Ein Jahr Deutsch

Das Lied ohne Turm

Tag 70 11 Min.

Tipp: Klicke auf ein Wort, um die Bedeutung zu sehen — auf Deutsch oder Englisch.

Es dauert zwei Tage, dann ist Tovin fertig. Als Mira an diesem Abend zu ihm kommt, hat er nicht mehr viele Zettel vor sich liegen, sondern nur noch einen. Auf diesen einen hat er alles zusammengesetzt: aus vielen halben Liedern ein ganzes.

Ich habe es geordnet“, sagt er, und seine Stimme ist ruhig, aber Mira hört das Zittern darunter. „Ich habe jede Fassung genommen und geschaut, welches Ding vor welchem kommt. Der Fischer wusste, dass die Brücke nach dem Wasser kommt. Die Ziegenfrau wusste, dass der Markt nach den Steinen kommt. Jeder kannte ein Stück der Reihenfolge. Und wenn man die Stücke richtig zusammenlegt, dann passt alles. Es gibt nur eine Reihenfolge, in die alle Fassungen passen. Nur eine.“

Und?“, fragt Mira leise.

Setz dich“, sagt Tovin. „Ich singe es dir. Ganz. So vollständig, wie es überhaupt noch geht.“

Mira setzt sich. Tovin holt Luft und singt, langsam, jede Zeile deutlich:

Vom Tor herein, den Fluss entlang, über die Brücke, alten Klang, vorbei am Markt, am Brunnenstein –“

Und dort, an dieser Stelle, hält er an. Nicht, weil er müde ist. Sondern weil hier die Lücke ist, das Schweigen, das keiner füllen kann. Er lässt es einen Atemzug lang stehen. Dann singt er weiter:

„– und wieder hinaus zum Hügelrand, zum Meer, das trägt den weißen Sand.“

Er legt den Zettel hin.

Hörst du es?“, fragt er. „Es ist kein gewöhnliches Lied. Es ist ein Weg. Jemand geht durch die Stadt und benennt alles, was er sieht, der Reihe nach. Vom Tor hereindas ist der Anfang, am Rand. Dann der Fluss, die Brücke, der Markt, der Brunnen. Immer weiter nach innen. Und dann, am Ende, wieder hinaus zu den Hügeln und zum Meer.“

Von außen nach innen“, sagt Mira, „und wieder hinaus.“

Genau“, sagt Tovin. Er nimmt sein altes Stadtbild, die Zeichnung, die er einmal gemacht hat, und legt sie neben den Zettel. „Und jetzt sieh her. Ich gehe den Weg auf der Zeichnung mit dem Finger nach, so wie das Lied ihn singt.“

Sein Finger wandert. Vom Tor am Rand. Den Fluss entlang. Über die Brücke. Zum Markt. Zum Brunnen. Immer näher zur Mitte.

Und dann hält der Finger an. Er hält genau dort an, wo in der Mitte der Zeichnung der Turm steht, grau, hoch, ohne Tür.

Hier“, sagt Tovin, und seine Stimme ist nur noch ein Flüstern. „Hier ist die Lücke. Genau hier. Der Weg kommt bis zum Brunnen, das ist das letzte Ding vor der Mitte. Der nächste Schritt müsste in die Mitte gehen. Der nächste Ort, den das Lied benennen müsste, ist der, der in der Mitte steht. Und dannnichts. Das Lied macht diesen einen Schritt nicht. Es springt über die Mitte hinweg, gleich weiter nach draußen, zu den Hügeln. Als wäre in der Mitte der Stadt nichts.“

Mira sitzt ganz still. Ihr ist kalt, obwohl der Abend warm ist.

Der Turm“, sagt sie. „Das fehlende Wort ist der Turm.“

Das fehlende Wort ist der Turm“, sagt Tovin. „Das Lied benennt jedes Ding der Stadt, eins nach dem anderen, in der richtigen Reihenfolge. Nur eines nicht. Das größte. Das in der Mitte. Genau das lässt es aus. Und nicht nur eine Fassung lässt es ausalle. Immer an derselben Stelle. Immer beim selben Schritt.“

Sie schweigen beide lange. Draußen wird es dunkel, und über der Stadt, unsichtbar von hier, steht der Turm in seiner leeren Mitte.

Mira denkt an alles, was sie in diesen Wochen gefunden hat, und plötzlich fügt es sich zusammen wie die Stücke des Liedes.

