In dieser Nacht kann Mira nicht schlafen. Sie steht am Fenster und sieht, wie das kleine Licht des Laternenmanns durch die dunkle Stadt wandert, den gewohnten Weg: die Häuser entlang, zum Brunnen, über die Brücke, zum Turm. Sie zieht sich leise an und geht hinaus, weil sie mit jemandem reden muss, der nicht zuckt.
Sie findet ihn an der Brücke, und er wundert sich nicht, dass sie kommt. Er reicht ihr die Laterne, so wie schon oft, und sie gehen ein Stück zusammen.
„Wir haben etwas gefunden“, sagt Mira. Und dann erzählt sie ihm alles: von den Reimen, von der Bäckerin, vom Wiegenlied, vom Klatschspiel, vom Marktruf. Und zuletzt vom Lied, dem langen Lied, das die ganze Stadt aufzählt und nur die Mitte auslässt, genau dort, wo der Turm steht.
Der Laternenmann hört zu, ohne sie zu unterbrechen, und als sie fertig ist, geht er eine Weile schweigend neben ihr her.
„Vier Arten“, sagt er schließlich. „Der Stift, die Füße, der Ruf, das Lied – vier Arten, dasselbe zu vergessen.“
„Ja, überall dieselbe Lücke“, sagt Mira. „Es ist so viel, dass ich manchmal denke, es ist zu groß. Die ganze Stadt lässt den Turm aus, in allem, was sie tut. Wie soll ein einziges Wort da je zurückkommen?“
Der Laternenmann bleibt stehen. „Du siehst nur das Vergessen“, sagt er. „Aber wenn du genauer hinsiehst, steckt in jeder dieser vier Arten auch etwas anderes.“
„Was denn?“, fragt Mira.
„Die Stelle“, sagt er. „In allen vieren ist die Lücke immer an derselben Stelle. Genau in der Mitte, nicht irgendwo. Die Stadt hat den Turm nicht einfach weggeworfen, sondern den Platz für ihn frei gehalten. Auf der Karte, im Tanz, im Ruf, im Lied – überall ist genau dort ein Loch, wo er hingehört. Und weil ein Loch eine Form hat, Mira, ist diese Form die Form von dem, was fehlt.“
Mira denkt darüber nach. „Also ist das Vergessen auch ein Bewahren“, sagt sie langsam.
„So könnte man es sagen“, antwortet der Laternenmann. „Wer wirklich vergessen wollte, hätte die Mitte zugebaut, ein Haus daraufgesetzt, einen Baum gepflanzt, den Platz vollgestellt. Dann wäre keine Lücke mehr da, und niemand würde je merken, dass etwas fehlt. Aber das hat die Stadt nicht getan, sondern die Mitte ganz genau frei gehalten, seit langer Zeit. Als hätte ein Teil von ihr gewusst: Hier muss Platz bleiben, für den Tag, an dem es zurückkommt.“
Sie gehen weiter, dem Turm entgegen, und weil Mira die Laterne trägt, ist ihr Herz leichter geworden.
„Aber die Karte“, sagt sie. „Die Karte ist tot. Was einmal nicht auf dem Papier steht, kommt nie mehr darauf. Die Tinte ist trocken. Das Wort ist für immer weg.“
„Das stimmt“, sagt der Laternenmann. „Eine Karte ist tot. Sie hält fest, was einmal gezeichnet wurde, und mehr kann sie nicht. Wenn ein Wort von der Karte fehlt, dann bleibt es fort. Aber ein Lied –“ Er hält inne. „Ein Lied ist nicht tot, Mira. Ein Lied lebt. Es steht nicht auf Papier. Es geht von Mund zu Mund, von Mutter zu Kind, seit vielen Menschenleben. Es atmet. Und was lebt, das kann sich ändern. Was lebt, kann ein Wort verlieren – aber es kann ein Wort auch wieder aufnehmen.“
Mira bleibt fast stehen. „Du meinst, das fehlende Wort könnte zurückkommen? In das Lied?“
„Warum nicht?“, sagt der Laternenmann. „Ein totes Ding kann man nicht heilen. Aber ein lebendiges? Ein lebendiges wartet nur. Solange auch nur ein Mensch die Melodie kennt, ist die Stelle offen. Und in eine offene Stelle kann man etwas zurücklegen. Man braucht nur einen, der das Wort noch weiß. Einen Einzigen.“
Sie sind am Turm angekommen. Er steht da, grau und riesig, dunkel gegen den dunklen Himmel. Der Laternenmann hebt die Laterne, wie in jeder Nacht, und sieht hinauf.
Und dann, ganz leise, beginnt er zu summen.
Mira erkennt es sofort. Es ist das lange Lied. Vom Tor herein, den Fluss entlang, über die Brücke, am Markt vorbei, am Brunnenstein. Er summt es genau, jeden Ort an seinem Platz, und sein Blick ruht auf dem Turm.
Und dann kommt die Stelle. Die Lücke. Die Mitte.
Mira hält den Atem an. Denn der Laternenmann summt nicht darüber hinweg wie die anderen. Er vergisst nicht. Er springt nicht zum Ende. Er hält an, genau dort, und für einen langen Augenblick ist es still, und Mira ist sicher – ganz sicher –, dass er das Wort kennt, dass es ihm auf den Lippen liegt, so wie der alten Frau die Worte des Wiegenlieds auf den Lippen lagen.
Aber er singt es nicht. Er senkt die Laterne, sieht Mira an und sagt, leise und ruhig, das, was er immer sagt:
„Noch nicht.“
Mira sagt nichts. Sie weiß jetzt zweierlei, und beides ist groß. Das Wort ist nicht verloren; es lebt, in den Liedern und hinter alten Lippen, und ein Lebendiges kann man zurückholen. Und der alte Mann neben ihr kennt es. Er trägt es mit sich, jede Nacht, bis zum Turm und wieder zurück, und wartet auf die richtige Zeit, es zu geben.
„Wann?“, fragt sie nur.
„Wenn die Stadt es tragen kann“, sagt der Laternenmann. „Ein Wort zur falschen Zeit macht blind. Aber zur rechten Zeit macht es sehend. Du lernst gerade, den Unterschied zu spüren. Das ist mehr wert als das Wort selbst.“
Sie gehen zurück, das kleine Licht zwischen ihnen. Und in Mira singt das Lied weiter, und diesmal hört die Lücke sich anders an. Nicht wie ein Ende. Sondern wie eine Tür, die nur angelehnt ist und auf jemanden wartet, der sie eines Tages öffnet.
Noch nicht. Aber sie lebt. Und was lebt, kommt wieder.