Am nächsten Morgen geht Mira früh zur Backstube. Sie hat der Bäckerin schon einmal geholfen, damals, als sie gelernt hat, dass gutes Brot hohl klingt und schlechtes dumpf. Heute kommt sie mit einem neuen Ohr. Sie will nicht das Brot hören. Sie will die Wörter hören.
Die Backstube ist warm und riecht nach Mehl und Feuer. Die Bäckerin steht am großen Tisch und knetet den Teig, und während sie knetet, singt sie leise vor sich hin. Es ist kein richtiges Lied, eher ein Sprechgesang, langsam und ruhig, im Takt ihrer Hände.
„Erst das Mehl und dann das Salz, Wasser rein und knete fest, sing ein Lied, dann geht der Teig, deck den Krug und sieh nicht rein, Feuer an, dann back das Brot.“
Dann beginnt sie von vorn, immer wieder, während die Hände arbeiten.
Mira setzt sich auf den Schemel in der Ecke und hört zu. „Das singst du bei der Arbeit“, sagt sie.
„Immer“, sagt die Bäckerin, ohne aufzuhören. „Seit ich ein Mädchen war. Es ist mein Reim. Er sagt mir, was ich tun muss und in welcher Reihenfolge. Solange ich ihn singe, vergesse ich keinen Schritt.“
„Erklärst du mir die Zeilen?“, fragt Mira. „Ich möchte verstehen, wie Backen geht.“
Die Bäckerin freut sich, denn sie erklärt ihr Handwerk gern. „Gern“, sagt sie. „‚Erst das Mehl und dann das Salz‘ – das ist wichtig, denn wenn das Salz zu früh kommt, wird der Teig nicht gut. ‚Wasser rein und knete fest‘ – na, das ist klar. ‚Sing ein Lied, dann geht der Teig‘ – das heißt: Warte, hab Geduld, ein Lied lang, dann ist der Teig gewachsen. Man singt eben, um die Zeit zu messen.“
„Das ist klug“, sagt Mira. „Jede Zeile ist eine Regel.“
„So ist es“, sagt die Bäckerin stolz. „Der ganze Reim ist voll von Wissen. Meine Meisterin hat immer gesagt: Wer den Reim kann, kann das Brot.“
„Und die vierte Zeile?“, fragt Mira leise. „‚Deck den Krug und sieh nicht rein.‘ Was bedeutet die?“
Die Bäckerin knetet weiter, aber langsamer. Sie sieht zu einem alten Tonkrug hinüber, der auf dem Regal steht, ein Tuch fest darüber gebunden. „Das ist der Sauerteig“, sagt sie. „Der lebt, weißt du. Ein bisschen davon hebt man immer auf, für das nächste Brot. Man deckt ihn zu und lässt ihn ruhen.“
„Und warum soll man nicht hineinsehen?“, fragt Mira.
Die Bäckerin öffnet den Mund – und hält inne. Zum ersten Mal an diesem Morgen weiß sie keine Antwort. Sie steht da, die Hände im Teig, und denkt nach.
„Das …“, sagt sie langsam, „das weiß ich nicht. Man deckt ihn zu und sieht nicht rein. Das macht man einfach. Meine Meisterin hat es so gesagt, und ihre Meisterin auch. ‚Deck den Krug und sieh nicht rein.‘“
„Aber die anderen Zeilen kannst du erklären“, sagt Mira. „Warum diese nicht?“
Die Bäckerin lacht ein wenig, aber es ist ein verwirrtes Lachen. „Seltsam, nicht wahr? Jetzt, wo du fragst … Ich weiß nicht, was passiert, wenn man hineinsieht. Wahrscheinlich nichts. Vielleicht kommt Luft rein, vielleicht wird er kalt. Aber ehrlich gesagt: Ich habe noch nie hineingesehen. Nicht ein einziges Mal in meinem ganzen Leben. Ich deck ihn zu und sing die Zeile und mache weiter. So bin ich es gewohnt.“
Mira sitzt ganz still. In ihrem Kopf klingt eine andere Stimme, die des alten Steinmetzes auf dem Platz: „Das war schon immer so … das weiß ich nicht.“ Und die des Mannes am tiefen Brunnen: „Da geht man nicht hin.“ Und jetzt die Bäckerin: „Man sieht nicht rein.“
„Es ist eine Regel ohne Grund“, sagt Mira leise, mehr zu sich selbst.
„Wie bitte?“, fragt die Bäckerin.
„Alle anderen Zeilen haben einen Grund“, sagt Mira. „Das Salz, das Wasser, das Warten. Aber diese eine befolgst du, ohne den Grund zu kennen. Du deckst den Krug zu und siehst nicht rein, weil jemand vor langer Zeit gesagt hat, man soll es so machen. Und du gibst es weiter, genauso, an das nächste Mädchen, das dir hilft.“
Die Bäckerin sieht Mira an, und für einen Moment liegt etwas Nachdenkliches in ihrem Gesicht. „So habe ich das nie gesehen“, sagt sie. „Aber du hast recht. Es ist die einzige Zeile, die ich nicht verstehe. Und trotzdem ist sie mir am heiligsten. Merkwürdig.“
Sie deckt den Teig mit einem Tuch zu und wäscht sich die Hände. „Willst du wissen, was ich glaube?“, sagt sie. „Ich glaube, die Zeile hatte einmal einen Grund. Einen guten. Aber der Grund ist irgendwann verloren gegangen, und die Zeile ist geblieben. So ist das mit alten Reimen. Die Wörter sind stärker als ihr Sinn. Sie überleben ihn.“
Mira spürt, wie ihr das Herz schlägt. Genau das. Die Wörter überleben ihren Sinn.
„Danke“, sagt sie und steht auf. „Für das Brot und für den Reim.“
„Für den Reim?“ Die Bäckerin lacht wieder. „Den kannst du haben. Ich weiß ja selbst nicht ganz, was er bedeutet.“
Auf dem Heimweg wiederholt Mira die eine Zeile immer wieder: „Deck den Krug und sieh nicht rein.“ Vielleicht bedeutet sie nur, dass ein Sauerteig Ruhe braucht. Vielleicht. Aber Mira denkt an einen anderen Krug, viel größer, mitten in der Stadt, grau und ohne Tür, den auch niemand öffnet und in den niemand hineinsieht. Und an einen Brunnen mit einem schweren Deckel, in den man ebenfalls nicht hineinsehen soll.
Sie weiß, dass ein Reim keinen Sinn haben muss. Die Bäckerin hat es gesagt. Aber sie weiß jetzt auch: Manchmal hatte er einen. Und manchmal ist der Sinn nicht weg, sondern nur zugedeckt, wie ein Krug mit einem Tuch, den seit langer, langer Zeit niemand mehr geöffnet hat.