Ein Jahr Deutsch

Bei Tag und bei Nacht

Tag 56 9 Min.

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Mira setzt sich auf die Bank neben die alte Frau. Sie hat nicht vor zu fragen. Sie weiß längst, dass die alte Frau keine Antworten gibt, jedenfalls keine, die man sich wünscht. Aber in ihrer Nähe kann Mira besser denken, und das reicht ihr heute.

Eine Weile sagen beide nichts; die alte Frau sieht über den Markt, wie immer, verkauft nichts, kauft fast nichts und sitzt nur da und sieht zu, von morgens bis abends.

Und Mira bemerkt etwas, das sie vorher nie so deutlich gesehen hat. Die alte Frau ist immer hier, bei jedem Wetter, und sie sieht alles, was auf dem Platz geschieht: jeden Streit, jeden Handel, jedes Kind, das fällt und wieder aufsteht. Sie ist wach, den ganzen Tag, und sie beobachtet.

Wie eine Wache, denkt Mira plötzlich. So wie der Laternenmann in der Nacht durch die Stadt geht und siehtso sitzt sie am Tag hier und sieht. Der eine wacht im Dunkeln. Die andere wacht im Licht.

Du denkst laut“, sagt die alte Frau, ohne den Kopf zu drehen. „Ich höre es fast.“

Mira wird ein wenig rot. „Ich überlege etwas“, sagt sie. „Etwas über den Tag und die Nacht.“

So“, sagt die alte Frau. „Dann überleg weiter. Vielleicht sage ich, ob es warm oder kalt ist.“

Mira sammelt ihre Gedanken. „Mein Großvater“, sagt sie, „hat einmal ein Zeichen gemacht. Ein wichtiges. Aber er hat es heimlich gemacht, auf einem kleinen Blatt, das niemand sehen sollte. Im Verborgenen. Ich frage mich, warum.“

Die alte Frau nickt langsam. „Und was glaubst du?“

Ich glaube, im Dunkeln war es leichter“, sagt Mira. „Etwas, das man versteckt, muss man nicht aushalten. Niemand sieht es. Niemand kann böse werden. Es ist da und doch nicht da.“

Das hast du gut gesehen“, sagt die alte Frau. Sie hebt die Hand und zeigt auf den Boden vor der Bank, wo ihr eigener Schatten liegt, scharf und dunkel im Mittagslicht.

Sieh den Schatten“, sagt sie. „Am Tag ist er scharf, und jeder sieht ihn. In der Nacht aber ist alles Schatten, und gerade darum sieht man keinen. Im Dunkeln kann man flüstern, und das Dunkel schluckt das Wort, sodass es am nächsten Morgen weg ist, als wäre es nie gesagt worden. So ein Wort kostet wenig.“

Und bei Tag?“, fragt Mira.

Bei Tag steht ein Wort da“, sagt die alte Frau. „Offen, im Licht, vor allen. Du kannst es nicht mehr einsammeln. Alle haben es gehört. Du musst dableiben und aushalten, was es tut. Das ist schwerer. Viel schwerer.“

Mira denkt an ihren Großvater, der seinen Punkt nur im Dunkeln, nur im Verborgenen zu setzen wagte. Und sie denkt an die Worte ihres Vaters: Mach es im Licht, nicht heimlich.

Also ist es mutiger, etwas am Tag zu sagen“, sagt Mira langsam.

Es ist mutiger“, sagt die alte Frau. „Und ehrlicher. Eine Wahrheit, die nur im Dunkeln lebt, ändert nichts. Sie tröstet vielleicht den, der sie flüstert. Aber die Stadt bleibt, wie sie ist. Erst wenn eine Wahrheit bei Tag steht, im Licht, wo alle sie sehen müssen, kann sich etwas bewegen. Vorher nicht.“

Sie schweigen wieder. Über dem Markt steht die Sonne hoch, und alle Schatten sind kurz und scharf.

Aber es tut weh“, sagt Mira leise. „Eine Wahrheit bei Tag. Ich habe es gesehen. Die Menschen zucken.“

Ja“, sagt die alte Frau. „Es tut weh. Wer hat dir gesagt, dass Sehen nicht wehtut?“ Sie wendet zum ersten Mal den Kopf und sieht Mira an, und ihr Blick ist nicht unfreundlich, aber sehr klar. „Die Frage ist nicht, ob es wehtut, denn es tut weh. Die Frage ist, ob es heilt oder nur verletzt. Ein guter Wundarzt tut auch weh, und ein schlechter auch; der Unterschied ist, was danach kommt.“

Mira merkt sich den Satz. Er klingt wie etwas, das auch der Laternenmann sagen könnte. Wieder dieser Anklang zwischen den beiden, als kämen ihre Worte aus derselben alten Quelle.

Du bist auch eine Wache“, sagt Mira, fast ohne es zu wollen. „So wie er. Nur bei Tag.“

Die alte Frau antwortet nicht. Aber sie lächelt ein ganz kleines Lächeln, und sie sagt es nicht ab. Sie sieht wieder über den Platz, wach und ruhig, und lässt die Frage stehen, offen, im Licht.

Mira steht auf. Sie weiß jetzt, was sie wissen wollte, auch wenn die alte Frau keine einzige Antwort gegeben hat.

Danke“, sagt sie.

Wofür?“, fragt die alte Frau. „Ich habe nur gesagt, ob es warm ist.“ Und sie lächelt wieder.

Auf dem Heimweg sieht Mira die Stadt im hellen Mittagslicht: jeden Stein, jeden Schatten, jedes offene Gesicht. Heute Nacht würde alles im Dunkel verschwinden. Aber jetzt, am Tag, steht alles offen da. Auch der Turm. Und Mira weiß: Wenn sie die Wahrheit prüfen will, dann nicht im Flüstern der Nacht. Sondern hier. Im Licht. Wo man aushalten muss, was man sagt.

Für Lernende
A2 · Elementary

803 Wörter · 302 einzigartige · ⌀ 8,4 Wörter pro Satz

Neue Wörter

  • flüstern
  • die Wahrheit
  • aushalten
  • das Tageslicht
  • der Schatten
  • verschwinden
  • offen
  • die Bank
  • beobachten
  • wach
  • der Wundarzt
  • der Anklang
  • verbergen

Grammatik

  • Gegensätze (bei Tag / bei Nacht, hell / dunkel)
  • Nebensätze mit während, solange und wenn
  • Konjunktiv II (man könnte, es wäre leichter)
  • Wechselpräpositionen (im Licht, in den Schatten)

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