Aron ruft heute wieder. Nicht laut, nicht mit dem alten, überschweren Honig, den er sich abgewöhnt hat, aber er ruft, denn ein Händler ohne Stimme ist nur ein Mann mit Waren. Mira bleibt an seinem Stand stehen und hört zu, und Aron merkt es sofort, so wie er alles merkt.
„Du sammelst Wörter“, sagt er, ohne die Frage als Frage zu stellen. „Du und der Junge. Reime, Lieder, alte Sprüche.“
„Ja“, sagt Mira. Sie versteckt es nicht mehr vor Aron. „Wir suchen die Zeilen, die keiner mehr erklären kann.“
„Dann bist du bei mir richtig“, sagt Aron, und in seiner Stimme liegt etwas Stolz. „Denn niemand in dieser Stadt kennt so viele alte Rufe wie ich. Die Rufe sind mein Handwerk. Und sie sind älter als du denkst.“
Er wischt sich die Hände ab und setzt sich auf den Rand seines Standes.
„Ein Marktruf“, sagt er, „ist auch ein altes Lied, nur kürzer. Man erbt ihn. Als ich jung war, hat mir ein alter Händler seine Rufe beigebracht, so wie er sie von seinem Meister hatte. ‚Frisches Öl aus dem Süden!‘ ‚Salz von den weißen Hügeln!‘ Die meisten sind leicht zu verstehen. Sie sagen, was ich verkaufe, und sie klingen gut. Das ist ihr ganzer Sinn.“
„Und die alten?“, fragt Mira.
„Die alten sind anders“, sagt Aron langsam. „Es gibt einen Ruf, den kennen nur noch wenige. Die ganz alten Händler rufen ihn manchmal, wenn der Markt am Morgen öffnet. Er verkauft nichts Bestimmtes. Er ruft nur die Leute auf den Platz. Und in ihm ist eine Zeile, die ich nie verstanden habe.“
„Ruf ihn“, bittet Mira.
Aron holt Luft, und dann ruft er, mit einer anderen Stimme als sonst, tiefer, langsamer, fast feierlich:
„Auf, ihr Leute, kommt herbei, kommt zum Rand, kommt zum Rand, bringt eure Waren, bringt eu’r Brot, der Morgen ruft, der Markt ist wach!“
Der Ruf verklingt über dem Platz. Ein paar alte Leute drehen die Köpfe, als hätten sie etwas Vertrautes gehört, und lächeln.
„Hörst du die Zeile?“, sagt Aron. „‚Kommt zum Rand, kommt zum Rand.‘ Das habe ich nie verstanden. Sieh dich um, Mira. Wo stehen die Stände?“
Mira sieht sich um. Die Stände stehen überall. Sie stehen am Rand, ja, aber auch in der Mitte, kreuz und quer, dicht an dicht über den ganzen Platz.
„Überall“, sagt sie.
„Überall“, wiederholt Aron. „Kein Mensch verkauft nur am Rand. Warum sollte er? In der Mitte ist der beste Platz, dort gehen die meisten Leute vorbei. Und trotzdem sagt der älteste Ruf: ‚Kommt zum Rand.‘ Nicht: ‚Kommt in die Mitte.‘ Nicht: ‚Kommt auf den Platz.‘ Sondern: ‚zum Rand.‘ Als hätte der Platz eine Mitte, die man frei lassen muss.“
Mira wird ganz still. Sie denkt an den Laternenmann: „Das Wichtige steht oft am Rand.“ Sie denkt an die alte Frau, die dieselben Worte gesagt hat. Und sie sieht zur Mitte des Platzes, wo der Turm steht, grau und hoch, und um seinen Fuß der Ring, den niemand pflastert und den niemand betritt.
„Warum rufst du ihn dann noch?“, fragt sie leise. „Wenn er nicht mehr stimmt?“
Aron zuckt mit den Schultern, und zum ersten Mal wirkt der Mann, der alles erklären kann, ein wenig ratlos. „Aus Gewohnheit“, sagt er. „Es fühlt sich richtig an, den Markt so zu öffnen. Wie ein Ritual. Die alten Händler haben es getan, und ich tue es auch, und wenn ich es tue, fühle ich mich mit ihnen verbunden. Ich denke nicht darüber nach. Ich rufe einfach.“
„Der Kopf denkt nicht darüber nach“, sagt Mira. „Aber der Mund ruft es trotzdem.“
„So könnte man es sagen“, sagt Aron. Er sieht sie an, und in seinem Gesicht ist etwas Neues, ein leises Erschrecken. „Weißt du, das ist seltsam für mich. Ich lebe von meiner Stimme. Ich weiß genau, warum ich jedes Wort sage, das ich sage. Ich lege Honig hier hin und lasse ihn dort weg, mit Absicht, immer mit Absicht. Aber diesen einen Ruf … den rufe ich, ohne zu wissen, warum. Er kommt aus einer Zeit vor mir. Er gehört nicht mir. Er gehört dem Markt selbst.“
„Vielleicht“, sagt Mira, „gab es einmal einen Grund, die Mitte frei zu lassen. Und der Ruf hat den Grund vergessen, aber die Regel behalten. So wie die Bäckerin ihren Krug zudeckt, ohne zu wissen, warum.“
Aron sieht lange zur Mitte des Platzes. „Kommt zum Rand“, sagt er noch einmal, leise, für sich. „Vielleicht hast du recht. Vielleicht sage ich seit Jahren jeden Morgen etwas, das viel mehr bedeutet, als ich dachte. Und ich habe es nie gehört, weil ich es zu oft gesagt habe.“
Er steht auf und richtet seine Waren, und für einen Moment ist er ganz der alte Aron, der nachdenkt und leiser wird. „Das ist eine gute Suche, Mira“, sagt er. „Ihr sucht nicht in den Büchern und nicht in den Steinen. Ihr sucht in den Wörtern, die den Leuten aus dem Mund fallen, ohne dass sie es merken. Da versteckt sich keiner. Da lügt keiner. Da ruft die Stadt selbst, mit einer Stimme, die älter ist als alle, die heute leben.“
Mira bedankt sich und geht. Am Rand des Platzes dreht sie sich noch einmal um. Aron ruft gerade wieder, den ganz gewöhnlichen Ruf diesmal, „Frisches Öl aus dem Süden!“, und die Leute kommen und kaufen, in der Mitte, am Rand, überall.
Aber in Miras Kopf ruft der andere Ruf weiter, der alte, der feierliche: „Kommt zum Rand, kommt zum Rand.“ Und sie denkt: Die Stadt hat die Mitte längst voll gestellt mit Ständen und Menschen. Nur einen einzigen Fleck lässt sie frei, immer, um den Turm herum. Der Mund der Stadt ruft die alte Regel noch, jeden Morgen. Nur die Füße sind ihr nicht mehr ganz gefolgt.