Wenn Großvater das Wort gesucht hat, denkt Mira, dann hat er vielleicht etwas aufgeschrieben. Er war ein Mann, der zeichnete und schrieb; das weiß sie von den Karten. Also bittet sie ihren Vater noch einmal um die Truhe.
Der Vater holt sie aus dem Lagerraum, staubig und schwer, und stellt sie in die Mitte der Stube. „Was suchst du diesmal?“, fragt er.
„Alles, was mit dem Lied zu tun haben könnte“, sagt Mira. „Zettel. Notizen. Seine Schrift.“
Sie öffnen die Truhe zusammen. Oben liegen die Karten, die Mira schon kennt. Darunter alte Werkzeuge, ein zerbrochenes Messer, ein Beutel mit Knöpfen. Und ganz unten, unter einem Tuch, ein Bündel loser Zettel, vergilbt und weich vom Alter.
Mira nimmt sie heraus, vorsichtig, Blatt für Blatt. Die meisten sind langweilig: Zahlen, Listen, was er gekauft und verkauft hat. Aber dann, in der Mitte des Bündels, findet sie einen, bei dem ihr das Herz stehen bleibt.
Es ist das Lied.
Großvater hat es aufgeschrieben, in seiner eigenen Handschrift, klein und ordentlich, ein wenig zittrig, aber lesbar, Zeile für Zeile, so wie sie es kennt: Vom Tor herein, den Fluss entlang, über die Brücke, am Markt vorbei, am Brunnenstein.
„Vater“, flüstert sie. „Sieh her, er hat es geschrieben, das ganze Lied.“
Der Vater beugt sich über ihre Schulter, und Mira hört, wie sein Atem stockt, als er die vertraute Schrift erkennt.
Mira liest weiter, mit dem Finger, Zeile für Zeile, immer näher an die Stelle heran. An die Lücke. An das fehlende Wort.
Und dann kommt sie dort an und hält inne.
Denn Großvater hat die Lücke nicht leer gelassen. Aber er hat auch kein Wort hingeschrieben. An der Stelle, wo das fehlende Wort stehen müsste, mitten in der Zeile, hat er etwas gemalt, ein kleines Zeichen, einen Kreis. Und in den Kreis, sorgfältig, mit Absicht, einen Punkt.
Mira starrt darauf. Sie kennt dieses Zeichen. Sie hat es zweimal gesehen: einmal geritzt im Felsen draußen in den Hügeln, und einmal auf einem einzelnen gelben Blatt, das ihr der Vater gegeben hat, Großvaters heimliches Zeichen, sein Punkt, den er in die leere Mitte gesetzt hat.
„Er hat kein Wort geschrieben“, sagt Mira langsam. „Er hat sein Zeichen gemalt. Genau da, wo das Wort fehlt.“
Der Vater setzt sich schwer auf einen Schemel. „Dann wusste er es auch nicht“, sagt er leise. „Das Wort kannte er nicht.“
„Nein“, sagt Mira. „Aber er wusste, dass da eines fehlt. Genau wie wir. Er ist bis zur Lücke gekommen, mit der Feder, so wie wir mit dem Ohr, und dann konnte er nicht weiter. Und statt die Stelle leer zu lassen, statt so zu tun, als wäre da nichts, hat er sein Zeichen hingesetzt. Einen Kreis mit einem Punkt.“
„Warum?“, fragt der Vater. „Warum ein Zeichen und kein Fragezeichen? Kein leerer Fleck?“
Mira überlegt, und je länger sie überlegt, desto sicherer wird sie. „Weil ein leerer Fleck sagt: Hier ist nichts“, sagt sie. „Und ein Fragezeichen sagt: Ich weiß nicht. Aber Großvaters Zeichen sagt etwas anderes. Der Kreis mit dem Punkt sagt: Hier gehört etwas hin. Hier ist eine Mitte, und die Mitte darf nicht leer bleiben. Er konnte das Wort nicht finden. Aber er wollte nicht, dass die Lücke gewinnt. Also hat er hineingeschrieben: Hier war etwas. Hier wird wieder etwas sein.“
Sie sitzen still. Der Zettel liegt zwischen ihnen, alt und leicht, und in seiner Mitte der kleine Kreis mit dem Punkt, den ein toter Mann vor vielen Jahren gemalt hat, weil er die Wahrheit nicht ertragen konnte und sie doch nicht loslassen wollte.
