Tovin hat viele Tage gesammelt, und jetzt hat er, was er wollte: nicht eine Fassung des langen Liedes, sondern viele. Er hat den alten Fischer gefragt und die Frau mit den Ziegen, einen Träger, zwei alte Männer am Brunnen und die Bäckerin. Jeder kannte das Lied. Und jeder kannte es ein bisschen anders.
Am Abend legt er alle Zettel auf dem Boden aus, in Reihen, einen unter den anderen, so wie er damals die Karten nebeneinandergelegt hat. Mira sitzt bei ihm und hält die Laterne, damit sie die Kohle-Zeilen lesen können.
„Sieh dir das an“, sagt Tovin. „Zuerst dachte ich, ich hätte einen Fehler gemacht. Denn die Fassungen passen nicht zusammen. Gar nicht.“
„Wie meinst du das?“, fragt Mira.
„Der Fischer beginnt mit dem Wasser“, sagt Tovin und zeigt auf den ersten Zettel. „‚Das Wasser fließt, die Brücke steht.‘ Dann kommen bei ihm der Fluss, das Meer, die Boote. Aber die Ziegenfrau beginnt ganz anders. Bei ihr kommen zuerst die Hügel, dann die Steine, dann der Markt. Und der Träger fängt beim Tor an. Jeder singt eine andere Reihenfolge. Jeder lässt Verse weg und nimmt andere dazu. Manche sind lang, manche kurz. Wenn ich sie vergleiche, ist fast jede Zeile anders.“
„Also ist das Lied durcheinander“, sagt Mira. „Es gibt keine richtige Fassung.“
„Das habe ich auch gedacht“, sagt Tovin. „Bis ich genauer hingesehen habe.“ Er beugt sich vor, und seine Stimme wird leiser, so wie immer, wenn er etwas gefunden hat. „Alles ist verschieden, Mira. Der Anfang, die Reihenfolge, die Länge. Aber es gibt eine Sache, die bei allen gleich ist. Eine einzige.“
„Was?“, fragt Mira.
„Die Stelle, an der sie abbrechen“, sagt Tovin.
Er fährt mit dem Finger die Zettel entlang, einen nach dem anderen. „Sieh her. Der Fischer zählt auf: Wasser, Brücke, Fluss, Meer, Boote, Steine … und dann, mitten im Lied, stockt er. Er hat mir gesagt: ‚Hier kommt noch was, aber ich hab’s vergessen‘, und ist zum Ende gesprungen. Die Ziegenfrau: Hügel, Steine, Markt, Brunnen … und dann summt sie nur noch, ganz genau wie deine Mutter beim Wiegenlied, und singt danach das Ende. Der Träger kommt bis zum Brunnen und sagt: ‚Den Rest kenne ich nicht.‘“
Mira sieht auf die Zettel, und langsam versteht sie, was Tovin meint.
„Sie hören alle an verschiedenen Wörtern auf“, sagt sie.
„Nein“, sagt Tovin, und jetzt ist er ganz sicher. „Das ist der Trick, Mira. Es sieht so aus, als hörten sie an verschiedenen Stellen auf, weil jeder eine andere Reihenfolge singt. Aber wenn ich die Reihenfolge nicht beachte und nur schaue, welche Dinge sie schon genannt haben, bevor sie abbrechen – dann ist es immer dieselbe Stelle. Sie kommen alle bis dahin, wo sie fast in der Mitte der Stadt sind. Sie nennen den Brunnen, den Markt, die Steine – die Dinge, die nah an der Mitte liegen. Und genau dann, wenn der nächste Schritt in die Mitte gehen müsste, hört jeder auf. Der eine vergisst, der andere summt, der dritte springt zum Ende. Aber keiner, kein Einziger, macht den nächsten Schritt.“
Es wird still zwischen ihnen. Draußen ruft die Nacht, und die Laterne wirft ihr kleines Licht auf die Zettel voller Wörter.
„Das ist wie bei den Karten“, sagt Mira leise.
„Fast“, sagt Tovin. „Aber nicht ganz. Denk nach. Bei den Karten war alles gleich – die Flüsse, die Brücke, die Häuser, alles am selben Platz – und nur eine Sache war anders: In der Mitte war ein Loch. Beim Lied ist es umgekehrt. Beim Lied ist alles verschieden. Jeder singt anders. Und nur eine Sache ist gleich: die Lücke. Alle haben dasselbe Loch, an derselben Stelle.“
Mira spürt, wie ihr ein Schauer über den Rücken läuft. „Und das ist der stärkere Beweis“, sagt sie, denn sie erinnert sich an das, was Tovin ihr beigebracht hat.
„Genau“, sagt Tovin, und in seiner Stimme liegt jetzt diese stille Ehrfurcht, die er sonst nur selten zeigt. „Weißt du noch, was ich über die Reime gesagt habe? Wenn eine Zeile bei allen gleich bleibt, obwohl das ganze Lied wackelt, dann hat sie großes Gewicht. Und hier wackelt alles. Alles. Nur die Lücke steht fest wie ein Stein. Wenn hundert Menschen ein Lied auf hundert verschiedene Arten singen und alle hundert genau an derselben Stelle den Mund halten – dann ist das kein Zufall. Dann ist das die wichtigste Stelle des ganzen Liedes. Es ist die Stelle, um die sich alles dreht. Und keiner traut sich hin.“
„Wie beim Tanz“, sagt Mira. „Alle drehen sich, jeder anders, aber keiner geht in die Mitte.“
„Wie beim Tanz“, sagt Tovin.
Mira sieht auf die Zettel, auf die vielen verschiedenen Wörter und die eine gemeinsame Stille. „Aber wir wissen noch nicht, was da fehlt“, sagt sie. „Wir wissen nur, dass etwas fehlt. Und dass es alle gleich weglassen.“
„Noch nicht“, sagt Tovin. „Aber jetzt weiß ich, wie wir es finden können. Ich muss die Reihenfolge richtig zusammensetzen. Aus allen Fassungen eine einzige machen, die stimmt – so, wie man aus vielen halben Karten eine ganze macht. Wenn ich die richtige Reihenfolge habe, dann sehe ich genau, welches Ding an der Stelle der Lücke stehen müsste. Welches Ding zwischen dem Brunnen und dem Ende gehört. Welches Ding in der Mitte steht und in keiner Fassung genannt wird.“
Mira weiß es schon. Sie spürt es im Bauch, kalt und klar. Aber sie sagt es nicht laut, denn es ist noch nicht bewiesen, und ein Wort zur falschen Zeit macht blind.
„Dann setz es zusammen“, sagt sie nur.
„Das mache ich“, sagt Tovin und beschwert die Zettel mit einem Stein. „Gib mir ein, zwei Tage. Ich ordne die Fassungen, ich prüfe jede Reihenfolge, und dann haben wir das ganze Lied, so vollständig, wie es überhaupt noch geht. Bis auf das eine Wort, das keiner mehr singt.“
Sie löschen die Laterne. In der Dunkelheit liegt Miras Kopf voller Wörter, die durcheinanderpurzeln – Wasser, Brücke, Markt, Steine, Brunnen –, und dann, jedes Mal, an derselben Stelle, ein Schweigen, rund und leer wie ein Kreis auf einer alten Karte.