Ein Jahr Deutsch

Wer kennt das ganze Lied?

Tag 72 10 Min.

Tipp: Klicke auf ein Wort, um die Bedeutung zu sehen — auf Deutsch oder Englisch.

Der Laternenmann hat gesagt: Man braucht nur einen, der das Wort noch weiß, einen Einzigen. Also machen sich Mira und Tovin am nächsten Tag auf die Suche nach diesem Einen. Und wo sucht man ein sehr altes Wort, wenn nicht bei den sehr alten Menschen?

Sie gehen von Haus zu Haus zu den Ältesten der Stadt, und weil sie es gelernt haben, fragen sie nicht nach dem Turm, sondern bitten nur um das Lied. „Sing uns das lange Lied“, sagen sie, „das durch die Stadt geht.“ Und die Alten singen gern, denn Singen macht auch alten Menschen Freude, und niemand hat sie lange darum gebeten.

Aber es ist immer dasselbe: Der eine kommt bis zum Brunnen und stockt, der andere summt an der Stelle, und der dritte springt gleich zum Ende, zu den Hügeln und zum Meer. Jeder kennt das Lied, und jeder hat dasselbe Loch an derselben Stelle, so wie Tovin es bewiesen hat. Das Alter macht keinen Unterschied, denn die Lücke ist älter als die ältesten Menschen.

Vielleicht gibt es keinen mehr“, sagt Tovin am Nachmittag, müde. „Vielleicht sind alle, die das Wort noch kannten, längst tot.“

Der Laternenmann kennt es“, sagt Mira. „Und die alte Frau am Markt weiß mehr, als sie sagt. Also ist es nicht tot, sondern nur selten geworden.“

Aber die zwei geben es uns nicht“, sagt Tovin.

Nein“, sagt Mira. „Darum suchen wir weiter.“

Am Abend führt sie eine Frau zu ihrer Großmutter, der ältesten Frau der Stadt. „Sie ist sehr alt“, sagt die Enkelin leise, bevor sie die Tür öffnet. „Ihr Gedächtnis kommt und geht, und an manchen Tagen kennt sie mich nicht. Aber die alten Lieder, die sind ihr geblieben, tiefer als alles andere. Seid sanft mit ihr.“

Die uralte Frau liegt in einem Bett am Fenster, klein und leicht wie ein trockenes Blatt. Ihre Augen sind trüb, aber als Mira anfängt, die Melodie zu summen, geschieht etwas in ihrem Gesicht, das wach wird: Die trüben Augen richten sich, und die dünnen Lippen beginnen sich zu bewegen.

Und dann singt sie.

Ihre Stimme ist nur ein Hauch, brüchig und dünn, aber sie singt, und sie singt richtig. Vom Tor herein, den Fluss entlang, über die Brücke, am Markt vorbei, am Brunnenstein. Mira und Tovin sehen sich an, kaum atmend, denn die uralte Frau hört nicht auf, wo die anderen aufhören, sondern singt weiter, langsam, Wort für Wort, näher an die Mitte heran als jeder Mensch, den sie bisher gehört haben.

Sie kommt bis an den Rand der Lücke. Bis an das Wort selbst. Ihre Lippen formen sich, ihre Hand zittert auf der Decke, als griffe sie nach etwas in der Luft

Und dann bricht es ab. Die alte Frau stockt, ihr Gesicht verwirrt sich. Sie versucht es noch einmal, holt Luft, ihre Lippen öffnen sich, aber es kommt kein Wort. Nur ein Zittern, ein Suchen, ein vergebliches Greifen nach etwas, das ihr immer wieder entgleitet.

