Ein Jahr Deutsch

Die Lieder, die keiner erklärt

Tag 61 9 Min.

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Seit dem Tag mit der alten Frau schläft Mira schlechter. Sie hat ihre Regel gefunden, eine echte, bewiesene Regel, und sie ist stolz darauf. Aber wenn sie die Augen schließt, sieht sie nicht den Beweis. Sie sieht die feuchten Augen der Frau und hört die müde Bitte: „Lass das. Bitte.“

Sie will das nicht noch einmal. Sie will nicht mehr in ein fremdes Gesicht greifen und einen alten Schmerz herausziehen, nur um sicher zu sein. „Eine Frage hat einen Preis“, hat ihr Vater gesagt, und jetzt weiß Mira genau, wer diesen Preis bezahlt: nicht sie, sondern der andere.

Wir haben genug bewiesen“, sagt sie zu Tovin, als sie am Rand des Marktes sitzen. „Ich will keinen Menschen mehr prüfen. Aber ich will trotzdem weiterkommen. Ich will wissen, warum die Stadt so ist.“

Zwei Wünsche, die sich streiten“, sagt Tovin. „Du willst mehr wissen, aber niemanden mehr fragen.“

Ja“, sagt Mira. „Und ich weiß nicht, wie das gehen soll.“

Sie sitzen still und sehen den Menschen zu. Da hängt eine Frau ihre Wäsche auf und singt dabei, ganz leise, halb für sich. Es ist ein alter Reim, den Mira ihr ganzes Leben kennt, ohne je darüber nachgedacht zu haben:

Eins, zwei, Salz und Stein, drei, vier, geh nicht hinein, fünf, sechs, das Wasser spricht, sieben, acht, du hörst es nicht.“

Die Frau singt ihn, während ihre Hände arbeiten, so wie man atmet, ohne es zu merken. Ihr Gesicht ist ruhig. Kein Zucken, keine Unruhe, nichts von dem, was Mira sonst sieht, wenn eine schwere Wahrheit in der Luft steht.

Mira steht auf und geht zu ihr. „Das ist ein schönes Lied“, sagt sie. „Meine Mutter hat es auch gesungen.“

Alle singen es“, sagt die Frau und lächelt. „Meine Mutter, ihre Mutter. Es ist uralt.“

Darf ich etwas fragen?“, sagt Mira vorsichtig. „Die Zeilegeh nicht hinein‘ – wohin soll man nicht hineingehen?“

Die Frau hält kurz inne, aber nicht so wie die Menschen beim Turm. Sie zuckt nicht zurück. Sie denkt nur nach, ehrlich verwirrt, als hätte ihr noch nie jemand diese Frage gestellt.

Weiß ich nicht“, sagt sie schließlich und lacht. „So geht das Lied eben. Man singt es einfach.“

Unddas Wasser spricht‘?“, fragt Mira. „Was heißt das?“

Kind“, sagt die Frau freundlich, „es ist ein Reim. Ein Reim muss keinen Sinn haben. Salz reimt sich auf Stein, hinein reimt sich aufna ja, es klingt eben gut.“ Sie hängt das nächste Tuch auf und singt weiter, gedankenlos, zufrieden.

Mira geht langsam zu Tovin zurück. In ihrem Kopf dreht sich etwas.

Hast du gehört?“, sagt sie. „Sie singt es jeden Tag. Aber sie weiß nicht, was es bedeutet. Und als ich gefragt habe, hat sie nicht gezuckt. Sie ist nicht traurig geworden. Sie hat einfach gelacht.“

Weil es nur ein dummer Reim ist“, sagt Tovin.

Oder“, sagt Mira langsam, „weil sie die Wörter singt, ohne über sie nachzudenken. Denk nach, Tovin. Beim Turm zucken die Leute, weil sie in dem Moment daran denken müssen. Aber dieses Lieddas singen sie, ohne zu denken. Die Wörter gehen durch den Mund, nicht durch den Kopf. Darum tut es nicht weh.“

Tovin runzelt die Stirn, so wie immer, wenn ein Gedanke ihn zu packen beginnt. „Weiter“, sagt er.

Erinnerst du dich an deine eigene Hand?“, sagt Mira. „Wie du die Stadt gezeichnet hast, ganz schnell, und den Turm vergessen hast, ohne es zu wollen? Deine Hand hat sich erinnert, obwohl dein Kopf vergessen hatte. Der Laternenmann hat das auch gesagt: Der Kopf vergisst, die Hand erinnert sich.“

Und der Mund?“, fragt Tovin leise.

Genau“, sagt Mira, und jetzt geht sie schneller. „Der Mund erinnert sich auch. Die Leute singen alte Wörter weiter, seit vielen, vielen Jahren, ohne ihren Sinn zu kennen. Sie geben sie weiter wie einen Stein, den man von Hand zu Hand reicht. Vielleichtvielleicht ist in diesen Liedern etwas versteckt. Etwas Altes. Etwas, das die Stadt vergessen hat, aber immer noch jeden Tag singt.“

Tovin sitzt sehr still. „Das ist es“, sagt er dann. „Das ist dein neuer Weg. Du musst niemanden verletzen. Du musst nur zuhören. Die Leute singen dir ihre alten Wörter freiwillig vor, und sie merken nicht einmal, was sie dir geben.“

Sie bewachen die Lieder nicht“, sagt Mira. „Sie bewachen nur den Turm. Aber die Lieder sind vielleicht viel älter als das Wegsehen. Vielleicht kommen sie aus einer Zeit, in der man noch alles beim Namen nennen durfte.“

Zum ersten Mal seit Tagen fühlt Mira sich wieder leicht. Kein zuckendes Gesicht, keine feuchten Augen, keine Bitte, aufzuhören. Nur Wörter, die durch die Stadt schweben, alt und achtlos gesungen, und in ihnen, ganz tief, vielleicht ein verborgener Sinn.

Wir müssen sie sammeln“, sagt sie. „Alle alten Reime, alle Lieder, alle Sprüche vom Markt. Wir müssen zuhören und aufschreiben, genau, jedes Wort.“

Aufschreiben“, wiederholt Tovin, und seine Augen leuchten, denn Aufschreiben und Vergleichen ist genau das, was er am besten kann. „Genau, jedes Wort. Und dann suchen wir die Stellen, die keiner erklären kann.“

Am Abend hört Mira ihre Mutter in der Küche summen, ganz leise, dieselbe alte Weise. Früher hat Mira nie darauf geachtet. Heute lauscht sie mit klopfendem Herzen. Sie versteht die Wörter noch nicht. Aber zum ersten Mal versteht sie, dass in den Liedern der Stadt etwas wartet, geduldig und still, seit langer, langer Zeit.

Noch nicht, denkt sie. Aber die Lieder haben mich gehört.

Für Lernende
A2 · Elementary

894 Wörter · 352 einzigartige · ⌀ 8,7 Wörter pro Satz

Neue Wörter

  • der Reim
  • das Lied
  • singen
  • summen
  • der Vers
  • auswendig
  • die Bedeutung
  • erklären
  • gedankenlos
  • uralt
  • die Zeile
  • weitergeben
  • der Sinn
  • achtlos

Grammatik

  • Nebensätze mit dass, weil und obwohl
  • Relativsätze (ein Lied, das keiner versteht)
  • Perfekt und Präteritum
  • indirekte Frage (was die Zeile bedeutet)

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