Ein Jahr Deutsch

Das Wiegenlied

Tag 64 9 Min.

Tipp: Klicke auf ein Wort, um die Bedeutung zu sehen — auf Deutsch oder Englisch.

Am Abend, als die Arbeit getan ist, sitzt Miras Mutter am Fenster und näht. Draußen wird es langsam dunkel, und über den Dächern steht der Mond, rund und hell. Die Mutter näht und summt dabei, ganz leise, so wie an vielen Abenden.

Früher hat Mira nie darauf geachtet. Es war nur ein Geräusch, warm und vertraut, so wie das Knistern des Feuers. Aber seit den letzten Tagen hört Mira anders zu. Sie hört jetzt auf die Wörter, und wenn keine Wörter da sind, hört sie auf die Lücke.

Was singst du da?“, fragt Mira.

Ach, ein altes Wiegenlied“, sagt die Mutter. „Das habe ich dir gesungen, als du klein warst. Und mein Vater hat es mir gesungen, als ich klein war. Kannst du dich nicht erinnern?“

Sing es ganz“, bittet Mira. „Bitte. Mit allen Worten.“

Die Mutter lächelt, legt die Näharbeit in den Schoß und beginnt. Ihre Stimme ist nicht schön wie die eines Sängers, aber sie ist zärtlich, und Mira wird ganz ruhig davon.

Schlaf, mein Kind, es wird schon dunkel, über der Stadt der runde Mond, alle Türen sind verschlossen, alle Lichter gehen aus.“

Dann kommt die nächste Strophe, und hier geschieht etwas Seltsames. Die Mutter singt nicht. Sie summt. Die Melodie ist da, sie steigt und fällt, sanft und traurig, aber es kommen keine Wörter aus ihrem Mund, nur ein warmesHm-hm-hm“, das die Töne trägt, wo einmal Worte waren.

Dann, bei der letzten Strophe, kommen die Wörter zurück:

Schlaf, mein Kind, du bist geborgen, schlaf bis an den neuen Tag.“

Die Mutter nimmt ihre Näharbeit wieder auf. Mira aber sitzt aufrecht.

Die Strophe in der Mitte“, sagt sie. „Du hast sie nur gesummt. Warum?“

Die Mutter hält mit dem Nähen inne. „Weißt du“, sagt sie langsam, „das habe ich schon so lange gemacht, dass ich es kaum noch merke. Ich kenne die Worte nicht mehr. Ich kenne nur die Melodie.“

Aber die anderen Strophen kennst du“, sagt Mira.

Ja“, sagt die Mutter. „Die anderen sind mir geblieben. Aber die mittleredie ist mir verloren gegangen. Als ich klein war, hat mein Vater sie gesungen, jeden Abend, mit richtigen Worten. Es war die schönste Strophe von allen. Und wenn er zu ihr kam, wurde seine Stimme anders. Langsamer. Trauriger. Als würde er dabei an etwas denken.“

Mira hält den Atem an. „Und du hast die Worte nie gelernt?“

Ich war zu klein“, sagt die Mutter, und in ihrer Stimme liegt jetzt selbst etwas von der alten Traurigkeit. „Ich bin immer bei dieser Strophe eingeschlafen. Sie war so ruhig, so sanft, dass ich die Augen nicht mehr aufhalten konnte. Ich habe die Melodie tausendmal gehört und bin tausendmal dabei eingeschlafen, bevor ich die Worte lernen konnte. Und dann, eines Tages, war mein Vater nicht mehr da. Und mit ihm waren die Worte weg. Ich habe nur die Melodie behalten. Den Klang. Aber nicht den Sinn.“

Sie summt die verlorene Strophe noch einmal, leise, und tatsächlich: Die Melodie ist da, ganz vollständig, jeder Ton an seinem Platz. Nur die Wörter fehlen, wie ein Bild, aus dem jemand die Mitte herausgeschnitten hat.

Mira spürt, wie ihr die Augen brennen. Sie hat in den letzten Tagen viele Lücken gefunden: die Lücke auf den Karten, die Lücke im Reim der Bäckerin, die Zeile, die keiner erklären kann. Sie hat das immer wie ein Rätsel gesehen, wie etwas, das man lösen muss. Aber diese Lücke hier ist anders. Diese Lücke ist in ihrer eigenen Familie. Ihr eigener Großvater hat etwas gekannt und gesungen, jeden Abend, und es ist verloren gegangen, weil ein kleines Mädchen zu früh eingeschlafen ist.

Weißt du noch irgendein Wort davon?“, fragt Mira leise. „Irgendetwas?“

Die Mutter schließt die Augen und summt die Melodie noch einmal, sucht, hört in sich hinein. „Der Anfang“, sagt sie schließlich. „Ich glaube, sie begann mitIn der Nacht …‘. Aber danachnichts. Nur der Klang. Es tut mir leid.“

Du musst dich nicht entschuldigen“, sagt Mira und legt ihren Kopf an die Schulter der Mutter. „Du hast die Melodie bewahrt. Das ist auch etwas. Die Melodie hat auf uns gewartet, all die Jahre.“

Die Mutter streicht ihr über das Haar. „Warum ist dir das plötzlich so wichtig, mein Kind?“, fragt sie. „Ein altes Wiegenlied.“

Mira überlegt, wie sie es sagen soll. „Weil ich glaube“, sagt sie vorsichtig, „dass in den alten Liedern etwas steckt. Etwas, das wir vergessen haben. Und wenn wir zuhören, ganz genau, dann können wir vielleicht ein bisschen davon zurückholen.“

Die Mutter sagt nichts dazu. Aber sie hört nicht auf, Mira über das Haar zu streichen, und nach einer Weile beginnt sie die verlorene Strophe noch einmal zu summen, langsam, wie ihr Vater es getan hat.

Mira hört zu und prägt sich die Melodie ein, Ton für Ton. Sie kann die Worte nicht singen; niemand kann das mehr. Aber vielleicht, denkt sie, ist die Melodie eine Art Karte. Eine Karte ohne Worte, die trotzdem weiß, wohin sie führt. Vielleicht findet sie eines Tages jemanden, der noch weiß, was hier einmal gesungen wurde.

In der Nacht, denkt Mira, als sie einschläft. So fing sie an. In der Nacht. Es ist wenig. Aber es ist mehr als nichts. Es ist der Anfang eines Weges, den ihr Großvater schon einmal gegangen ist.

Für Lernende
A2 · Elementary

870 Wörter · 326 einzigartige · ⌀ 8,9 Wörter pro Satz

Neue Wörter

  • das Wiegenlied
  • die Strophe
  • summen
  • die Melodie
  • einschlafen
  • die Erinnerung
  • der Mond
  • verloren gehen
  • die Kindheit
  • traurig
  • der Klang
  • fehlen
  • bewahren
  • zärtlich

Grammatik

  • Präteritum (sang, summte, kannte)
  • Nebensätze mit als, weil und dass
  • Konjunktiv II (ich wüsste gern, wenn er noch lebte)
  • Relativsätze (die Strophe, die niemand mehr kennt)

Finished reading? Sign in to mark this story complete and keep track of your progress.

Comprehension check

4 questions · Freeform answers are graded by AI for meaning and grammar.

Sign in to take the test

Reading is always free. Create a free account to test your comprehension and track which stories and tests you have completed.