Mira geht zur alten Frau, aber sie geht anders als früher. Sie will nichts fragen. Sie hat gelernt, dass Fragen bei der alten Frau nichts bringen; die alte Frau gibt keine Antworten, jedenfalls keine geraden. Heute hat Mira etwas anderes dabei. Heute hat sie eine Melodie.
Sie setzt sich auf die Bank, wie schon oft, und eine Weile sagen beide nichts. Der Markt ist laut, aber um die alte Frau herum ist es immer ein wenig still, als säße sie in ihrer eigenen ruhigen Luft.
Dann, ganz leise, beginnt Mira zu summen. Es ist die verlorene Strophe aus dem Wiegenlied ihrer Mutter, die Strophe ohne Worte, nur die Melodie, sanft und traurig, so wie die Mutter sie gesummt hat. Mira summt nicht für die alte Frau. Sie summt einfach, als dächte sie nach, als summte sie für sich.
Die alte Frau sitzt da und sieht über den Platz. Ihr Gesicht verändert sich nicht. Aber nach ein paar Tönen geschieht etwas, das Mira das Herz still stehen lässt.
Die alte Frau summt mit.
Ganz leise zuerst, so leise, dass Mira nicht sicher ist, ob sie es sich einbildet. Aber dann wird es deutlicher. Die alte Frau summt die Melodie, Ton für Ton, ohne zu zögern, als wäre sie ihr so vertraut wie der eigene Atem. Sie summt sie richtig, jeden Ton an seinem Platz, sanft und ruhig.
Und dann summt sie weiter.
Mira war bis zu der Stelle gekommen, an der auch ihre Mutter immer aufhörte, ans Ende dessen, was die Familie noch kannte. Aber die alte Frau hört dort nicht auf. Sie führt die Melodie fort, über die Stelle hinaus, in einen Teil hinein, den Mira noch nie gehört hat. Neue Töne, weich und dunkel, steigen und fallen, und für einen Augenblick bewegen sich die Lippen der alten Frau, als kämen gleich Worte, als läge ihr die ganze Strophe schon auf der Zunge –
Und dann hält sie inne. Mitten im Ton. So plötzlich, als hätte jemand eine Tür zugemacht.
Die alte Frau schließt den Mund. Ihre Hände liegen ruhig in ihrem Schoß, aber Mira sieht, dass etwas in ihr geschehen ist. Sie hat sich selbst gehört. Sie hat gemerkt, was sie tat.
Eine lange Stille. Mira wagt kaum zu atmen.
„Du kennst es“, sagt Mira schließlich, ganz leise. „Du kennst die ganze Strophe. Du bist weitergekommen als meine Mutter. Weiter als irgendwer.“
Die alte Frau sieht weiter über den Platz. „Eine alte Melodie“, sagt sie ruhig. „In meinem Alter kennt man viele.“
„Aber die Worte“, sagt Mira. „Deine Lippen haben sich bewegt. Du wolltest gerade die Worte singen. Ich habe es gesehen.“
„Was ein alter Mund tut, muss nicht bedeuten, dass ein alter Kopf es sagen will“, antwortet die alte Frau. Und es liegt kein Ärger darin, nur diese ruhige Klarheit, die sie immer hat.
Mira spürt, wie nah sie ist. So nah. Die Worte sind da, in dieser alten Frau, lebendig, nur einen Atemzug entfernt. „Bitte“, sagt sie. „Meine Mutter hat sie verloren. Mein Großvater hat sie gekannt, aber er ist tot. Du bist vielleicht die Einzige, die sie noch weiß. Wenn du sie mir nicht gibst, sind sie für immer weg.“
Die alte Frau schweigt lange. Dann wendet sie zum ersten Mal den Kopf und sieht Mira an, und ihr Blick ist nicht kalt, aber sehr fest.
„Wenn ich dir die Worte jetzt gebe“, sagt sie, „dann sind es meine Worte, und du glaubst sie, weil eine alte Frau sie gesungen hat. Genau wie beim Turm. Erinnerst du dich? Eine Antwort von mir wäre meine. Deine musst du selbst finden. Sonst trägst du sie nicht; sie trägt dich.“
„Aber wenn niemand sie mehr weiß –“, beginnt Mira.
„Ich habe nicht gesagt, dass niemand sie mehr weiß“, sagt die alte Frau. „Ich habe gerade eben bewiesen, dass sie noch leben. Du hast es gehört. Das ist mehr, als du gestern hattest. Gestern dachtest du, die Strophe ist tot. Heute weißt du: Sie ist nicht tot. Sie schläft nur. In alten Köpfen. Hinter alten Lippen.“ Sie macht eine kleine Pause. „Und manchmal entfährt sie einer alten Frau, wenn ein Kind die richtige Melodie summt.“
Mira sitzt still und lässt die Worte sinken. Sie ist enttäuscht und zugleich seltsam froh. Sie hat die Strophe nicht bekommen. Aber sie hat etwas anderes bekommen, etwas Wichtigeres vielleicht: den Beweis, dass es sie noch gibt.
„Du bist weiter gekommen“, sagt Mira noch einmal, mehr zu sich selbst. „Also gibt es einen Weg. Die Worte sind nicht verloren. Sie sind nur versteckt.“
„Alles Wichtige ist versteckt“, sagt die alte Frau und wendet sich wieder dem Platz zu. „Sonst wäre es nicht wichtig genug, um bewahrt zu werden. Man versteckt nicht, was man wegwerfen darf.“
Mira steht auf. Sie weiß, dass sie heute nichts mehr bekommen wird. Aber sie geht nicht enttäuscht. Sie geht mit einer neuen Gewissheit.
„Danke“, sagt sie.
„Wofür?“, sagt die alte Frau, ohne den Kopf zu drehen. „Ich habe nur eine Melodie gesummt. Das machen alte Frauen.“ Und um ihren Mund liegt ein ganz kleines Lächeln.
Auf dem Heimweg summt Mira die Melodie weiter, den ganzen Weg, auch den neuen Teil, den sie gerade gehört hat. Sie kann ihn noch nicht ganz. Aber sie hat ihn gehört, und was man einmal gehört hat, kann man wieder finden. Irgendwo in der Stadt, denkt sie, hinter alten Lippen, wartet die ganze Strophe. Sie muss nur die richtige Melodie summen, oft genug, an den richtigen Stellen. Dann wird die Wahrheit vielleicht ganz von selbst weitersingen, so wie es der alten Frau eben entfahren ist.
Noch nicht ganz. Aber ein Stück weiter als gestern.