Die Karte“, sagt sie langsam, „lässt den Turm aus. Da ist nur ein leerer Kreis, wo er stehen müsste. Das haben wir mit dem Stift gefunden. Der Tanz beim Fest lässt ihn ausalle drehen sich nach außen, keiner in die Mitte. Das haben wir mit den Füßen gefunden. Der Marktruf sagtkommt zum Randund lässt die Mitte frei. Das haben wir mit der Stimme gefunden. Und jetzt das Lied. Es benennt die ganze Stadt und lässt die Mitte aus. Auch mit der Stimme, aber anders.“

Vier Arten“, sagt Tovin. „Vier verschiedene Arten, dasselbe zu tun. Mit dem Stift, mit den Füßen, mit dem Ruf, mit dem Lied. Die Stadt zeichnet den leeren Kreis nicht nur. Sie tanzt ihn, sie ruft ihn, sie singt ihn. Überall dasselbe Loch, an derselben Stelle. Um den Turm herum ist alles voll. Nur der Turm selbst hat keinen Namen mehr, in nichts, das die Stadt tut.“

Das kann kein Zufall sein“, sagt Mira.

Nein“, sagt Tovin. „Ein Zufall ist nie viermal gleich. Das ist ein Muster. Ein großes, altes, tiefes Muster. Die ganze Stadt hält es fest, in allem, was sie macht, ohne zu wissen, dass sie es tut. Wir haben es jetzt gefunden, mit dem Ohr, so wie wir es mit dem Auge gefunden haben. Es ist bewiesen.“

Es ist ein großer Moment, und beide spüren es. Aber es ist kein fröhlicher. Es ist zu schwer für Freude. Mira denkt an ihren Großvater, der genau an dieser Stelle Abend für Abend verstummte und zur Mitte sah. Jetzt versteht sie, wohin er sah. Er sah zu dem Ort, den das Lied nicht benennt. Er ist mit dem Finger auf der Karte bis zur Lücke gekommen, jeden Abend, und hat dort gestanden, so wie Tovins Finger jetzt dort steht, und er wusste, dass da etwas fehlt, und er konnte es nicht sagen.

Wir wissen jetzt, wo das fehlende Wort ist“, sagt Mira. „Genau in der Mitte. Beim Turm. Aber wir wissen noch nicht, welches Wort da einmal stand. Das Lied sagt uns, wo die Lücke ist. Es sagt uns nicht, was verloren ging.“

Noch nicht“, sagt Tovin.

Noch nicht“, sagt Mira. Sie sieht auf den Zettel, auf den ganzen langen Weg durch die Stadt und das Schweigen in seiner Mitte. „Aber wir sind näher als je zuvor. Näher als Großvater. Denn Großvater hatte nur das Lied. Wir haben das Lied und die Karte und den Tanz und den Ruf. Wir wissen, dass die ganze Stadt an derselben Stelle schweigt. Und wenn so viele Wege alle zur selben leeren Mitte führen –“

„– dann muss in dieser Mitte etwas gewesen sein“, sagt Tovin. „Etwas so Großes, dass man es aus allem herausschneiden musste. Aus der Karte, aus dem Tanz, aus dem Lied. Man löscht nicht mit so viel Mühe etwas aus, das nichts bedeutet.“

Mira nimmt Großvaters Stift aus der Tasche und hält ihn fest. Vom Tor herein, den Fluss entlang, über die Brücke, am Brunnenstein vorbei. Und dann, wo das größte Ding der Stadt stehen müsste, nur ein Atemzug Stille, rund und leer, in jedem Mund, seit langer, langer Zeit.

Das Lied hat einen Namen verloren, denkt sie. Aber es hat die Stelle behalten, an der er einmal stand. Und eine Stelle, die man so treu bewahrt, wartet nur darauf, dass jemand kommt und sie wieder füllt.

Noch nicht. Aber das Lied hat auf uns gewartet, so wie die Melodie gewartet hat. Und wir haben angefangen zuzuhören.

Für Lernende
A2 · Elementary

1162 Wörter · 352 einzigartige · ⌀ 8,7 Wörter pro Satz

Neue Wörter

  • zusammensetzen
  • der Weg
  • die Reihenfolge
  • vollständig
  • genau dort
  • auslassen
  • das Herz der Stadt
  • der Beweis
  • bestätigen
  • benennen
  • übereinstimmen
  • das Muster
  • die Gewissheit
  • unbenannt

Grammatik

  • Nebensätze mit dass, wo und obwohl
  • Vergleich (wie die Karte, wie der Tanz)
  • Perfekt und Präteritum
  • Relativsätze (die Stelle, an der der Turm steht)

Finished reading? Sign in to mark this story complete and keep track of your progress.

Comprehension check

4 questions · Freeform answers are graded by AI for meaning and grammar.

Sign in to take the test

Reading is always free. Create a free account to test your comprehension and track which stories and tests you have completed.