Tovin nimmt die Sache ernst. Für ihn ist Sammeln kein Spiel; es ist Arbeit, und Arbeit macht man richtig. Er besorgt sich einen Stapel Zettel und ein Stück Kohle, und dann geht er los, über den Markt, von Stand zu Stand, und fragt die Leute nach ihren Reimen.
„Sing mir deinen Spruch“, sagt er, „und ich schreibe ihn auf. Aber langsam. Jedes Wort.“
Zuerst lachen die Leute. Ein Junge, der Reime aufschreibt, das ist etwas Neues. Aber dann machen fast alle mit, freiwillig und gern, denn man fragt sie nach nichts Schwerem. Man fragt nach ihren Kinderliedern, ihren Arbeitssprüchen, den Versen, die sie beim Warten summen. Das ist harmlos, das macht Freude, und jeder ist ein bisschen stolz, dass sein alter Spruch aufgeschrieben wird.
Mira sieht ihm eine Weile zu, dann sagt sie leise: „Merkst du, wie leicht das ist? Niemand zuckt. Niemand wird still. Sie geben dir die Wörter, als wären es Äpfel.“
„Weil ich nicht nach dem Turm frage“, sagt Tovin, ohne aufzusehen. „Ich frage nach Reimen. Der Turm ist bewacht. Die Reime nicht. Genau wie du gesagt hast.“
Am Abend breitet Tovin seine Zettel auf dem Boden aus. Es sind schon viele. Er hat eine Ordnung, denn ohne Ordnung, sagt er, ist eine Sammlung nur ein Haufen.
„Sieh her“, sagt er zu Mira. „Ich sortiere die Zeilen in drei Spalten. In die erste kommen die Zeilen, die einen klaren Grund haben. Wie bei der Bäckerin: ‚Erst das Mehl und dann das Salz.‘ Das ist eine Regel, die jeder erklären kann.“
„Und die zweite Spalte?“, fragt Mira.
„Die zweite ist für die Zeilen, die nur wegen des Reims da sind“, sagt Tovin. „‚Eins, zwei, komm herbei.‘ ‚Herbei‘ reimt sich auf ‚zwei‘, mehr steckt nicht dahinter. Das ist Musik, kein Wissen.“
„Und die dritte?“
Tovin hält einen Zettel hoch, und seine Stimme wird ernster. „Die dritte Spalte ist die wichtige. Da kommen die Zeilen hinein, die keiner erklären kann – die sich aber trotzdem alle gemerkt haben. Kein Grund. Kein Reim, der es nötig macht. Und trotzdem behält sie jeder, seit vielen Jahren, Wort für Wort.“
Mira setzt sich neben ihn. „Wie ‚deck den Krug und sieh nicht rein‘“, sagt sie.
„Genau“, sagt Tovin. „Die gehört in die dritte Spalte. Und sie ist nicht allein. Ich habe heute noch mehr solche Zeilen gehört.“ Er zeigt auf seine Zettel. „Eine alte Frau hat gesungen: ‚Zähl die Türme, zähl sie recht.‘ Ich habe gefragt: Welche Türme? Wir haben doch nur einen. Sie hat mich angesehen, als hätte ich etwas Dummes gesagt, und geantwortet: ‚Das singt man eben so.‘“
Mira wird ganz still. „Türme“, sagt sie. „In der Mehrzahl.“
„Vielleicht bedeutet es nichts“, sagt Tovin schnell, denn er will nicht zu früh glauben. „Vielleicht ist es nur ein altes Wort, das man nicht mehr versteht. Aber ich schreibe es auf. Genau so, wie sie es gesungen hat. Später vergleiche ich.“
„Vergleichen“, sagt Mira. „Wie bei den Karten.“
„Wie bei den Karten“, sagt Tovin, und zum ersten Mal an diesem Tag lächelt er richtig. „Weißt du, warum das so gut funktioniert? Ein Mensch allein beweist nichts. Wenn eine alte Frau eine seltsame Zeile singt, kann das Zufall sein. Vielleicht hat sie sich verhört, damals, als sie klein war. Aber wenn ich zehn Leute frage und alle zehn singen dieselbe seltsame Zeile, fast mit denselben Wörtern – dann ist es kein Zufall mehr. Dann ist es alt und echt.“
„Und die Stellen, wo sie unterschiedlich singen?“, fragt Mira.
„Auch die sind wichtig“, sagt Tovin. „Denk nach. Wenn jeder eine Zeile anders singt, dann ist sie jung, oder sie ist nicht wichtig; jeder ändert sie ein bisschen. Aber wenn eine Zeile bei allen gleich bleibt, obwohl das ganze Lied sonst wackelt – dann hat diese Zeile ein großes Gewicht. Dann haben die Menschen sie besonders fest gehalten, ohne zu wissen, warum.“
Mira sieht ihn an, und in ihr wächst der Respekt. Tovin macht mit den Liedern genau das, was er mit den Karten gemacht hat. Er misst nicht mit einer Schnur, aber er misst mit dem Ohr. Er sucht das, was gleich bleibt, während alles andere sich ändert.
„Es gibt ein Lied“, sagt Tovin nach einer Weile, „das ist anders als die anderen. Ein langes. Zwei Leute haben es angefangen, aber keiner konnte es zu Ende singen. Es zählt Dinge auf – Wasser, Brücke, Markt, die Steine, den Fluss. Als würde jemand durch die Stadt gehen und alles benennen. Aber jeder hört an einer anderen Stelle auf. Und keiner kann mir das ganze Lied geben.“
„Ein Lied, das die Stadt aufzählt“, sagt Mira langsam. Etwas in ihr wird wach, aber sie weiß noch nicht, was.
„Ich will es ganz haben“, sagt Tovin, und da ist wieder der alte, sture Ton, der Ton von jemandem, der eine Lücke gefunden hat und sie nicht ruhen lassen kann. „Ein Lied, das die Stadt aufzählt, muss vollständig sein. Wenn es das nicht ist, dann fehlt etwas. Und wenn etwas fehlt, dann fehlt es aus einem Grund.“
Er legt den letzten Zettel auf den Stapel und beschwert ihn mit einem Stein, damit der Wind ihn nicht wegträgt.
„Morgen frage ich weiter“, sagt er. „Ich will jede Fassung. Von jedem, der sie kennt. Und dann lege ich sie nebeneinander, so wie die Karten, und dann sehen wir, was übrig bleibt.“
Mira geht nach Hause, und in ihrem Kopf singt jemand ein Lied, das die Stadt aufzählt – Wasser, Brücke, Markt, die Steine, den Fluss. Sie fragt sich, was kommt, wenn man weiterzählt. Sie fragt sich, an welcher Stelle jeder aufhört. Und sie fragt sich, ob alle an derselben Stelle aufhören, immer beim selben Wort, so wie alle Karten dieselbe Lücke haben.
Noch weiß sie es nicht. Aber sie hat gelernt, dass man solche Fragen nicht raten muss. Man kann sie zählen.