Mira dreht das Blatt um. Und auf der Rückseite findet sie noch etwas. In der Ecke, klein und blass, ein paar Zeichen, die keine Buchstaben sind, jedenfalls keine, die sie lesen kann. Kleine Striche, Punkte, Häkchen. Sie hat sie schon einmal gesehen: auf der Rückseite der ältesten Karte, damals, als sie die anderen Karten ausgerollt hat.
„Diese Zeichen“, sagt sie und zeigt sie dem Vater. „Er hat sie abgezeichnet, von den Karten. Er hat versucht, sie zu lesen.“
Der Vater sieht sie an, und sie kann sie beide nicht entziffern. „Er hat alles versucht“, sagt der Vater leise. „Das Lied, die Karten, die Zeichen auf der Rückseite. Er hat gesucht und gesucht, sein ganzes Leben, an allem zugleich. Und am Ende hatte er nur einen kleinen Kreis mit einem Punkt. Mehr hat er nicht gefunden.“
„Nein“, sagt Mira, und sie legt die Hand auf den Zettel. „Er hat mehr gefunden, als du denkst. Er hat herausgefunden, dass alles zusammengehört. Das Lied und die Karte und die Zeichen. Er hat es an einer Stelle gesammelt, auf diesem Zettel. Und er hat die Stelle bewahrt, mit seinem Punkt. Er hat sie mir aufgehoben. Er wusste vielleicht, dass eines Tages jemand kommt, der weitergeht.“
Der Vater sieht sie lange an. „Du redest von ihm, als hätte er auf dich gewartet“, sagt er.
„Vielleicht hat er das“, sagt Mira. „Nicht auf mich. Aber auf irgendjemanden. Auf einen, der nicht allein ist. Der nicht aufgeben muss, weil er jemanden hat, dem er es zeigen kann.“ Sie sieht ihren Vater an. „So wie ich dir das jetzt zeige.“
Der Vater nimmt den Zettel in seine großen Hände, so vorsichtig, als könnte er zerfallen, und für einen Moment sieht Mira in seinem Gesicht etwas, das sie noch nie so deutlich gesehen hat: nicht nur Trauer, sondern auch Stolz.
„Bewahr ihn gut“, sagt er und gibt ihr das Blatt zurück. „Er gehört jetzt zu deinen anderen. Zu dem gelben Blatt, zu dem Stift. Er hat dir mehr hinterlassen, als ich dachte.“ Er hält inne. „Und, Mira – bald muss ich dir etwas erzählen. Über ihn. Etwas, das ich lange nicht gesagt habe, weil ich dachte, es ist besser so. Aber jetzt sehe ich, dass du weit genug bist, um es zu hören.“
Mira sieht auf. „Was denn?“, fragt sie.
„Nicht heute“, sagt der Vater, und seine Stimme ist schwer. „Bald. Ich muss es zuerst selbst wieder anfassen. Es ist lange her.“
Mira drängt nicht. Sie legt den neuen Zettel zu ihren Schätzen, zum leeren Kreis der Karte, zum vollen Kreis des kleinen Jungen, zum gelben Blatt mit Großvaters Punkt. Jetzt hat sie auch das Lied in seiner Schrift, mit dem Kreis mitten in der Zeile.
In der Nacht sieht sie es vor sich: die zittrige alte Handschrift, und dort, wo ein Wort sein sollte, ein Kreis mit einem Punkt. Großvater konnte das Wort nicht finden. Aber er hat den Platz nicht aufgegeben. Und er hat noch etwas versprochen, ohne es zu wissen, an diesem Abend, durch den Mund ihres Vaters: dass bald noch mehr kommt.