Punkt gemacht. Mitten hinein. Ich habe es nie verstanden. Ich dachte, es ist nur eine Kritzelei, ein altes Blatt. Ich wollte es schon wegwerfen.“
„Wirf es nie weg“, sagt Mira schnell. Es kommt heftiger heraus, als sie wollte.
Der Vater sieht sie an. „Warum nicht?“
Und da versteht Mira, und während sie es versteht, wird ihr ganz warm und ganz traurig zugleich.
„Weil er es mit Absicht getan hat“, sagt sie. „Alle Karten lassen die Mitte leer. Die ganze Stadt lässt die Mitte leer. Aber Großvater hat hier, ganz für sich, heimlich, den Punkt zurückgesetzt. Verstehst du nicht? Das ist kein Fehler. Das ist das Gegenteil. Das ist sein Zeichen dafür, dass dort etwas gehört.“
Der Vater sieht lange auf das Blatt. Man sieht, wie sich in seinem Kopf die Dinge neu ordnen, wie das alte, unverständliche Blatt plötzlich einen Sinn bekommt.
„Er hat dasselbe gemacht wie du“, sagt der Vater langsam. „Er hat die Mitte nicht leer gelassen.“
„Ja“, sagt Mira. „Nur dass er allein war. Er konnte es niemandem zeigen. Also hat er es heimlich auf ein Blatt gemalt und in den Kasten gelegt, wo es niemand sieht. Sein ganzer Mut hat für diesen einen kleinen Punkt gereicht. Mehr durfte er nicht.“
Sie denkt an den kleinen Jungen am Brunnen, der mitten in den Kreis gemalt hat: Das bin ich, ich stehe in der Mitte. So leicht für das Kind. So schwer für den alten Mann. Und doch dasselbe: ein Punkt, dort, wo alle anderen nichts lassen.
„Jetzt weiß ich, warum er so traurig war“, sagt der Vater leise. „Er hat etwas gesehen, das er niemandem sagen konnte. Er hat es allein getragen, sein ganzes Leben. Genau das, wovor ich bei dir Angst habe.“
Mira legt den Stift neben das Blatt. Den Stift des Großvaters und den Punkt des Großvaters, nebeneinander.
„Ich trage es nicht allein“, sagt sie. „Ich habe dich. Ich habe Tovin. Ich habe den Laternenmann. Großvater hatte niemanden, der ihm geglaubt hat. Das ist der Unterschied.“
Der Vater nickt, und seine Augen sind feucht. Er legt seine Hand auf Miras Hand, die den Stift hält.
„Dann nimm seinen Stift“, sagt er. „Und mach weiter, wo er aufgehört hat. Aber nicht heimlich, nicht allein, nicht im Dunkeln auf einem Blatt, das keiner sieht. Mach es im Licht. Wenn die Zeit dafür kommt.“
„Noch nicht“, sagt Mira, und sie lächelt, weil dieses Wort jetzt vielen gehört: dem Laternenmann, ihr, und nun, das spürt sie, auch dem Großvater. „Aber sie kommt.“
In dieser Nacht legt Mira das alte Blatt zu ihren wichtigen Dingen, neben den leeren Kreis von der Karte und den vollen Kreis des Jungen. Drei Kreise jetzt. Einer leer, zwei gefüllt. Und auf dem mittleren, dem ältesten, ein Punkt, gesetzt von einer Hand, die sie kaum noch kennt und die doch dasselbe gewollt hat wie sie.
Sie hält den Stift fest, bis sie einschläft.