Ein Jahr Deutsch

Die Stelle, wo man klatscht

Tag 65 9 Min.

Tipp: Klicke auf ein Wort, um die Bedeutung zu sehen — auf Deutsch oder Englisch.

Am Nachmittag spielen ein paar Kinder auf dem Platz ein Klatschspiel. Sie stehen sich zu zweit gegenüber, schlagen die Hände zusammen, einmal in die eigenen, einmal in die des anderen, schnell und im Takt, und dazu sprechen sie einen Reim. Mira kennt das Spiel. Sie hat es selbst gespielt, als sie kleiner war. Aber heute setzt sie sich an den Rand und lauscht mit anderen Ohren.

Der Reim geht so:

Rund herum und rund herum, wer sieht die Stadt, wenn’s dunkel wird? –“

Und an dieser Stelle sagt kein Kind ein Wort. Stattdessen klatschen alle einmal laut in die Hände, alle zugleich, genau im Takt. Dann geht es weiter:

Wer trägt das Licht von Tor zu Tor? –“

Und wieder: kein Wort, nur ein Klatschen, laut und fröhlich. Dann:

Nun dreh dich um und fang von vorn!“

Und die Kinder drehen sich lachend im Kreis und beginnen wieder von Anfang an.

Mira sitzt ganz still. Zweimal wird eine Frage gestellt. „Wer sieht die Stadt, wenn’s dunkel wird?“ Und: „Wer trägt das Licht von Tor zu Tor?“ Und zweimal, genau dort, wo die Antwort kommen müsste, kommt keine. Da klatscht man nur.

Sie steht auf und geht zu den Kindern. „Darf ich euch etwas fragen?“, sagt sie. „Das Spiel gefällt mir. Aber sagt maldie Stelle, wo ihr klatscht. Was gehört da eigentlich hin?“

Die Kinder sehen sie an, als hätte sie etwas sehr Dummes gefragt. „Da klatscht man doch“, sagt ein Mädchen und lacht. „Das ist die Klatsch-Stelle.“

Ja, aber davor ist eine Frage“, sagt Mira. „‚Wer sieht die Stadt, wenn’s dunkel wird?‘ Da müsste doch eine Antwort kommen. Ein Name, ein Wort.“

Nein“, sagt ein Junge und schüttelt den Kopf, ganz sicher. „Da kommt kein Wort. Da kommt das Klatschen. So geht das Spiel. Willst du mitspielen oder nicht?“

Mira lächelt und schüttelt den Kopf. „Vielleicht später“, sagt sie. Und die Kinder spielen weiter, klatschen an den beiden Stellen, laut und selbstverständlich, ohne den kleinsten Zweifel.

Mira geht zurück an den Rand und setzt sich. In ihrem Kopf arbeitet es. Sie hat wieder eine Lücke gefunden, aber diese ist anders als die anderen. Auf der Karte ist die Lücke ein leerer Kreis, ein Loch, das man sehen kann. Im Reim der Bäckerin ist die Lücke ein Satz, den man nicht erklären kann. Aber hier, im Klatschspiel, ist die Lücke unsichtbar geworden. Sie ist mit etwas gefüllt. Mit einem Klatschen. Und weil da ein Klatschen ist, merkt niemand mehr, dass da ein Wort fehlt.

Sie denkt an den Festtag, an den Tanz auf dem Platz, bei dem alle nach außen sehen und keiner in die Mitte. Damals hat sie gedacht: Die Stadt tanzt den leeren Kreis. Jetzt denkt sie: Die Stadt klatscht ihn auch.

Am Abend erzählt sie es Tovin, der sofort seine Kohle nimmt und den Reim aufschreibt, genau, mit den Klatsch-Stellen als kleinen Kreisen zwischen den Zeilen.

Zwei Fragen“, sagt Tovin, als er fertig ist, und tippt mit dem Finger auf die zwei Kreise. „Und keine Antwort. Nur ein Klatschen. Das ist klug gemacht, Mira. Wenn du eine Frage stellst und keine Antwort gibst, dann merkt jeder, dass etwas fehlt. Aber wenn du an die Stelle der Antwort ein Klatschen setzt, dann ist die Lücke keine Lücke mehr. Sie ist ein Teil des Spiels. Perfekt versteckt.“

Meinst du, das war Absicht?“, fragt Mira.

Tovin überlegt lange. „Ich weiß es nicht“, sagt er ehrlich. „Vielleicht hat man das Wort einfach vergessen, und das Klatschen ist von selbst gekommen, weil eine Lücke im Takt nicht gut klingt. Oder vielleicht hat jemand vor langer Zeit gesagt: Dieses Wort sagen wir nicht mehr, wir klatschen stattdessen. Ich kann es nicht beweisen. Aber ich weiß eins: Da war einmal eine Antwort. Ein Reim, der eine Frage stellt, hatte immer auch eine Antwort. Sonst ist es kein Reim, sondern nur eine halbe Sache.“

Wer sieht die Stadt, wenn’s dunkel wird“, sagt Mira leise. „Wer trägt das Licht von Tor zu Tor.“

Sie sehen sich an. Beide denken dasselbe, aber keiner sagt es laut, denn es ist nur ein Gedanke, kein Beweis. Sie kennen jemanden, der die Stadt sieht, wenn es dunkel wird. Jemanden, der ein Licht durch die Nacht trägt, von Ort zu Ort. Aber im Spiel steht kein Name. Im Spiel steht nur ein Klatschen.

Vielleicht ist das Klatschen die Antwort“, sagt Mira. „Nur dass wir sie nicht mehr hören können.“

Vielleicht“, sagt Tovin, und diesmal sagt er das Wort ohne Spott, so wie man es sagt, wenn man wirklich etwas nicht weiß.

Mira sieht den Kindern noch eine Weile zu. Sie klatschen und lachen und drehen sich im Kreis, fröhlich und ohne Angst. Sie tragen ein altes Wort mit sich, jeden Tag, in ihren kleinen Händen. Aber sie tragen es als Klatschen, nicht als Wort, und deshalb tut es ihnen nicht weh, so wenig, wie der Bäckerin ihre eine Zeile wehtut.

Es ist ein seltsamer Trost, denkt Mira auf dem Heimweg. Die Stadt hat ihr wichtigstes Wort verloren. Aber sie hat die Stelle behalten, an der es einmal stand. Sie klatscht genau dort, wo die Antwort fehlt. Und solange die Stelle bleibt, ist vielleicht auch das Wort nicht ganz verloren. Es wartet nur, still, hinter einem Klatschen, auf den Tag, an dem jemand wieder danach fragt.

Für Lernende
A2 · Elementary

875 Wörter · 306 einzigartige · ⌀ 9,6 Wörter pro Satz

Neue Wörter

  • klatschen
  • das Klatschspiel
  • die Hand
  • der Takt
  • die Antwort
  • die Lücke
  • überspringen
  • die Frage
  • der Reim
  • vollständig
  • fehlen
  • selbstverständlich
  • drehen
  • lauschen

Grammatik

  • Nebensätze mit wo, wenn und dass
  • indirekte Frage (wer die Stadt sieht)
  • Perfekt und Präteritum
  • Vergleich (genau dort, an derselben Stelle)

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