Da …“, flüstert sie schließlich. „Da war ein Wort. Ein altes Wort. Ich hatte es. Als Kind hatte ich es, ganz sicher, ich habe es hundertmal gesungen …“ Sie schließt die Augen. „Aber jetzt ist es weg. Es ist so nah. Es liegt mir auf der Zunge, und ich kann es nicht fassen. Wie ein Name, den man vergessen hat, obwohl man das Gesicht noch sieht.“

Mira setzt sich sanft an das Bett. „Es ist gut“, sagt sie leise. „Du hast schon so viel gesungen. Mehr als alle anderen. Ruh dich aus.“

Aber die uralte Frau schüttelt den Kopf, und eine Träne läuft über ihr faltiges Gesicht. „Es ärgert mich“, sagt sie. „Mein ganzes Leben habe ich dieses Lied gesungen, und ich weiß, dass da ein Wort war. Ein wichtiges. Das schönste vielleicht. Und jetzt, wo ein Kind mich danach fragt, ist es fort. Es ist, als hätte ich etwas verloren, das man mir zum Aufheben gegeben hat.“

Du hast es nicht verloren“, sagt Mira, und sie glaubt es selbst. „Du hast bewiesen, dass es das Wort gibt. Dass es einmal wirklich da war, hier, in dieser Stadt, in dem Mund eines Kindes, das du warst. Die anderen sagen, da sei nur eine Lücke. Aber du sagst: Da war ein Wort. Das ist mehr, viel mehr, als wir gestern wussten.“

Die uralte Frau öffnet die Augen und sieht Mira an, lange. „Du bist wie einer“, sagt sie dann. „Wie einer, der früher gekommen ist und mich dasselbe gefragt hat. Vor vielen Jahren. Ein Mann mit großen Händen. Auch er wollte das Wort. Auch ihm konnte ich es nicht geben.“

Mira wird ganz still. Große Hände. „Mein Großvater“, flüstert sie.

Kann sein“, sagt die uralte Frau müde. „Es sind so viele gekommen und gegangen. Aber es kommen nicht viele, die fragen. Die meisten singen das Loch und merken es nicht. Er hat es gemerkt. Und du merkst es auch.“ Sie schließt wieder die Augen. „Sing mir die Melodie noch einmal, Kind. Nur die Melodie. Vielleichtvielleicht kommt es ja doch.“

Mira summt. Die uralte Frau lauscht mit geschlossenen Augen, und ihre Lippen bewegen sich mit, bis zur Lücke, und an der Lücke werden sie still, und das Wort kommt nicht. Nach einer Weile schläft sie ein, ganz friedlich, das halbe Lied noch auf den Lippen.

Draußen ist es dunkel geworden. „Wir sind so nah gewesen“, sagt Tovin leise, als sie gehen. „So nah. Sie hätte es fast gehabt.“

Fast“, sagt Mira. „Aber jetzt wissen wir zwei Dinge mehr. Es war wirklich ein Wort, kein Klatschen, kein Nichts. Und es war noch da, als sie ein Kind warnicht vor tausend Jahren, sondern in einem einzigen Menschenleben. So weit ist es also nicht weg. Nur tief. Und sehr müde.“

Sie sieht zum Turm hinüber, der über den Dächern steht. Irgendwo, denkt sie, liegt das Wort noch, ganz nah, auf einer alten Zunge, hinter alten Lippen, in einem letzten wachen Kopf. Es entgleitet immer wieder. Aber es ist da. Und Großvater ist denselben Weg gegangen und hat vor derselben Tür gestanden. Nur war er allein. Ich bin es nicht.

Für Lernende
A2 · Elementary

1003 Wörter · 354 einzigartige · ⌀ 9,6 Wörter pro Satz

Neue Wörter

  • der Älteste
  • uralt
  • das Gedächtnis
  • sich erinnern
  • die Enkelin
  • das Bett
  • schwach
  • nah
  • entgleiten
  • fast
  • die Kindheit
  • vergeblich
  • beinahe
  • zittern

Grammatik

  • Nebensätze mit als, bevor und dass
  • Konjunktiv II (wenn sie es noch wüsste)
  • Perfekt und Präteritum
  • Relativsätze (die Frau, die am meisten weiß)

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