Ein Jahr Deutsch

Großvater hat es gesungen

Tag 69 10 Min.

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Am Abend, als der Vater vom Markt zurück ist und die Suppe gegessen, setzt sich Mira zu ihm. Sie hat den ganzen Tag überlegt, ob sie ihn fragen soll. Aber sie hat ihm versprochen, ihm alles zu erzählen, und ein Versprechen hält man.

Vater“, sagt sie, „darf ich dir etwas vorsummen? Ein altes Lied. Ich möchte wissen, ob du es kennst.“

Sing nur“, sagt der Vater und legt die Hände in den Schoß.

Mira beginnt. Es ist das lange Lied, das die Stadt aufzählt, so weit, wie Tovin es bis jetzt zusammengesetzt hat: das Wasser, die Brücke, der Fluss, der Markt, die Steine, der Brunnen. Sie summt es langsam, Zeile für Zeile, und beobachtet dabei das Gesicht ihres Vaters.

Und sie sieht, wie sich sein Gesicht verändert.

Am Anfang lächelt er, so wie man lächelt, wenn ein vertrauter Klang ins Ohr kommt. Aber je weiter Mira singt, desto stiller wird er. Das Lächeln verschwindet. Seine Augen werden weit, und dann feucht, und er hebt die Hand, ganz langsam, als wollte er Mira bitten aufzuhören, aber er sagt nichts.

Mira kommt bis zu der Stelle, an der alle abbrechen, bis dorthin, wo der nächste Schritt in die Mitte gehen müsste. Und dort hält sie an, denn weiter kann sie nicht.

Eine lange Stille.

Wo hast du das her?“, fragt der Vater endlich, und seine Stimme ist rau.

Von vielen Leuten“, sagt Mira. „Vom Fischer, von der Ziegenfrau, von den alten Männern am Brunnen. Tovin hat alles aufgeschrieben. Jeder kennt ein Stück davon. Kennst du es auch?“

Der Vater nickt langsam. Er sieht nicht Mira an, sondern durch das Fenster hinaus, in die dunkle Stadt.

Dein Großvater hat es gesungen“, sagt er leise. „Oft. Öfter als jeder andere Mensch, den ich kannte. Am Ende, in seinen letzten Jahren, hat er es fast jeden Abend gesungen. Ich hatte es ganz vergessen. Und jetzt kommst du und summst es mir vor, und es ist, als säße er wieder hier am Tisch.“

Mira wagt kaum zu atmen. „Kannst du dich an die Worte erinnern?“, fragt sie. „An alle?“

An viele“, sagt der Vater. „Wasser, Brücke, Fluss. Genau die, die du gesungen hast. Er ist immer die Stadt entlanggegangen mit diesem Lied, von außen nach innen, und hat alles benannt, ein Ding nach dem anderen.“ Er hält inne. „Aber dann …“

Was dann?“, fragt Mira.

Der Vater schweigt lange. „Dann kam die Stelle, an der du eben aufgehört hast“, sagt er schließlich. „Und weißt du, was er tat? Die anderen, sagst du, vergessen an dieser Stelle oder summen. Dein Großvater hat nicht vergessen. Er hat nicht gesummt. Er hat aufgehört zu singen, mitten im Lied. Und dann hat er zur Mitte der Stadt gesehen, durch das Fenster, lange, ganz still. Und sein Gesicht wurde traurig, so traurig, dass ich als Junge Angst bekam und ihn nicht zu fragen wagte.“

Mira spürt, wie ihr das Herz bis zum Hals schlägt. „Er wusste, dass da etwas fehlt“, sagt sie leise.

Ja“, sagt der Vater. „Das ist der Unterschied, glaube ich. Die anderen singen über die Lücke hinweg, ohne sie zu merken. Sie ist für sie keine Lücke, nur ein Ende. Aber dein Großvater hat die Lücke gespürt. Jedes Mal. Als läge dort etwas, das man ihm genommen hat. Er hat nicht vergessen, was fehlt. Er hat nur nicht gewusst, wie er es zurückholen soll. Und das hat ihn krank vor Trauer gemacht.“

Hat er je das fehlende Wort gesungen?“, fragt Mira. „Ein einziges Mal?“

Der Vater denkt lange nach. „Nein“, sagt er. „Nie. Ich habe ihn tausendmal an dieser Stelle verstummen hören, aber ich habe nie gehört, was danach kommt. Ich weiß nicht einmal, ob er selbst es wusste. Vielleicht hat er nur gespürt, dass etwas fehlt, ohne den Namen zu kennen. So wie man einen Zahn vermisst, der schon lange ausgefallen istman fühlt die Lücke mit der Zunge, aber man kann den Zahn nicht mehr sehen.“

Sie sitzen still. Draußen ist die Stadt dunkel, und irgendwo in ihrer Mitte steht der Turm, den man von hier nicht sieht, aber immer weiß.

Danke, dass du es mir sagst“, sagt Mira schließlich. „Ich weiß, dass es wehtut.“

Es tut weh“, sagt der Vater, „und trotzdem bin ich froh.“ Er sieht sie zum ersten Mal wieder an. „Weißt du, all die Jahre dachte ich, dieses Lied wäre mit ihm gestorben. Dass seine Traurigkeit umsonst war, dass sie mit ihm ins Grab gegangen ist. Und jetzt sitzt du hier und summst es mir vor, und es lebt wieder. Du gehst weiter, wo er aufgehört hat. Aber du bist nicht allein, so wie er allein war. Das ist der Unterschied.“

Mira legt ihre Hand auf die ihres Vaters. „Ich glaube, wir kommen der Stelle nah“, sagt sie. „Tovin setzt gerade alle Fassungen zusammen. Bald haben wir das ganze Lied, so vollständig, wie es noch geht. Und dann sehen wir genau, welches Ding an der Stelle stehen müsste, an der Großvater immer still wurde.“

Der Vater drückt ihre Hand. „Dann sei vorsichtig“, sagt er. „Nicht, weil ich dir Angst machen will. Sondern weil dein Großvater an dieser Stelle traurig wurde, jeden Abend, sein Leben lang. Was immer dort fehltes ist schwer. Schwer genug, um einen starken Mann zu beugen. Trag es nicht allein.“

Ich trage es nicht allein“, sagt Mira. „Ich habe dich. Und Tovin. Und die alte Frau, auch wenn sie nichts sagt.“

In dieser Nacht liegt Mira lange wach. Sie denkt an ihren Großvater, der Abend für Abend das Lied sang und Abend für Abend an derselben Stelle verstummte und zur Mitte der Stadt sah. Er hat die Lücke gespürt, aber er konnte sie nicht füllen. Er ist bis an den Rand des Wortes gekommen und dort stehen geblieben, allein, ein Leben lang.

Morgen, denkt Mira, wird Tovin das Lied zusammengesetzt haben. Morgen werden sie sehen, was in der Mitte steht. Sie hat Angst davor. Aber sie ist auch bereit. Denn zum ersten Mal weiß sie ganz sicher: Die Lücke ist echt. Ein Mensch hat um sie getrauert. Und was einen Menschen zum Trauern bringt, ist niemals nichts.

Für Lernende
A2 · Elementary

1011 Wörter · 372 einzigartige · ⌀ 8,8 Wörter pro Satz

Neue Wörter

  • erkennen
  • die Erinnerung
  • verstummen
  • der Blick
  • schweigen
  • die Träne
  • vertraut
  • gestehen
  • die Gewissheit
  • berühren
  • aufhören
  • die Stille
  • anhalten
  • trauern

Grammatik

  • Präteritum (sang, verstummte, sah)
  • Nebensätze mit als, wenn und dass
  • Konjunktiv II (als wüsste er, als läge dort etwas)
  • Relativsätze (das Lied, das er am liebsten sang)

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